Die Logik der Langsamkeit

Geschrieben von Robert Andres

Einmal durch die Riesenschleuse zum Mittellandkanal.

Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen; Von Berlin bis Magdeburg und über Elbe-Havel zurück.

Entspannt, gutgelaunt und mit einem Kofferraum voller Lebensmittel treffen wir auf dem Yachthafen in Töplitz ein. Das Areal verströmt die lässige Ruhe, die wir uns von den nächsten Tagen erhoffen. Meine Mitreisenden sind deutlich gelassener als ich. Noch sind wir zu dritt. Zwei erfahrene Wasserreisende und ich als Neuling. Schon unterwegs haben wir uns geeinigt: Meine maritimen Erfahrungen genügen nur für den Matrosenstatus. Das ist mir ganz recht, schließlich will ich Urlaub genießen und keine Verantwortung tragen, falls das Boot auf Grund läuft oder andere Katastrophen geschehen.
Für meine Wasserreisenpremiere haben die zwei Kapitäne die sich bis zum Ende der Reise nicht einigen können, wer erster und wer zweiter Kapitän ist sich eine Route herausgesucht, die uns aus der Hauptstadt über den Elbe-Havel-Kanal nach Magdeburg und von dort über die Elbe und Havel im Bogen wieder zurück führen wird. Da beide einen Bootsführerschein besitzen, ist das kein Problem; mit dem Charterschein hätten wir beispielsweise die Elbe nicht befahren dürfen. Im Schreiben von Yachtcharter Heinzig steht, welche Yacht für uns reserviert ist, und wir entdecken unseren Albatros?g zwischen den anderen Booten. Ein schönes elegantes Schiff, etwa 13 Meter lang, Stahlrumpf, praktische Fläche zum Sonnen, eine silbern glänzende Reling.

Ich sehe keinen Grund, mich nicht auf diese Reise zu freuen. Das Boot macht einen guten Eindruck, es gefällt mir. Als uns Frank Ringel all die Funktionen und Ausstattungsdetails vorführt, frage ich mich bereits, warum Menschen feste Häuser bauen, wenn es so komfortable Schwimmunterkünfte gibt. Wir bringen unser Gepäck an Bord, und während die zwei Kapitäne noch debattieren, ob sie jetzt gleich oder erst in zehn Minuten ablegen sollen, schaffe ich es tatsächlich, die Vorräte in der Küche zu verstauen und bin beeindruckt, wie so viel Stauraum auf so wenig Platz integriert werden konnte. Alles ist da: Kühlschrank, Mikrowelle, Eierkocher, Kaffeemaschine.

Leinen los!

Die Entscheidung ist gefallen: Wir legen gleich ab, die Sachen verstauen und Betten beziehen können wir am Abend, wenn wir in Brandenburg angekommen sind. Dort erwarten uns drei weitere Mitreisende, sodass die drei Doppelkabinen in den nächsten Tagen voll belegt sein werden. Vorsichtig bugsieren wir unser Boot aus dem Hafen und passen mit Bootshaken auf, dass wir kein anderes Boot touchieren. Frohgemut wenden wir der Anlegestelle unser Heck zu und dampfen gen Westen. Der Wetterbericht wollte Niederschläge nicht ausschließen, also rechnen wir mit Regen. Tatsächlich prasseln bald die ersten Tropfen aufs Planendach über dem Steuerstand, und der Wind ist unangenehm kühl geworden. Das Abenteuer einer Yachtreise verdrängt in mir aber jede Wut auf das unangenehme Wetter, außerdem beschützt uns das Boot gut. In der Ferne klart der Himmel wieder auf. Wir gehen davon aus, dass uns Mutter Natur einfach nur wettermäßig einen Warnschuss vor den Bug geben wollte, damit wir nicht zu übermütig werden. Das ist ihr gelungen.

Die Aufgaben sind klar verteilt: Der Kapitän steuert und die Mannschaft erholt sich.

Bis Brandenburg bleibt es eine herrlich unaufgeregte und abenteuerarme Fahrt, sodass ich mich an das Bootfahren gewöhnen kann. Immer wieder begegnen wir anderen Booten, deren Kapitäne uns zuwinken. Am Ufer haben es sich einige Urlauber gemütlich gemacht und baden oder schauen den Schiffen sehnsüchtig nach. Vögel fliegen in den Sträuchern und Bäumen am Flussrand umher. Grob kalkuliert würden wir für die Strecke etwa vier Stunden brauchen mit dem Auto wären wir in etwa einer hal­ben Stunde am Ziel. Aber solcherlei Mathematik ignoriert das Wesentliche, das auch ich immer eindringlicher spüre: Autofahrt und Boots­tour sind nicht vergleichbar. Der pragmatische Ansatz ist bei solchen Vergleichen verkehrt mit einem Hubschrauber hätten wir unsere gesamte mehrtägige Route schließlich in nur zwei Stunden abgeflogen.

Lesen Sie weiter in der Ausgabe Seenland 2007