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Mit dem Segeln ist es wie mit den Abenteuern: Hat man erst einmal angefangen, kommt man kaum wieder los.
Die Sehnsucht nach dem Wasser schlummert unentdeckt in vielen. Die „Seeleute“ pflegen ihr Image und die Vorurteile gut. Dabei ist es ganz einfach: Man zieht die Tücher am Mast hoch, und der Kahn nimmt Fahrt auf. Man kann nach links fahren oder nach
 Segeln ist Wettbewerb mit den Elementen. Foto: Seenland/Diesing „Backbord laufen“ – das Ergebnis ist irgendwie gleich. So wie man auch ohne hosenbodenverstärkte Hose Fahrrad fahren und in Jeans Skier laufen kann, kann man auch ohne Helly-Hansen-Jacke Boot fahren. Die wichtigen Begriffe lernen sich schnell in der Praxis auch ohne monatelange Fachlektüre. Wenn das Abenteuer ruft, gilt bangemachen nicht. Es ist erstens einfacher als man denkt, und zweitens erfreut es die anderen, wenn sich ein Neuling blamiert.
Mit meinem Sohn Harf baue ich über den Winter eine alte Neptunyacht wieder auf, sie erhält den klangvollen Namen „Obladi“. Da unser Gar-ten nicht der rechte Ort für ein Wasserfahrzeug ist, entscheiden wir uns für einen Liegeplatz in Malchow am Fleesensee. Mit meinem Schwager bringe ich das Boot dorthin, bin beeindruckt, dass es tatsächlich wie vorgesehen sowohl schwimmt als auch seetüchtig zu sein scheint und freue mich auf die kommenden Abenteuer auf Hoher See.
Natürlich müssen wir gleich los. Wir bauen also den Mast auf. Mit der „Jütt“ geht das ganz einfach und ohne Kran. Dann spannen wir die Stags und Wanten. Das sind die
Drahtseile, die vorn, hinten und an den Seiten den Mast stützen. Nun sieht unsere „Obladi“ so aus wie die meisten Schiffe um uns herum. Wir fallen also nicht auf. Rückwärts ausparken klappt diesmal ohne Flurschaden. Knatternd und rauchend fahren wir über die Bucht von Malchow, wo wir ein Gartenrestaurant mit Anleger entdecken und uns festbinden. Der Trick auf dem Wasser ist, sich allem sehr, sehr langsam zu nähern. Eine Bremse hat ein Kahn nicht, und Anker werfen dauert zu lange.
Mit dem Boot Essen zu fahren, ist eine völlig neue Erfahrung und hat einen Hauch von luxuriöser Dekadenz. Die Kellnerin bringt das gewünschte Schweineschnitzel mit Spiegelei zum Bier – Understatement pur. Auch das Schlafen an Bord hat eine eigene Qualität. Sanft wiegen Wellen das Boot. Leise schlagen Bänder an Masten, Möwen streiten sich um irgendeinen Happen, und wenn ein Fisch nach einer Mücke springt, plätschert es in der Ferne.
Nach einem kurzen Regenguss am Morgen kommt endlich Wind auf. Ich setze erst einmal nur das Focksegel. Inzwischen weiß ich, dass das Bugsegel so heißt und mit der Fockschot – das ist ein Seil – je nach Windrichtung nach links oder rechts über eine Winde gezogen wird.
Mit Fock und Motor laufen wir aus. Kaum biegen wir um die Ecke, geht der Wind so stark in das Segel, dass mit dem Ruder allein die Richtung nicht mehr zu bestimmen ist. Vor Schreck holen wir die Fock wieder ein und tuckern auf die Mitte des Fleesensees. Da ist genügend Platz, um das Boot genau gegen den Wind zu steuern. Nur so bekommt man die Segel hoch. Vier Knoten zeigte der Tacho an – rasant!
Ein unvergesslicher Moment, als der Motor plötzlich verstummt und das Rauschen des Windes im geblähten Segel sich mit dem leisen Klatschen der Wellen beim Eintauchen des Bugs verbindet. Ein Blick auf die Welle am Heck zeigt, dass das Boot gut Fahrt macht.
