Hiddensee: Eine Künstleroase in der Ostsee vor der Küste Rügens

Von |4,8 Minuten Lesezeit|962 Wörter|Veröffentlicht am: 30. April 2009|
Startseite/Archiv/Hiddensee: Eine Künstleroase in der Ostsee vor der Küste Rügens

Hiddensee hat wesentlich mehr zu bieten als den bekanntesten Leuchtturm Deutschlands. Mit einer passionierten Hiddensee-Führerin können Urlauber in die über 100-jährige Künstlergeschichte der Insel eintauchen.

Wenn eine Insel wie Hiddensee so klangvolle Beinamen wie „Capri des Nordens“ oder „dat söte Länneken“ – das süße Ländchen – trägt, dann muss das kleine Eiland schon etwas ganz Besonderes an sich haben, das Urlauber und Einheimische gleichermaßen fasziniert. In der Tat hat die kleine Ostseeinsel eine einzigartige Natur. Nirgends findet man eine so üppige Heidelandschaft, und den hügeligen Dornbusch im Norden von Hiddensee hält jeder Ostseeliebhaber für den Garten Eden. Überhaupt erwecken Flora und Fauna den Eindruck, als hätte man es hier mit einem fast vollkommen naturbelassenen Kleinod zu tun. Das ist nicht zuletzt den Einheimischen zu verdanken, die seit Jahren keine Autos auf die Insel lassen und den kostbaren Grund und Boden vor schlimmen Bausünden beschützen. Nur Wanderer und gemächliche Pferdekutschen teilen sich die einzige Straße von Norden nach Süden. Wer es eilig hat, fährt Fahrrad. Wer viel Gepäck hat, braucht einen Handwagen. Einer weiterer Superlativ Hiddensees ist die Auszeichnung „Ort mit der höchsten Handwagendichte“.

Im sommerlichen August bricht schon die Nacht über Hiddensee herein, wenn die letzte Fähre aus Stralsund den Hafen von Vitte erreicht. Bereits die gemütliche Fährfahrt entschleunigt wunderbar den gehetzten Großstadtmenschen. So spaziert man langsamen Schrittes an Land und sucht im Licht der Laternen das Quartier.

Literarische Wanderung durch den Inselnorden

Am nächsten Vormittag geht es in den Nachbarort Kloster, um neben der Natur mehr über die zweite große Attraktion der Insel zu erfahren: ihre unglaublich beeindruckende Künstlergeschichte. Eine Berliner Kleinverlegerin bietet seit knapp fünf Jahren hoch gelobte Führungen über die kulturelle Vergangenheit Hiddensees an. In ihrer leuchtend türkisfarbenen Kleidung ist sie schon von Weitem zu erkennen: Ute Fritsch – Inselführerin aus Leidenschaft – steht am Eingang zu Klosters Friedhof und begrüßt ihre Zuhörer. Trotz der heißen Sommertemperaturen haben sich zahlreiche Gäste eingefunden, die begeistert von ihren anderen Führungen berichten. Die heutige Tour führt in den Inselnorden. In den einleitenden Worten der munteren 41-Jährigen wird deutlich, dass sich die Liste der einst hier lebenden oder Urlaub machenden Künstler wie das Who-Is-Who der deutschen Literatur-, Maler- und Theaterszene liest. Auch heute noch, weiß Ute Fritsch zu berichten, kommen Schauspieler wie die Grand Dame des Deutschen Theaters in Berlin, Inge Keller, oder Schriftsteller wie Günther Grass jedes Jahr zu Besuch und schätzen die Abgeschiedenheit. Wer hier den Jet-Set à la Sylt vermutet, wird vergebens suchen. Das freut auch den Modedesigner Wolfgang Joop, der vor vier Jahren das erste Mal nach Hiddensee kam. „Der Porsche-Faktor auf Hiddensee ist gleich null“, reflektierte er.

Vor dem Haus, in dem einst Albert Einstein Urlaub machte, zeigt die immer gutgelaunte Inselführerin eine von ihr selbst gestaltete Inselkarte. Auf ihr ist anschaulich verzeichnet, welcher Künstler wann und wo gewohnt, gefeiert und getrunken hat. Auf dem Weg zur schönsten Aussicht über Hiddensee, dem sogenannten Inselblick, geht es vorbei an blühendem Ginster und vom Wind geformten Kiefern. Das Panorama genießend, zitiert Ute Fritsch aus Gedichten, die diesen Ausblick poetisch einfangen. An der nächsten Station, dem Ausflugslokal „Zum Klausner“, erzählt die gebürtige Jenenserin die Geschichte von Alexander Ettenburg, der als der Ziehvater für alle Hiddensee-Liebhaber aus Künstlerkreisen gilt. Nicht weniger spannend trägt Ute Fritsch anschließend Auszüge aus Christoph Heins Roman „Der Tangospieler“ vor, der größtenteils im „Klausner“ spielt. Keine fünf Minuten entfernt, steht man vor dem eindrucksvollen Leuchtturm und erblickt die wunderschöne Landschaft des Dornbusch. Eine Teilnehmerin resümiert, dass dieses Fleckchen Erde nicht im Geringsten den Vergleich mit einer griechischen Insel zu scheuen brauche. Das muss wohl auch der Brücke-Maler Erich Heckel gedacht haben, der, so die Inselführerin, früher oft in dem kleinen Dorf Grieben am Fuße des Dornbuschs zu Gast war.

