52 Kilometer großer Strom

Am frühen Morgen werden wir vom Sonnenschein geweckt. Die nächste Einkaufsmöglichkeit ist fußläufig nur fünf Minuten vom Hafen entfernt. Es gibt einen Supermarkt, einen Bäcker und einen Fleischer. Wir decken uns für die nächsten Tage mit Lebensmitteln ein. Gestärkt­ von einem ordentlichen Frühstück sehen wir dem ersten Höhepunkt des Tages entgegen: Die Vorstadtschleuse kann kommen. Das Schleusen geht erfreulich schnell und schon sind wir wieder auf Kurs. Über den Plauer See und Wendsee erreichen wir die zweite Schleuse unseres Törns: An der Schleuse Wusterwitz warten bereits mehrere Sportboote und zwei Frachtkähne auf die nächste Schleusung. Eine zweite Schleusenkammer befindet sich hier im Bau. Wir nutzen die Wartezeit für eine kleine Brotzeit bei strahlendem Sonnenschein auf dem Oberdeck.

Ben erklärt sich das Bergaufschleusen wie die heimische Badewanne: Erst geht das eine Schleusentor zu, dann läuft die Badewanne für Boote voll. Dann öffnet sich das zweite Schleusentor und alle Boote können wieder hinausfahren. Beim Bergabschleusen wird entsprechend der Stöpsel aus der Badewanne gezogen und das Wasser läuft wieder heraus.

Über den Elbe-Havel-Kanal geht es weiter durch Genthin. Der Pareyer Verbindungskanal bringt uns zur Schleuse Parey. Dort möchte Ben unbedingt beim Schleusen mithelfen. Auf dem Oberdeck nimmt er sich ein Seil und macht das Boot damit fest, dass er es von der einen Seite der Reeling zur anderen spannt. Das hilft dem geübten Skipper zwar nicht, aber Ben findet es toll. Die Attraktion der Schleuse ist das sogenannte Hubschwenktor, unter dem wir aus der Schleuse herausfahren. Ein Höhepunkt jagt den nächsten und plötzlich erstreckt sich vor uns die Elbe. Wir machen sie für die nächsten Kilometer zu unserem Fluss, der erstaunlicherweise nicht so reißend ist, wie wir es zunächst erwartet hatten. Das Navigieren ist, anders als auf den Kanälen Brandenburgs, trickreich, da man an den entsprechenden Wechselzeichen stets von der einen Uferseite der Elbe zur anderen navigieren muss. Was wie ein Schlingerkurs aussieht, ist also zwingend erforderlich, um der Gefahr zu entgehen, auf eine Sandbank zu laufen. Als erfahrener Skipper bringt uns Christoph sicher an den naturbelassenen Ufern vorbei. Dort sehen wir Graureiher, Steinadler und viele Enten. Aber auch Schafe, Pferde und Büffel weiden an den Ufern.

Wie aus dem Nichts tauchen vor uns die ersten Türme und Häuser von Tangermünde auf. Am Gäste-Anleger des Tangermünder Wassersportvereins machen wir fest für die Nacht. Nach einem gekonnten Anlegemanöver mit Bens Unterstützung gehen wir von Bord, um die Stadt zu erkunden. Im Tourismusbüro am alten Marktplatz erfahren wir, dass in wenigen Minuten ein Stadtrundgang startet. Spontan beschließen wir daran teilzunehmen und gesellen uns zu den etwa 15 anderen Teilnehmern. Für einen Montagabend außerhalb der Hauptsaison ist die Stadt gut besucht. Der Stadtrundgang ist kurzweilig und die Stadtführerin erklärt uns die Geschichte der Stadt anhand der Gebäude. „Ein Ritter kam aus Tangermünde.“ Ein einfacher Satz, mit dem die Geschichte der Stadt im Jahre 1009 erstmals dokumentiert wurde. Der Rundgang endet nach zwei Stunden in der Nähe des Schlosses, das einen fabelhaften Ausblick auf Stadt und Land bietet.