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Insel Rügen: Ostseebad Binz

Insel Rügen: Ostseebad Binz

Kurhaus Binz auf Rügen

Die Insel Rügen ist aufgrund ihrer 926 Quadratkilometer nicht nur die größte deutsche Insel, sondern mit den Halbinseln Mönchgut, Jasmund, Ummanz, Wittow und Zudar auch landschaftlich extrem abwechslungsreich.Die drei traditionellen Ostseebäder Binz, Sellin und Göhren glänzen mit Kurpromenade, Seebrücke, 100-jährigen Villen der Bäderarchitektur und einem breiten Angebot an Kultur und Gastronomie.

Jeder dritte Rügenurlauber übernachtet in Binz, womit das Ostseebad seit gut einhundert Jahren den Spitzenplatz unter den touristischen Zielen auf Rügen einnimmt. Ein zehn Kilometer langer und feinsandiger Strand legt sich sichelförmig um die Bucht der Prorer Wiek, und an der vier Kilometer langen Strandpromenade blitzen die weißen Villen der historischen Bäderarchitektur. Seebrücke, Kurhotel und Promenadentrubel machen die 5.500-Einwohner-Gemeinde zu einer festen Größe, die von Gastgebern und ihren Gästen – mal mehr und mal weniger ernsthaft – als „Sorrent des Nordens“ oder „Nizza des Ostens“ tituliert wird. In diesem Jahr stehen die kulturellen Höhepunkte der Saison im Zeichen eines 125-jährigen Jubiläums – im Jahr 1884 wurde der Binzer Ostseebadstatus begründet.

 

Ein Anfang mit Sicherheitsabstand

Die Kurverwaltung bietet zweimal wöchentlich einen historischen Ortsrundgang an. Vor dem Haus des Gastes, gegenüber dem Kurpark, empfangen Gästeführer wie der 60-jährige Klaus Boy eine bunt gewürfelte Schar interessierter Urlauber. Der gebürtige Sassnitzer, der seit 1972 in Binz lebt und arbeitet, fasst die frühen Jahrhunderte der Ortschronik in wenigen Sätzen zusammen. Zwischen der Ersterwähnung als „Byntze“ in einer Steuerliste anno 1318 und dem Eintreffen der ersten Badegäste 1826 sei in dem damaligen Fischerbauernnest mit seinen drei Höfen „nicht nur nix, sondern gar nix“ passiert. Allein Sonnenuntergänge hätten auf dem Tagesprogramm gestanden. Zum Strand hin hielten die rohrgedeckten Katen einen Sicherheitsabstand von 800 Metern. Erst 1880 fasste sich der damalige Dorfkrugbesitzer Wilhelm Klünder ein Herz und errichtete sein „Strand-Hotel“ direkt am Meer.

Hoch auf dem Badekarren

Die Entwicklung zum größten Seebad der Insel begann zunächst zaghaft, als Fürst Wilhelm Malte zu Putbus die handverlesenen Kurgäste seiner Residenzstadt am Greifswalder Bodden und dem Jagdschloss Granitz durch den Wald an den Binzer Strand schickte. Dieser Außenstandort der fürstlichen Kuranlage fand durch Weitläufigkeit, feinen Sand und Zugang zum offenen Meer erste Fürsprecher. Auf sogenannten Badekarren wurden die Stadtmenschen bis in bauchnabeltiefes Wasser gezogen. Durch seitlich angebrachte Markisen vor unzüchtigen Blicken geschützt, stiegen die Vorreiter der Badekultur splitternackt über ein Treppchen in die Ostsee. Badegehilfen unterstützten den Vorgang und tauchten den Kopf der Damen und Herren bis zu fünf Mal für etwa zehn Sekunden in das Salzwasser. Der Badevorgang war damit beendet. Zurück an Land wurden Strandspaziergänge unternommen.