Auf den Spuren der Künstler durch Kloster

Die zweite Führung beginnt wieder in Kloster. Treffpunkt ist der Hafen. Diesmal soll es nur um den Ort Kloster gehen, der in den 20er Jahren, als die Künstler aus Berlin und Hamburg in Scharen nach Hiddensee kamen, den kulturellen Hauptort darstellte. Als beste Adresse galt damals das Hotel Dornbusch, das es noch immer unter anderem Namen gibt. Berühmtheiten wie Billy Wilder, Sigmund Freud oder Else Lasker-Schüler sind damals dort abstiegen, weiß die studierte Germanistin. Ihre Quellen sind außerordentlich. Selbst einen Brief im fernen Washingtoner Archiv, der über Hiddensee Auskunft gibt, konnte sie ausfindig machen. Ihr Enthusiasmus und ihre Leidenschaft sind für jeden Teilnehmer sichtbar. Sie erzählt sehr lebendig, streut hier und da Anekdoten ein, zeigt viele historische Fotografien, sodass ein bleibender Eindruck garantiert ist.

Auf dem Friedhof von Kloster sind zwei der treuesten und berühmtesten Sommerfrischler begraben: Gret Palucca, die zierliche Choreografin von Weltrang, und der Dramatiker und Literaturnobelpreisträger Gerhart Hauptmann. Über Hauptmann erzählt Ute Fritsch, dass er aufgrund seiner imposanten Körpergröße und extrovertierten Auftrittsweise von vielen als Künstlerfürst der Insel angesehen wurde. Davon ist man auch überzeugt, als Ute Fritsch zu einer Sitzpause vor dem sagenumworbenen „Haus am Meer“ einlädt. Ihre folgende Geschichte handelt vom Zwist zwischen Hauptmann und Thomas Mann. Im besagten „Haus am Meer“ logierte 1924 Gerhart Hauptmann, als der Autor der Buddenbrooks mit seiner Familie auch zu Gast war. Die Manns fühlten sich in Anwesenheit Hauptmanns wie Besucher zweiter Klasse und reisten bald wieder ab. Sie kamen nie wieder. Thomas Mann schrieb später, dass auf der Insel kein Platz für zwei große Künstler gewesen sei.

HAFENFÜHRER

Einfach zur perfekten Reiseroute

Hafenportraits mit Plan: Müritz | Havel | Seenplatte | Berlin | Brandenburg

SHOP
Hiddensee: Eine Künstleroase in der Ostsee vor der Küste Rügens
Von |4,8 Minuten Lesezeit|962 Wörter|Veröffentlicht am: 30. April 2009|
Startseite/Archiv/Hiddensee: Eine Künstleroase in der Ostsee vor der Küste Rügens

Hiddensee hat wesentlich mehr zu bieten als den bekanntesten Leuchtturm Deutschlands. Mit einer passionierten Hiddensee-Führerin können Urlauber in die über 100-jährige Künstlergeschichte der Insel eintauchen.

Wenn eine Insel wie Hiddensee so klangvolle Beinamen wie „Capri des Nordens“ oder „dat söte Länneken“ – das süße Ländchen – trägt, dann muss das kleine Eiland schon etwas ganz Besonderes an sich haben, das Urlauber und Einheimische gleichermaßen fasziniert. In der Tat hat die kleine Ostseeinsel eine einzigartige Natur. Nirgends findet man eine so üppige Heidelandschaft, und den hügeligen Dornbusch im Norden von Hiddensee hält jeder Ostseeliebhaber für den Garten Eden. Überhaupt erwecken Flora und Fauna den Eindruck, als hätte man es hier mit einem fast vollkommen naturbelassenen Kleinod zu tun. Das ist nicht zuletzt den Einheimischen zu verdanken, die seit Jahren keine Autos auf die Insel lassen und den kostbaren Grund und Boden vor schlimmen Bausünden beschützen. Nur Wanderer und gemächliche Pferdekutschen teilen sich die einzige Straße von Norden nach Süden. Wer es eilig hat, fährt Fahrrad. Wer viel Gepäck hat, braucht einen Handwagen. Einer weiterer Superlativ Hiddensees ist die Auszeichnung „Ort mit der höchsten Handwagendichte“.

