Geburtstag auf See

Einige Skipper machen schon ihre Boote bereit, Jogger laufen am Kai entlang, die Taue baumeln ruhig an den Pollern. Es ist windstill im Hafen von Waren, als ich an diesem Morgen aus dem Kajütenfenster schaue. Die Glocken des hübschen Backsteinkirchturms schlagen drei mal, die Turmspitze ragt in eine weiße Wolkendecke, die schon langsam ein wenig aufplatzt und hellblauen Himmel durchlässt.
Als ich vor einigen Jahren mit meiner Familie an den Hafenkais von Waren entlang lief, hätte ich nicht gedacht, dass ich eines Tages meinen Geburtstag auf einem Hausboot, angeleint an einen Poller im Warener Hafen, feiern würde. Heute wird groß aufgetischt: Geburtstagskuchen, Geburtstagsrührei und Geburtstagsbrötchen. Und natürlich Geburtstagsgeschenke. Aber lange können wir nicht feiern, denn wir wollen weiter über die große Müritz.
Nach dem Frühstück wird der Wassertank aufgefüllt. Dann lotst uns der Hafenmeister zwischen die engen Stege zur Abwasserleerung. Er gibt uns noch ein paar hilfreiche Tipps mit auf den Weg. Unser Kapitän Nummer zwei versteht sich prächtig mit dem Hafenmeister, als der ihm erklärt, wie er am besten ausparkt: „Der Hintern vom Boot muss zuerst raus.“ „Geht klar,“ und beide schieben zur bildlichen Veranschaulichung ihre Gesäße hin und her. So klappt das Ausparken auf Anhieb und wir sind wieder in voller Fahrt auf dem Wasser. Diesmal Richtung Müritz.

Geburtstagstisch auf dem Hausboot im Hafen von Waren (Müritz).

Über die Müritz

Auf dem größten See Deutschlands ist es heute ruhig. Nur schwach schlagen die Wellen gegen den Bootsrumpf. Für Seefahrtsanfänger ist der Herbst die perfekte Zeit, um einen ersten Bootsurlaub zu machen: Es ist selten großer Verkehr auf dem Wasser und das Fahren gestaltet sich sehr entspannt. Nur heute, auf der Müritz, kreuzen schon mehr Motorboote und Segler unsere Route. Wie war das gleich mit der Vorfahrt? Unter Deck wird die Karte studiert und der nächste Zwischenstopp auserkoren. In Röbel gibt es Mittag.
Durch die kleine Stadt führen Kopfsteinpflasterstraßen, auf denen wir entlang schlendern und uns die bunten Fachwerkhäuser und die schöne, gotische Marienkirche anschauen.
Es ist 18 Uhr als wir zurück auf das Hausboot kommen und wir planen auch diese Nacht wieder auf dem See zu ankern. Noch vor Sonnenuntergang wollen wir in Mirow ankommen. Wir machen uns auf den Weg durch die Müritz-Havel-Wasserstraße. Der Kanal hat etwas märchenhaft Verzaubertes, hohe Gräser wachsen an seinem Ufer und knorrige Apfelbäume und Weiden, die mit ihren dünnen Zweigen die ruhige Wasseroberfläche berühren. Langsam tuckern wir an weiten Feldern und Wiesen vorbei, die Blätter der Bäume wechseln schon ihre Farben und lassen den nahenden Herbst erahnen. An einer Flussbiegung liegen bunte Bootshäuschen am Ufer, die von der Abendsonne noch kräftigere Farben bekommen. Die Wasseroberfläche reflektiert golden, alles ist still und niemand kreuzt unseren Weg auf der Wasserstraße.

Kurz vor Mirow kommen wir an die erste Schleuse auf unserer Tour. Langsam fahre ich heran, nach einer kurzen Weile bewegt sich das schwere Stahltor nach oben und als die Ampel auf grün schaltet, fahre ich in den Schleusenkanal. Die Crew steht bereit, macht die Leinen fest und ich stelle den Motor aus. Gemächlich geht es abwärts. Außer einiger kleiner Missverständnisse hat die Crew alles im Griff und wir können unbeschadet weiterfahren.

