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Vergangenes im Heute
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|| Aliki Nasssoufis
Für Besucher kann Neustrelitz im Sommer eine Reise in eine frühere Zeit sein: Im Schlossgarten spazieren Frauen wie Ende des 19. Jahrhunderts in wallenden Kleidern oder fahren zusammen mit ihren Gatten im Frack in Pferdekutschen umher.

Szenen wie diese sind in Neustrelitz nichts Ungewöhnliches, gehören sie doch zu den alljährlichen Schlossgartenfestspielen. Für die Aufführung der Operette »Die Lustige Witwe« liefen 2005 Dutzende Statisten in historischen Kostümen durch den Garten, und das Orchester saß auf einer kleinen Bühne mitten im Grünen. Mehr als 150.000 Besucher kamen in den vergangenen fünf Jahren zu den Festspielen, die sich mittlerweile als die größten Operettenfestspiele Deutschlands etabliert haben. Dabei hatte alles eher zufällig begonnen: Im Jahr 2000 setzten sich Vertreter aus verschiedenen Bereichen der Stadt Neustrelitz zusammen, um sich ein Programm für das Jubiläumsjahr 2001 zu überlegen, denn dann sollten 300 Jahre Königreich Preußen und auch 300 Jahre Großherzogtum Mecklenburg-Strelitz gefeiert werden. Eine Idee führte zur nächsten, bis schließlich feststand: Wir organisieren eine Operettenaufführung!

Kunst, Geschichte, Kultur

»Wir wollten die drei wichtigsten Elemente von Neustrelitz miteinander verbinden: Kunst, Historie und Natur«, erinnert sich Mitbegründer und Festspieldirektor Lothar Kempf. Eine Oper mit historischem Inhalt und im Grünen war das Ziel. Im Jahr 2001 wurde die eigens komponierte Operette »Königin Luise – Königin der Herzen« in einer Weltpremiere aufgeführt – immerhin war Neustrelitz nicht nur der einstige Sitz der Herzöge von Mecklenburg-Strelitz, sondern auch die Vaterstadt der späteren Königin von Preußen, Prinzessin Luise von Mecklenburg-Strelitz, die 1810 während eines Besuchs bei ihrem Vater in Neu-strelitz mit erst 34 Jahren starb. Seit 2001 war das Leben der wohl bekanntesten Bewohnerin von Neustrelitz schon zwei Mal Thema der Schlossgartenfestspiele.

»Bei uns soll die klassische Operette im Mittelpunkt stehen«, betont Kempf. »Mit all’ ihrer Üppigkeit, aber eben auch mit ihren leichten Themen.« So trugen beispielsweise 2005 bei den Aufführungen zu »Die lustige Witwe« – die Operette war genau 100 Jahre vorher in Wien uraufgeführt worden – alle der knapp 200 Schauspieler und Sänger prächtige Kostüme, die Pferde waren mit Troddeln geschmückt und selbst die Statisten, die im Hintergrund durch den Garten liefen, waren bis ins Detail liebevoll gekleidet. 2006 wird »Der Vogelhändler« von Moritz West und Ludwig Held aufgeführt. Damit sich die bis zu 2.200 Gäste pro Vorführung dann ganz auf die Liebeswirrungen zwischen dem Vogelhändler Adam und dem vermeintlichen Bauernmädchen konzentrieren können, ist bis zur Premiere am 7. Juli noch viel zu proben und logistische Schwierigkeiten zu lösen. Wie in den vergangenen Jahren werden zu den Klängen der Neubrandenburger Philharmonie erneut Tänzer und Tänzerinnen der Deutschen Tanzkompanie, Ensemblemitglieder des Landestheaters in Neustrelitz sowie einheimische Laiendarsteller auf der Bühne stehen.

Neustrelitz bietet mehr als Operette

Für die Stadt Neustrelitz sind die Schlossgartenfestspiele zu einer wichtigen Touristenattraktion geworden, die sich auch für das einheimische Gewerbe lohnt. 70 Prozent der Gäste kommen aus Mecklenburg-Vorpommern, immer mehr reisen jedoch auch aus Hamburg oder Berlin an. »Residenzstädte gibt es viele in Deutschland, aber unser Operettenfestival sichert uns jetzt einen hohen Wiedererkennungswert«, erklärt sich Kempf diese Entwicklung. Tatsächlich werden durch das Festival neue Besuchergruppen angesprochen, die im Rahmen des Operettenbesuchs oft ein paar Tage in der Stadt bleiben – denn Neustrelitz bietet seinen Besuchern mehr als nur die Operettenfestspiele.