 

Als man in Binz Jahrzehnte später als Badegast auch wohnen konnte, trafen sich die Auswärtigen auf den Balkonen zum Gesellschaftstee. Bei den Einheimischen hießen die Zugereisten die „Baders, Strandlöpers und Luftschnappers.“ Ortsführer Boy sagt: „Ein Einheimischer wäre damals nur ins Wasser gegangen, um sich das Leben zu nehmen.“ Die Badekarren wurden einige Jahre vor 1900 von Badeanstalten für Damen, Herren und später auch für Familien ersetzt. Das Freibaden ohne Eintrittsticket und Geschlechtertrennung kam erst in den 20er Jahren auf.

Bäderarchitektur als Sammelsurium

Mit seinem Touristentrupp zieht Klaus Boy vom Kurpark durch die Putbuser Straße. Hier entstanden in den 1880er Jahren einige der ersten Logierhäuser. Boy weist darauf hin, dass die seriöse Kunstgeschichte den weißen Villen in den Badeorten der Ostseeküste einem genuinen „Baustil“ verweigere. Immerhin könnten dennoch drei typische Kriterien der sogenannten „Bäderarchitektur“ aufgezählt werden. Der weiß getünchte Grundbau sei einfach gehalten, quaderförmig gemauert und mit Flachdach versehen. Des Weiteren dienten offene Loggia, Balkon und Veranda den Badegästen zum Plausch an der frischen Luft. Türmchen und Erker seien angebaut worden, um den Urlaubsdomizilen eine exquisite Note zu verleihen. Ein ganzes Schloss hätten sich die Bauherren nicht leisten können, meint Boy.

Dafür haben sie gründlich ihren eigenen Geschmack eingebracht. Das Sammelsurium von Schweizerhausstil, Neo-Gotik und antiken Formen ist abwechslungsreich an der Strandpromenade zu begutachten. Vor dem Haus Sirene, einer Villa in italienischem Neo-Renaissancestil, bleibt Klaus Boy stehen und lädt seine Zuhörer zum Schmunzeln ein. Das einstige Besitzerehepaar Meier hätte sich im Jahr 1912 nicht auf eine gemeinsame Dachfigur einigen können. Der Hausherr beauftragte zunächst einen Poseidon mit Vollbart und Dreizack. Seine Frau ordnete beim Bildhauer bald darauf eine Geschlechtsumwandlung der Aktfigur an. So kamen der Bart ab und weibliche Attribute hinzu. Seitdem thront eine Sirene mit überraschend kräftigen Oberarmen über der Fassade.

 

Ansonsten scheint der Geldfaktor zu allen Zeiten gestalterisch eingegriffen zu haben. Wie Klaus Boy aus seinen Ortsstudien berichtet, seien als Material für die zierreichen Vorbauten vorwiegend günstige Baustoffe verwendet worden – erst Holz, später Gusseisen. Die Ornamente der Laubsägearbeiten hätte man um 1900 sogar im Katalog bestellen können. Seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts sei bedauerlicherweise ein Großteil der offenen Vorbauten an den Binzer Fassaden geschlossen worden. Boy nennt die Gründe. Nach 1945 benötigte man zusätzlichen Wohnraum für die zahlreichen Kriegsflüchtlinge. Ab 1990 hätte man viele der Balkone mit Fenstern versehen, um die Wohnflächen der Häuser zu vergrößern und damit den Verkaufswert der Immobilien zu steigern.

Design außerhalb der Kategorien

Am Wendeplatz, wo beim Brunnen mit großer Standuhr, Strandpromenade, Hauptstraße und Seebrücke zusammentreffen, pflegt Klaus Boy seine Ortsrundgänge zu beschließen. Der Name des Platzes trage im übrigen keine politischen Implikationen. Die Bezeichnung stamme von den Kutschen, die einst an dem Rondell eine Kehrschleife machten. Bevor der Gästeführer in seine Mittagspause geht, bleiben noch einige markante Sehenswürdigkeiten in Sichtweite zu erklären.

