Mecklenburg-Vorpommerns Amazonien

Geschrieben von Detlef Stöcker

Durch Wiesen, Erlenbrüche und spärliches Gebiet mäandert die Peene der Ostsee entgegen. Foto: Yachtcharter Schulz

Bild: Yachtcharter Schulz

Eine Bootsreise auf der Peene von der Mecklenburgischen Seenplatte zur Ostsee.

Von Demmin an der Peene auslaufend, starte ich an Bord einer Pedro 32 zu meiner 14-tägigen Bootsreise. Mit Ihren zehn Metern Länge und vier Kojen ist die holländische Stahlyacht ein ideales Schiff für die vor mir liegende Tour nach Barth.

Führerscheinfrei auf der Peene

Der Stationsleiter in Demmin staunt nicht schlecht, als ich mir für die Flussfahrt von ihm einen „Charterschein“ ausstellen lasse. Auf Grund der Sportbootführerscheinregelungen darf ich mit meinem „Sportbootführerschein See“ hier nicht fahren, erst ab dem Geltungsbereich der Seeschifffahrtsstraßen. Dass man dafür ab diesem Jahr auch noch ein SRC-Funkzeugnis haben muss stört mich nicht, das hab ich; nur auf der Peene benötige ich einen „Charterschein“. Bisher wurde die Peene immer als ein Naturidyll beschrieben, eine Wahrnehmung die ich unbedingt teile, zumal sie Mitteleuropas letzter unverbauter Fluss ist. Durch ausgedehnte Wiesen, Torfstich- und die größte Niedermoor-Landschaft Europas, Erlenbrüche und nahezu unbesiedeltes Gebiet mäandert die Peene der Ostsee entgegen. Seeadler und Eisvögel, tagaktive Fischotter und Biber Rotmilane, überbordendes Leben am Fluss, unglaublich in Deutschland zu sein und unbeschreiblich zu begreifen – nur durch eigenes Erleben, eine Landschaft wie am ersten Tag der Schöpfung.
Nachdem ich Jarmen links passiert habe, erreiche ich den Wasserwanderrastplatz Stolpe am frühen Nachmittag. An den modernen Schwimmstegen habe ich schnell angelegt, die Pedro lässt sich auch allein von geübter Hand bestens beherrschen. Nach der Anmeldung beim Hafenmeister mache ich dem Restaurant Fährkrug meine Aufwartung. Der ehemalige Gutshof war im Mittelalter eine Station des Missionars Otto von Bamberg bei der Bekehrung der Slawen zum Christentum, erläutert die kleine Dorfchronik, die ich als Faltblatt bekomme. Der Hafenmeister drängt mich, noch das nahe Menzlin zu besuchen, da dort eine große, archäologisch bedeutsame Schiffsgräberstädte der Wikinger sei. Ein wenig Bewegung kommt mir gerade gelegen, und so paddle ich noch im gemieteten Kanu nach Menzlin, um mir selbst ein Bild zu machen.

Anklam und Wollin

Am folgenden Morgen laufe ich nach Anklam aus, dem Geburtsort von Otto von Lilienthal und dem Erfinder der „schwerer als Luft“-Fliegerei, dem Begründer der modernen Luftfahrt. Von ihm wusste Kaiser Wilhelm II. zu berichten: „Unter all meinen Untertanen gibt es keinen größeren Narren als Otto von Lilienthal.“ Nun, auch in dieser Hinsicht, ein tragischer Irrtum, dem Wilhelm II. erlag. Besonders die im Sommer direkt am Hafen stattfi ndenden Vineta-Festspiele lohnen einen Besuch Anklams. Durch ein riesiges, weitläufiges Moorgebiet erreiche ich die Einmündung in den westlichen Mündungsarm der Oder, Peenstrom genannt. Ich lege das Ruder ostwärts und gebe Vollgas. Danach reduziere ich die Drehzahl und halte schnurstracks auf die „Boje 14“ zu, dort liegt das Grenzboot der polnischen Küstenwache, wo man sich für die Einfahrt auf polnische Hoheitsgewässer anmelden musste. Will hoffen, dass dies in diesem Jahr mit dem Wegfall der Grenzkontrollen wieder etwas einfacher und innereuropäisch normaler wird. Über Funk ist das Prozedere schnell geklärt, und ich fahre weiter in Richtung Osten übers Haff, zur Divenow, der östlichen Odermündung. Bei Wind ab sieben Beauford ist das Stettiner Haff unfein zu befahren, aber heute, Ententeichbedingungen, es geht flott voran, und abends lande ich in Wollin beim Segelverein „Albatros“, kurz vor der Hubbrücke links an. Alte Bekannte erwarten mich, und so wird es ein schöner Abend.

Insel Usedom

Nach einem Rundgang in Wollin verlasse ich die polnischen Hoheitsgewässer wieder und steuere vom Haff aus den Usedomer See und die der Insel dem Namen gebende Stadt Usedom an. Der Hafen von Usedom ist nach meinem Geschmack stark verbesserungswürdig, und die neu geplante Marina lässt auf sich warten. Die beschauliche Stadt Usedom lässt das tobende Leben des Bädertourismus an seiner Außenküste nicht erahnen, und ich verlebe einen ruhigen Abend an Deck.
Im ersten Morgenlicht laufe ich aus und lasse mir die Morgenbrise um die Nase wehen, während ich den spiegelglatten Usedomer See überquere, der an seiner engsten Stelle zwischen Ost- und Westklüne ins Kleine Haff mündet. Ruder Steuerbord – für Landratten rechts –, und weiter geht es in Richtung Zecheriner Brücke, die als eine von zwei Klappbrücken Usedom mit dem Festland verbindet. Rechterhand ragt das rostige Skelett der Karniner Brücke drohend in den Himmel, hierüber führte die Bäderbahn Berlin–Heringsdorf–Ahlbeck bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges. Mich zieht es nach Zinnowitz zum Segelverein, enger Hafen aber sehr romantisch. Gut geplant und rechtzeitig abgelegt – genau auf den Punkt erreiche ich die erste Brückenöffnung des Tages an der Zecheriner Brücke, und weiter geht’s ins Achterwasser. Links eine durch zwei Gefahrentonnen ausgewiesene Untiefe, die so mancher Chartergast gern mitnimmt und rechts der Lieper Winkel, eine nordwärts weit ins Achterwasser hineinragende Halbinsel. Links voraus liegt Zinnowitz. Zuerst gilt es, eine Flachstelle weitläufig zu umfahren, doch dann wird der Kurs im Tonnenstrich westwärts zu den auf Grund gesetzten Frachtschiffen, die hier die Hafenmole bilden, gesetzt. Als früher Gast, kurz nach Mittag, lege ich an einer ruhigen Stelle direkt an der Moleninnenseite an.
 
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