Senftenberg: Der Suez von Senftenberg

Geschrieben von Oliver Sobe

 

Mit dem Rad vom Senftenberger zum Geierswalder See. In kurzer Zeit werden beide Wasser auch miteinander für den Bootsverkehr verbunden sein. Ein Blick auf die Kanalbaustelle und das wachsende Wassersportparadies am Geierswalder See.

Der „südlichste Drahteselverleih Brandenburgs“ liegt idyllisch am Senftenberger See. Etwa 100 Fahrräder und 20 Tretmobile hält Eckhard Hoika von der Firma Aktiv-Tours für die Urlauber im Familienpark Großkoschen bereit. Nützliche Tipps bekommt jeder Pedalritter bei Hoika inklusive. „Eine Radtour um den Senftenberger See darf sich kein Tourist entgehen lassen“, meint der 49-Jährige ganz unumwunden. Und natürlich – er hat recht: Seit 36 Jahren ist im Erholungsgebiet am Senftenberger See eine intakte Infrastruktur mit kilometerlangen Stränden, modernen Ferienhäusern, Hotels und Campingplätzen sowie reizvollen Freizeitmöglichkeiten für Segler, Surfer, Skater und Angler entstanden. Auch kulinarisch lässt das Angebot kaum Wünsche offen.

Vorbildsee des neuen Seenlands

Dennoch – die Zukunft ist Eckhard Hoikas wahre Passion. „Das Lausitzer Seenland mit 13 schiffbaren Kanälen entsteht, und wir leben mittendrin“, erzählt er jedermann mit leuchtenden Augen. Mit geführten Rad-, Bus- und Bimmelbahntouren bringt Hoika seinen Gästen die unglaubliche Geburt der vernetzten und künstlich entstehenden Wasserwelt näher. Authentisch, konkret und doch anregend. Ein einziges Mal noch, am südöstlichsten Zipfel des Senftenberger Sees, lenkt unser Radwanderführer die Aufmerksamkeit auf die Vergangenheit: 1966 fuhr der letzte Kohlezug aus dem alten Tagebau, sieben Jahre später wurde in Großkoschen der erste Badestrand eröffnet. Der Tourismus am Senftenberger See ist längst ein einträgliches Geschäft. „Die Entwicklung des Erholungsgebietes hat damit eine Vorbildfunktion für das neue Seenland“, erklärt Eckhard Hoika. Dann lässt er uns Zeit. Wir genießen das maritime Panorama. Der Ausblick auf die andere Seeseite zum künftigen Senftenberger Hafen lädt zum Träumen ein.

Beeindruckender Kanalbau

Szenenwechsel: Eine riesige Herausforderung für Ingenieure und Planer ist der Bau eines schiffbaren Kanals zwischen dem Senftenberger und Geierswalder See. Auf einer Länge von 1.050 Metern entsteht eine künstliche Wasserstraße der Superlative: Für das ehrgeizige Projekt werden 350.000 Kubikmeter Erde bewegt und der Fluss Schwarze Elster sowie die Bundesstraße 96 durch zwei Schiffstunnel unterquert. Um einen Höhenunterschied von etwa zwei Metern zwischen den Seen zu überwinden, ist auch der Bau einer Schleuse notwendig. Ein mächtiges „Überlandboot“ auf Stelzen macht den unbeschreiblichen Wandel der Landschaft erlebbar. Der Besuch auf der „Schaubaustelle“ ist daher für jeden Gast im Seenland ein Pflichttermin. Gebannt starren drei befreundete Ehepaare aus Berlin und Hamburg auf den sandigen Schlauch, den Sportboote und Ausflugsdampfer in zwei Jahren für die Überfahrt nutzen können. „Welche Dimensionen hatte da erst der Suezkanal bei seiner Entstehung?“, fragt sich Ulrich Waack erstaunt beim Anblick der imposanten Baustelle.

Wachstumsindikator Wassersport

Ein asphaltiertes Teilstück des Fürst-Pückler-Radweges folgt dem Lauf der Schwarzen Elster nach Sachsen. Eckhard Hoika erzählt uns weiter vom spannenden Kanalbau. Wo einst die Kohlebahnen aus dem Tagebau Koschen rollten, dem heutigen Geierswalder See, entsteht jetzt neben der Radlerpiste die Schleuse. Nach einer halben Stunde erreichen wir die kleine Marina des 1. Wassersportvereins Lausitzer Seenland südwestlich von Geierswalde. Wahrhaftig! Die Geburtsphase des neuen Seenlandes verläuft im sagenhaften Tempo. Für Freizeitkapitäne bietet der Geierswalder See bereits heute schier unbegrenzte Möglichkeiten. Sämtliche Liegeplätze an der schwimmenden Betonsteganlage des Wassersportvereins sind im Sommer voll belegt. „Fünf Liegestellen sind für private Bootsbesitzer reserviert“, erklärt uns Karl-Heinz Radochla, Ortsvorsteher und Vizechef im Förderverein Wasserwelt Geierswalde. Seit 2006 existiert am Geierswalder See auch ein Jetboot-Zentrum mit Verleih und einem Einlass für private Jetski. Demnächst möchte Silvia Siermann von der Firma „Grill & Chill“ erstmals so genannte BBQ-Donuts zu Wasser lassen. Die runden Grill-Inseln mit Elektromotor und angebautem Sonnenschirm bieten Platz für zehn Personen und versprechen Partylaune ohne Ende. Die 42-Jährige träumt schon weiter: „Wenn die Kanäle geflutet sind, können die Touristen mit unseren Inseln ohne Bootsführerschein das Seenland erkunden.“

Wasser über Scado

An einem Gedenkstein hinter der Geierswalder Kirche fällt die sentimentale Kehrseite in der Entstehungsgeschichte der Lausitzer Wasserwelt ins Auge. „1432 bis 1968“ – die Jahreszahlen erinnern an den alten Ort Scado, dessen Bewohner vor vier Jahrzehnten ein Schicksal erlitten, das viele Menschen aus der Lausitz teilen. Der Tagebau fraß ihr sorbisches Heimatdorf. „Scado lag nicht einmal 500 Meter von der Kirche in Geierswalde entfernt“, deutet Hoika nach rechts auf die Wasserfläche. Der Wechsel der Blickrichtung verscheucht schließlich die nostalgischen Gedanken. Am Geierswalder Badestrand rückt die Faszination der gewaltigen Seenlandschaft wieder in den Mittelpunkt. Dem einmaligen Ambiente kann sich auch Familie Förster aus Großenhain beim Ausflug mit Enkelsohn Hannes nicht entziehen. Seit 28 Jahren kommt das sächsische Rentnerehepaar zum Campen an den Senftenberger See. „Für Aktivurlauber ist das neue Seenland wie geschaffen“, schwärmt Wolfgang Förster. Tourführer Eckhard Hoika nickt und lächelt still. Manchmal gibt es Momente, die keiner Worte mehr bedürfen.

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