Abenteuer auf Hoher See
Wir haben Wind, und wir segeln! Wir segeln nur mit der Fock den ganzen Tag hin und her und entdecken dabei zuverlässig die einzige Stelle, bei der der Fleesensee zu flach für unseren Tiefgang ist. Die Rache des Klabautermannes für die „Handvoll Wasser unterm Kiel“ bei der Taufe. Handbreit hätte gereicht, Handvoll ist zu wenig. Unsere Gewässerkarte verzeichnet zwar überall einen ausreichenden Tiefgang, aber der trockene Sommer hatte den Wasserspiegel um etwa einen halben Meter gesenkt. Sanft schiebt sich die „Obladi“ in den Grund und bleibt da. Es hilft nur Aussteigen und schieben. Also raus aus den Klamotten und rein ins Wasser. Wir wissen jetzt, warum Segeln kein Wintersport ist. Wir lernen außerdem: Niemals ins Wasser springen, wenn die Badeleiter nicht heruntergelassen ist!
Im Bewusstsein, große Abenteuer erlebt und überstanden zu haben, legen wir viel später im Hafen an. Das geht inzwischen reibungslos. Das Boot ist tatsächlich etwas behäbig, aber leicht zu steuern. Es braucht etwas mehr Wind, um eine Neptun in Bewegung zu bringen. Aber wenn, dann pflügt sie ganz schön los. Immerhin haben wir schon 36 Seemeilen auf dem Tacho.
Abenteuer ohne Ende
Dann kommt Harf und bringt meinen Neffen Heiner mit. Wir laufen gemeinsam aus. Wetter und Wind stehen in keinem guten Verhältnis zueinander: Schönes Wetter leidet unter Windmangel; den zum Segeln nötigen Wind scheint es nur zusammen mit schlechtem Wetter zu geben. Mit der Genua vor dem Mast kommen wir trotzdem irgendwie voran. Genua ist ein Segel, das größer und leichter ist als die Fock und daher gut für Windarmut geeignet ist.
In der Enge der Einfahrt nach Malchow werfen wir wieder den Motor an und fahren zu „unserem“ Gartenlokal zum Essen. Hunderte interessierte Augen folgen unserem Tun. Aber Anlegen kann ich gut, da passt glatt ein rohes Ei zwischen Anleger und Bug, so sanft geht das mit der „Obladi“. Ich drossele das Tempo, bin immer noch zu schnell, schalte in den Rückwärtsgang und gebe dabei Gas. Der 40 Jahre alte Rückwärtsgang verweigert die Kooperation, und das Boot gewinnt an Fahrt. Die Entfernung zum Steg wird sehr schnell kürzer. Wir krachen in den Steg. Ein scheppernder Blechsteg verkündet den Hunderten Ohren der Gäste unser Anlegemanöver. Standing Ovations begleiten meinen Ausstieg und ersticken meine Erklärungsversuche. Der Mecklenburger an sich ist aber ein gutmütiger Menschenschlag, und Schadenfreude und Sensationsgier sind ihm fremd. Ich weiß das, mein Großvater stammt aus Techentin bei Ludwigslust.
Harf teilt mir mit, dass voraussichtlich weder Steg noch Boot in absehbarer Zeit sinken werden. Beim Ablegen haben wir uns dann abgestakt und sind mit Vorwärtsgang nach Hause getuckert. Dort habe ich auch ohne Rückwärtsgang perfekt angelegt. Hat keiner gesehen. Ungerechte Welt!
Seit mindestens zehn Jahren gibt es keine Ersatzteile mehr für meinen Motor, erfahre ich in unserem Hafen. Aber Glück im Unglück: Ein guter Gebrauchtmotor steht in der Werft zum Verkauf und passt auch genau in den Motorschacht der „Obladi“.