Die Stadt ist eine Neugründung des benachbarten Städchens Strelitz, dem heutigen Strelitz Alt. Ursprünglich stand das herzogliche Residenzschloss dort, doch als dieses 1712 niederbrannte, verlegte der Großonkel der Königin Luise, Herzog Adolf Friedrich III., seinen Wohnort an den Zierker See und ließ hier das vorhandene Jagdhaus Glieneke ausbauen. 1733 gründete er die Stadt Neustrelitz. Sie blieb bis 1918 Residenz des Herzogtums Mecklenburg-Strelitz und bis 1934 Landeshauptstadt des Freistaates Mecklenburg-Strelitz. Wer heute die Altstadt durchstreift, kann den Charme der einstigen Residenzstadt trotz der großen Zerstörungen während des Zweiten Weltkrieges noch immer spüren. Der Marktplatz ist das städtebauliche Zentrum der Stadt. Wie bei einem der großzügig geschnittenen Plätze in Paris gehen hier acht Straßen sternförmig in alle Himmelsrichtungen ab. Dieser barocke Stadtkern mit seinen Bürgerhäusern und dem stattlichen Rathaus aus dem Jahr 1841 steht mittlerweile unter Denkmalschutz. Optisch wird der Platz jedoch dominiert von der evangelischen Stadtkirche, die 1778 erbaut wurde und deren hoher Westturm im toskanischen Stil – von den Neustrelitzern »Bodderfatt« genannt – als Aussichtsturm genutzt werden kann.

Das historische Zentrum

Nur wenige Gehminuten vom Marktplatz entfernt, befindet sich mit dem Schlossgarten und dem ehemaligen Schloss das historische Zentrum der Stadt. Allerdings brannte das Schloss während der letzten Kriegstage 1945 aus und wurde vier Jahre später abgetragen. Heute ist von dem Schloss nicht mehr viel zu sehen: Es wurde nicht wieder aufgebaut, doch im Frühjahr 2001 wurde an dieselbe Stelle das so genannte Luftschloss aus Stahlträgern und wetterfesten Planen errichtet, auf denen die einstige Schlossfassade aufgemalt ist. Direkt nebenan steht ein weiterer, 35 Meter hoher Aussichtsturm, der einen herrlichen Blick über die Stadt und den Park bietet. Beide bilden für die Schlossgartenfestspiele im Sommer die Kulisse.

Zu den Höhepunkten im Park gehört die Orangerie seitlich der Schlossauffahrt. Das kleine Rokkokogebäude wurde schon 1755 errichtet und beherbergt im Inneren drei klassizistische Säle. Auf der anderen Seite der Schlossauffahrt erhebt sich die eindrucksvolle Schlosskirche mit ihren schlanken Türmen. Im Jahr 2001 wurde darin eine Plastikgalerie eröffnet, in der Skulpturen und Plastiken zeitgenössischer Künstler zu sehen sind. In die Natur Wer gern durch die Natur streift, dem sei der Schlossgarten ans Herz gelegt, der die Stadt mit der umgebenden Natur scheinbar nahtlos verbindet. Schmale, verwinkelte Wege führen durch den ganzen Garten, der mit seinen meterhohen Bäumen und zahlreichen Hecken fast wie ein natürlicher Wald wirkt. Wer genauer hinschaut, erkennt, dass der Schlossgarten aus zwei Partien besteht: zum einen aus der weitgehend original erhaltenen barocken Anlage und zum anderen aus einer westlichen Erweiterung im Stil eines englischen Landschaftsgartens. Den Übergang zwischen beiden bildet die so genannte Seufzerallee, ein langer von Hecken und Hainbuchen gesäumter Weg.

Doch egal, wohin man in Neustrelitz geht – man landet meist wieder am Wasser. Der Hafen bildet für viele Wasserwanderer den Ausgangspunkt für Touren durch den Müritz-Nationalpark. Wo Lastschiffe mehr als hundert Jahre lang Kalk, Holz und Getreide von und nach Neustrelitz lieferten, liegen heute im Schatten des ehemaligen herzoglichen Wäschespülhauses Ausflugsschiffe, Sportboote, Kanus und vereinzelte Yachten. Auch eine Floßfahrt im Stil von Huckleberry Finn oder Tom Sawyer ist möglich. Abends empfiehlt sich ein Besuch am Zierker See fast von selbst. Dann ist es hier besonders still und der Blick über das seichte Wasser entspannt jede noch so gestresste Seele.

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