Direkt an diesem Platz, in bester Lage also, eröffnete 2007 ein Hotelneubau, an dem sich seither die Geister scheiden. In schlichtem Weiß steht der Komplex ohne ornamentalen Zierrat, dem man in Binz sonst auf Schritt und Tritt begegnet. Boy versucht zu vermitteln: „Moderne Architektur, schauen Sie genau hin und machen Sie sich selbst Ihren Reim drauf.“ In der Tat gehört das „Cerês am Meer“ zu einer exquisiten Reihe von 170 individuellen Nobelhäusern in 43 Ländern, die unter dem Namen „Design Hotels“ vermarktet werden. Die schnörkellose Gestaltung der Innenräume in Schwarz, Silber und Platin sucht an der Ostseeküste ihres gleichen. Nicht jedem Auge gefällt das. Der Architekt, der Hannoveraner Moritz Lau-Engehausen, ist gleichzeitig auch Bauherr und Betreiber. Markantestes Element der Hotelfassade ist die Glashaube auf der Ecke zum Wendeplatz. Sie erinnert an die Berliner Reichstagskuppel. Der Raum darunter gewann 2008 einen internationalen Preis in der Kategorie „Beste Suite“, eine Art Hotel-Oscar. Fünf Sterne prangen an der Pforte.

Tradition unter fünf Sternen

Auf „Fünf Sterne plus“ verweist Klaus Boy in der Nachbarschaft. Er zeigt auf das im Jahr 2001 wiedereröffnete Kurhaus. Für einen zweistelligen Millionenbetrag aufwändig saniert, liegt es als bauliches Wahrzeichen wie ein Schloss an der Meerpromenade. Die beiden Türme der Seitenflügel flankieren eine breite Treppe vom Hoteleingang zur Kurterrasse mit Bühne, wo über das Jahr viele Konzerte stattfinden. Auch zum 125-jährigen Jubiläum wird hier allerhand los sein.

Ein erstes Kurhaus entstand schon 1890, versank im Jahr 1906 aber vollständig in der eigenen Asche. Der Neubau eröffnete zwei Jahre später und wurde das gesellschaftliche Zentrum in den goldenen Zeiten des Badeortes. Der Adel und bürgerliche Eliten aus Hamburg und Berlin kamen bis in die 30er Jahre, um zu sehen und gesehen zu werden.

Masse und Klasse

Die forcierten Erinnerungen an den einstigen Kurhausbetrieb mit rauschenden Ballnächten, Berliner Kabarett und Kakadu-Bar begründen den Mythos Binz, der heute allgegenwärtig für das Ostseebad steht. In Werbebotschaften und Reiseführern ist von der „Grande Dame der Rügener Bäderarchitektur“ und dem „mondänen, beinahe mediteranen Charme“ zu lesen. Trotz der acht Vier- und vier Fünf-Sterne-Hotels ist die Hauptstraße aber keineswegs der „verlängerte Ku’damm“.

Mit über 13.000 Betten sieht sich das Binzer Tourismusgewerbe herausgefordert, die mythisch beschworene Klasse mit der real anreisenden Masse in Einklang zu bringen. Mondäne Harmonie herrscht an lauen Sommerabenden, wenn die Urlauber zur blauen Stunde entlang der zahlreichen Restaurants und Gartenlokale flanieren, während in anderen Orten der Insel längst die Bürgersteige hochgeklappt sind.

Der Hochbetrieb im Sommer bringt jedoch auch manches an Herausforderungen mit sich. In einigen Fällen sorge Service von der Stange, überarbeitetes Personal und ein unausgeglichenes Preis-Leistungs-Niveau für Unmutstöne unter den Urlaubern. Die Tourismusstrategen der Insel wollen in diesem Jahr nachbessern, zum Beispiel mit einer Freundlichkeitsinitiative. Ein gutes Vorbild könnte Klaus Boy sein. Der nimmt sich am Ende der Führung noch ausführlich Zeit für die Fragen seiner „Baders, Strandlöpers und Luftschnappers“ und vergisst dabei sein Mittagessen, nicht aber seinen norddeutschen Humor.

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