Ich überlasse der Jugend das Boot und fahre nach Hause, um am Sonnabend darauf meine Frau in die Freuden des Segelns einweihen zu können. Sie sieht seit langem diesem Tag mit gemischten Gefühlen entgegen. In Malchow angekommen, sehen meine Frau Stella und ich vom Ufer aus, wie Harf und Heiner gekonnt auf dem Fleesensee kreuzen, um wieder in den Hafen zu kommen. Wir haben die beiden dann zügig verabschiedet, Harf vermerkt dazu im Logbuch: „Mama und Papa konnten es gar nicht erwarten, das Boot zu übernehmen.“
Abenteuer zu zweit
Stella überwindet ihre als Vorsicht getarnte Angst und beschließt, die erste Ausfahrt zu genießen. Anfangs laufen wir nur unter Motor. In Ufernähe werfe ich den Anker. Das Wetter und der klare aufgewärmte See verlocken zum Baden. Am Abend besuchen wir „unser“ Gartenlokal, wo niemandem mein perfektes Anlegemanöver auffällt. Auf dem Wasser sind wir inzwischen mutiger. Besondere Sorgen mache ich mir nicht. Für Gewitterwarnungen habe ich ja Stella. Bei ersten Anzeichen von Schäfchenwolken auf dem ansonsten klaren blauen Himmel ahnt sie ein kommendes Unwetter. Wir nennen jedes dieser Anzeichen seitdem „Tief Stella“. Bei einem unserer Ausflüge lerne ich, dass nichts so blöd ist, dass es einem nicht doch passieren kann – ich nenne das Erfahrung. Anker, die nicht am Boot festgebunden sind, gehören nicht ins Wasser. Muss ich mehr sagen? Nun ist es aber Zeit für die Segel! Obwohl wir es vorher nie geübt haben, stellt sich Stella als perfekte Vorschoterin heraus. Fock und Großsegel anschlagen und einholen, vorn auf dem Boot bei Wellengang herumturnen – meine Frau scheint sogar Spaß daran zu haben, auch wenn sie dabei immer Sorgenfalten auf der Stirn hat. Das Boot zu steuern und dabei mich die Arbeit vorne machen lassen, lehnt sie strikt ab. Sie hat sich an Bord schnell eingerichtet. Die gemütliche Enge unserer kleinen Kajüte empfinden wir beide als sehr erholsam – der Mensch ist eben ein Höhlenbewohner. Schnell ist der Urlaub auf eine Restwoche zusammengeschrumpft.
Nachmittags wirkt das Wetter stets stabiler, und wir laufen mutig mit Ziel Kölpinsee aus. Bis durch den Gördenerkanal, der den Fleesensee mit dem Kölpinsee verbindet, stampfen wir unter Motor durch die Wellen. Der Wind weht zurückhaltend, aber die Sonne scheint. Wir trauen uns zum ersten Mal, Fock und Großsegel gemeinsam aufzuziehen. Schon wird es diesig. Regenfronten ziehen auf und kommen näher. Auf dem See ist Platz, der Wind steht in den Segeln, wir kommen gut zurecht. Dass wir klatschnass werden, stört uns überhaupt nicht. Es ist viel Spaß dabei.
Da uns der Wind entgegenbläst, müssen wir für den Heimweg wieder den Motor anwerfen.
Inzwischen sind Stella und ich ein eingespieltes Team. Wir haben unsere Plätze an Bord gefunden. Ich stolz oben an der Pinne, Stella zusammengekauert auf dem Boden der Plicht, die Schoten fest im Griff. Nur dort fühlte sie sich sicher vor dem Übergehen des Baumes. Segeln gehört zu den letzten Freiheiten unseres sonst so durchreglementierten Landes. Auf dem Fleesensee empfiehlt sich übrigens Schmetterlingssegeln, das heißt Fock und Großsegel stehen sich gegenüber, nehmen die volle Windlast direkt von achtern auf. Das ist ein recht schnelles Segeln, birgt aber die Gefahr, dass der Baum unvermittelt auf die gegenüber liegende Seite schwingt. Da bleibt meine Frau lieber gleich mit dem Kopf unten.