Direkt hinter der Straßenbrücke bei der Einfahrt in den Mirower See hat der Fischer seinen Imbiss.

Als wir auf dem Mirower See ankommen, dämmert es schon. Wir überqueren den See, vorbei an den beleuchteten Gastanlegern. Ganz hinten macht der See noch mal eine Biege nach links, hier ankern wir in einer stillen Bucht. Im Dunkeln ankern ist gar nicht so einfach, aber die Crew schätzt die Entfernung zum Ufer mit gemeinsamer Sehkraft ab und die Kette rattert in die Tiefen des Wassers. Wir haben die Bucht ganz für uns allein, denken wir als wir zufrieden zum Essen zusammensitzen. Doch mitten aus der Dunkelheit kommt plötzlich ein kleines Licht auf uns zu. Immer näher und näher schwebt es über die Wasseroberfläche. Dann ertönt eine Stimme, die ein freundliches „Ahoi“ zu uns hereinruft. Eine Rudermannschaft sitzt in dem Kanadier, Taschenlampen auf den Köpfen. Es kommen an diesem Abend noch einige Paddler vorbei, wir erkennen sie an den schwebenden Lichtern und dem leisen Geräusch beim Eintauchen der Ruder.

Auf den Rheinsberger Gewässern

Am fünften Tag fällt mir ein, dass mir das Internet in den letzten Tagen kein bisschen fehlte. Auch auf Fernsehen, schnelles Vorankommen von A nach B oder den Trubel der Großstadt lässt sich leicht verzichten. Ich habe die Langsamkeit und Ruhe für mich entdeckt und kann mir schon nicht mehr vorstellen, wie es ist, ohne Wasser unter dem Bett zu schlafen.
Die Bucht liegt am Morgen noch unter einer dichten, grauweißen Wolkendecke, nur über den Baumwipfeln glänzt schon ein gelbweißlicher Strich Sonnenlicht. Kurz fallen ein paar Regentropfen, dann ziehen die Wolken weiter und hinterlassen einen blassblauen Himmel. Das Boot dreht sich langsam am Anker und gibt den Blick auf ein kleines Fischerboot frei, in dem zwei Angler sitzen. Plötzlich erscheinen mir Dinge wie Angeln eine großartige Idee. In Berlin wäre mir der Gedanke daran blödsinnig vorgekommen.
Die Mannschaft frühstückt über Deck. Die Luft ist mild. Ein Schwan leistet uns Gesellschaft und wir vermuten bald, dass er sich in unser großes, weißen Schiff verliebt hat. Er weicht uns nicht mehr von der Seite. Wir müssen ihn aber leider enttäuschen: Nach einer wunderschönen Nacht zieht das Schiff weiter und der Schwan sieht ihm wehleidig hinterher.
Für uns läuft dieser Tag perfekt. Die Sonne erscheint endlich ganz ohne Wolken am blauen Himmel, T-Shirt-Wetter! Wir legen an dem Steg vor der „Mirower Fischerstuw“ an, wo wir uns vier große Teller leckeren Räucherfisch und hausgemachten Kartoffelsalat gönnen.
Nach Rheinsberg durchqueren wir wildromantische Kanäle, an ihren Ufern gibt es wieder viel Malerisches zu sehen. In Rheinsberg angekommen, legen wir erstmal im Yachthafen an, füllen den Wassertank auf und kaufen, für die letzten zwei Abende auf dem Boot, ein. Diese Nacht wollen wir noch einmal die Liegegebühr sparen und legen schon im Dunkeln ab, um direkt gegenüber dem Hafen in einer Bucht zu ankern. Die kurze Überfahrt gestaltet sich abenteuerlich: Anders als am Auto gibt es am Boot nicht wirklich hilfreiche Scheinwerfer. Wir tasten uns zaghaft vorwärts und wieder müssen wir abschätzen, wie weit das Ufer entfernt ist. Eine Weile beobachten wir die Lichter am anderen Ufer, um auszumachen, ob das Boot festliegt oder abtreibt. Als die Lichter sich nicht wegbewegen, essen wir beruhigt Abendbrot: Spaghetti mit Tomatensauce, Salat und Rotwein.