Von Küsschen und Schlössern

Geschrieben von Holger Weist
Bei Sonnenuntergang fällt allen das Warten auf die erste Schleuse gleich viel leichter.

Ein Rundtörn für vier entlang der Kanäle in Mecklenburg durch Lübz, Parchim, Schwerin und Grabow.

Am frühen Nachmittag erreichen wir guter Stimmung die Abfahrtbasis des Yachtcharterers „Blue Line Charter“ in Lübz. Unser Schiff ist eine Nicols 1170, die wir die kommenden sieben Tage unserer Feriendomizil nennen können.
Schon im Sommer des vergangenen Jahres waren meine Frau Heidi und ich per Fahrrad hier im Westen von Mecklenburg-Vorpommern unterwegs gewesen. Damals landeten wir nach einer beschaulichen Tour durch den Ort auch im Stadthafen von Lübz, der sich, idyllisch hinter der Kirche gelegen, an die Altstadt schmiegt.
Heidi war sofort von der einladenden Wohnlichkeit der Schiffe begeistert und verschwand schnurstracks im Büro des Hafenmeisters und ließ mich bei unseren Rädern stehen. Es verging gut eine Viertelstunde, bis Sie wieder herauskam und schon in der Tür rief sie mir freudestrahlend zu: „Ich weiß, was wir im nächsten Sommer machen – wir fahren Boot! Herr Reiher, der Hafenmeister, hat mir alles erklärt, wir nehmen Joachim und Franka mit, das wird ein richtiger Spaß.“

Die Müritz-Elde-Wasserstraße

Da war ich doch bass erstaunt: Meine Frau begeistert sich fürs Bootsfahren – wer hätte das gedacht. So kam es, dass wir nun mit unseren beiden Freunden Kisten und Taschen in ein französisches Hausboot in Mecklenburg tragen, um uns auf dem Wasserwege auf den Weg zur Landeshauptstadt Schwerin zu machen. In dem hell eingerichteten Salon mit seinen großen Fenstern richten wir uns schnell gemütlich ein. Der Proviant ist problemlos in den Schränken und dem geräumigen Kühlschrank verstaut. Es dauert nicht lange, und wir fühlen uns an Bord schon so richtig heimisch. In unsere fröhliche Viererrunde spaziert der Hafenmeister herein.

„Alles klar zum Ablegen?“, fragt er lachend, und wir antworten: „Alles klar, Herr Kapitän!“ „Nee, nee, Kapitän an Bord seid ihr schon selbst – ich zeige euch jetzt nur, wie alles funktioniert“, grinst Herr Reiher. Zwar hatte Joachim in der Jugend einmal einen Bootsführerschein gemacht, aber in seiner Rolle als Kapitän ist er doch für die ausführliche Einweisung inklusive kleiner Knotenschule dank-bar. Schließlich heißt es tatsächlich „Leinen los!“ und wir legen zu einer Probefahrt ab. Die Durchfahrt vom Hafen zur Müritz-Elde-Wasserstraße erscheint uns doch arg eng und jeder an Bord – auch Joachim selbst – geht davon aus, dass es gleich die erste Havarie geben wird. Doch das Schiff lässt sich dank Bugstrahlruder erstaunlich souverän steuern. Einem vergnüglichen Schiffsurlaub steht jetzt nichts mehr im Weg.

Wir fahren stromabwärts. Schnell zieht uns der idyllische Wasserlauf in seinen Bann. Es macht den Eindruck, weitab jeglicher Zivilisation durch Ruhe und Abgeschiedenheit zu reisen. Wiesen und Felder gleiten dahin und die anfängliche Nervosität an Bord weicht schnell absoluter Gelassenheit. Nach zwei Stunden Fahrt steht uns die erste seemännische Probe unserer Tour bevor – die erste Schleusung. In den vergangenen Jahren wurden die meisten Schleusen der Müritz-Elde-Wasserstraße auf Automatikbetrieb umgestellt, so auch die Schleuse Neuburg. An der Wartestelle betätigt Heidi den He-bel zur Anforderung der Schleuse, die Tore im Tal schließen sich, die Schleusenkammer füllt sich mit Wasser, und dann ist alles für unsere Einfahrt bereit. Während Joachim das Gefährt vom Innensteuerstand sicher navigiert – von dort hat man einfach den besseren Überblick – besetzen Heidi und ich die Leinen an Bug und Heck. Wie heißt es so schön: „Seemann mach langsam, es ist eilig.“ Mit aller Ruhe laufen wir in die Schleusenkammer ein, sichern die Nicols mit den Leinen und betätigen, da kein weiteres Schiff uns folgt, den Hebel für die Talschleusung. Stück für Stück sinken wir hinab, geben dabei immer etwas Leine nach – in einer Schleuse darf man niemals die Klampen belegen, hat uns Herr Reiher noch eingeschärft – und wenig später öffnen sich die Tore.

Die Fahrt geht heute noch bis Parchim. Kurz nach der unterquerten Fußgängerbrücke halten wir uns rechts. Der Seitenarm schlängelt sich bis zum Stadthafen an Lauben und Wassergrundstücken vorbei. Einige andere Schiffe haben schon am Ufer angelegt. Wir fahren ohne Sog und Wellenschlag vorbei, denn der Stadthafen ist recht langgezogen, sodass wir nicht auf einen Liegeplatz im vorderen Bereich angewiesen sind.

Lesen Sie weiter in der Ausgabe Seenland 2008