Segeln lernt man durch Segeln
Wir fühlen uns nach einer Intensivwoche und einigen Wochenenden recht sicher und vertraut mit dem Gewässer und unserer „Obladi“. Im Spätsommer sind wir auf dem Jabelschen See unterwegs. Das ist eines der Gewässer im Seengebiet der Müritz, bei denen man ins Schwärmen kommen könnte. Man fährt durch einen schmalen Kanal, bei dem man wegen der überhängenden Bäume auf seine Mastspitze achten muss, in den See hinein. Auf dem Rückweg frischt es auf. Direkt vor dem Gördenerkanal, wir laufen bereits unter Motor, fliegt mir die Mütze vom Kopf und natürlich ins Wasser. Das ist die offi zielle WM-Mütze! Also ein wichtiges Erinnerungsstück für mich, meine Kinder, meine Enkel, deren Kinder, deren Enkel. Ohne Zögern werfe ich die Pinne um bis an den Anschlag und fahre das perfekte „Mütze über Bord“-Manöver. Das Problem ist nur: Wir laufen in Kolonne auf den Kanal zu. Hinter uns ist eines dieser Boote ohne Führerschein aber mit viel PS. Dahinter ebenfalls. Und alle viel zu dicht aufeinander. Da zeigt meine Frau, was sie drauf hat. Mit dem Bootshaken fischt Stella aus voller Fahrt die Mütze aus dem Wasser. Das geht so blitzschnell, die Kappe ist kaum nass geworden. Übrigens haben die Schiffsausrüster ein Zubehör im Angebot: einen Mützenhalter mit zwei Krokodilklemmen zwischen Hut und Kragen.
Wir fahren weiter Richtung Hafenheimat Fleesensse, Stella zieht die Segel auf. Plötzlich rutscht eine Schot aus der Winde und fällt ins Wasser. Natürlich verheddert sie sich da sofort mit der Schraube. Der Motor steht schlagartig still, das Boot läuft aus dem Ruder und aus dem Wind, die halbangeschlagenen Segel flattern wie verrückt um Stella herum, die sich intensiv müht, an Bord zu bleiben. Dabei treiben wir zügig dem Ufer zu. Ich werfe den Anker und vergesse auch nicht, ihn vorher am Schiff festzubinden. Das Boot schwingt sich, vom Anker gehalten, hinter den Wind und bleibt da. Soweit so gut. Ich steige aus und pule das Seil aus dem Propeller. Alles war heil geblieben.
Nun das Ganze wieder von vorn. Schoten fest belegen, damit sie sich nicht wieder selbständig machen können, Motor anwerfen, Anker einholen und weg vom Ufer. Dann wieder gegen den Wind steuern und hoch mit den Segeln. Der Wind bläst immer noch wunderbar stark. Stella klettert wieder zurück zu mir und setzt sich vor die Reling. Jetzt Motor aus und langsam in den Wind steuern. Wenn man in dieser Situation vergisst, die Großschot
– das ist das Seil, das über Flaschenzug den Mastbaum sichert – zu lösen, trifft der Wind auf das Großsegel, ohne dass der Baum ausschwingen kann. Schlagartig liegen wir bedrohlich schräg. Stella hält sich mit äußerster Kraft an der Reling fest. Die andere Seite der Reling taucht fast ins Wasser ein. Ich brauche meine ganze Kraft, um das Ruder zu legen. In dem Moment hilft das Wissen um die Unsinkbarkeit einer Neptunyacht nicht – die Augen meiner Frau verkünden Panik. Mit etwas Glück und viel Geschick – oder war es etwas Geschick und viel Glück? – kommen wir aus dem Wind, das Boot legt sich wieder waagerecht. Wir nehmen die Segel runter und fahren schweigsam unter Motor nach Hause.
Harf gibt mir am nächsten Wochenende Praxis-Nachhilfe. Das kleine Einmaleins des Segelns – und das große gleich dazu. Ein Achterknoten gehört nicht nur vernünftigerweise zum Stoppen ans Ende der Schoten, sondern auch unabhängig von der Vernunft verhindert er dort das „Durchrauschen“. Harf als gelernter Segler bringt bewundernswerte Geduld auf.
Pause vom Abenteuer
Dann kommt der Tag, an dem wir das Boot aus dem Wasser nehmen müssen. Wir segeln noch einmal über den See, dann kommt die „Obladi“ unter den Kran und auf den Trailer. Eine kurze aber tolle Saison ist zu Ende. Bei aller Wehmut bleibt die Vorfreude auf das nächste Frühjahr. Unser Log zeigt 221,5 Seemeilen an von Mitte August bis An-fang Oktober. Letzter Eintrag: „Das Boot hat sich viel Mühe mit uns gegeben.“
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