Im sommerlichen August bricht schon die Nacht über Hiddensee herein, wenn die letzte Fähre aus Stralsund den Hafen von Vitte erreicht. Bereits die gemütliche Fährfahrt entschleunigt wunderbar den gehetzten Großstadtmenschen. So spaziert man langsamen Schrittes an Land und sucht im Licht der Laternen das Quartier.

Literarische Wanderung durch den Inselnorden

Am nächsten Vormittag geht es in den Nachbarort Kloster, um neben der Natur mehr über die zweite große Attraktion der Insel zu erfahren: ihre unglaublich beeindruckende Künstlergeschichte. Eine Berliner Kleinverlegerin bietet seit knapp fünf Jahren hoch gelobte Führungen über die kulturelle Vergangenheit Hiddensees an. In ihrer leuchtend türkisfarbenen Kleidung ist sie schon von Weitem zu erkennen: Ute Fritsch – Inselführerin aus Leidenschaft – steht am Eingang zu Klosters Friedhof und begrüßt ihre Zuhörer. Trotz der heißen Sommertemperaturen haben sich zahlreiche Gäste eingefunden, die begeistert von ihren anderen Führungen berichten. Die heutige Tour führt in den Inselnorden. In den einleitenden Worten der munteren 41-Jährigen wird deutlich, dass sich die Liste der einst hier lebenden oder Urlaub machenden Künstler wie das Who-Is-Who der deutschen Literatur-, Maler- und Theaterszene liest. Auch heute noch, weiß Ute Fritsch zu berichten, kommen Schauspieler wie die Grand Dame des Deutschen Theaters in Berlin, Inge Keller, oder Schriftsteller wie Günther Grass jedes Jahr zu Besuch und schätzen die Abgeschiedenheit. Wer hier den Jet-Set à la Sylt vermutet, wird vergebens suchen. Das freut auch den Modedesigner Wolfgang Joop, der vor vier Jahren das erste Mal nach Hiddensee kam. „Der Porsche-Faktor auf Hiddensee ist gleich null“, reflektierte er.

Vor dem Haus, in dem einst Albert Einstein Urlaub machte, zeigt die immer gutgelaunte Inselführerin eine von ihr selbst gestaltete Inselkarte. Auf ihr ist anschaulich verzeichnet, welcher Künstler wann und wo gewohnt, gefeiert und getrunken hat. Auf dem Weg zur schönsten Aussicht über Hiddensee, dem sogenannten Inselblick, geht es vorbei an blühendem Ginster und vom Wind geformten Kiefern. Das Panorama genießend, zitiert Ute Fritsch aus Gedichten, die diesen Ausblick poetisch einfangen. An der nächsten Station, dem Ausflugslokal „Zum Klausner“, erzählt die gebürtige Jenenserin die Geschichte von Alexander Ettenburg, der als der Ziehvater für alle Hiddensee-Liebhaber aus Künstlerkreisen gilt. Nicht weniger spannend trägt Ute Fritsch anschließend Auszüge aus Christoph Heins Roman „Der Tangospieler“ vor, der größtenteils im „Klausner“ spielt. Keine fünf Minuten entfernt, steht man vor dem eindrucksvollen Leuchtturm und erblickt die wunderschöne Landschaft des Dornbusch. Eine Teilnehmerin resümiert, dass dieses Fleckchen Erde nicht im Geringsten den Vergleich mit einer griechischen Insel zu scheuen brauche. Das muss wohl auch der Brücke-Maler Erich Heckel gedacht haben, der, so die Inselführerin, früher oft in dem kleinen Dorf Grieben am Fuße des Dornbuschs zu Gast war.

Auf den Spuren der Künstler durch Kloster

Die zweite Führung beginnt wieder in Kloster. Treffpunkt ist der Hafen. Diesmal soll es nur um den Ort Kloster gehen, der in den 20er Jahren, als die Künstler aus Berlin und Hamburg in Scharen nach Hiddensee kamen, den kulturellen Hauptort darstellte. Als beste Adresse galt damals das Hotel Dornbusch, das es noch immer unter anderem Namen gibt. Berühmtheiten wie Billy Wilder, Sigmund Freud oder Else Lasker-Schüler sind damals dort abstiegen, weiß die studierte Germanistin. Ihre Quellen sind außerordentlich. Selbst einen Brief im fernen Washingtoner Archiv, der über Hiddensee Auskunft gibt, konnte sie ausfindig machen. Ihr Enthusiasmus und ihre Leidenschaft sind für jeden Teilnehmer sichtbar. Sie erzählt sehr lebendig, streut hier und da Anekdoten ein, zeigt viele historische Fotografien, sodass ein bleibender Eindruck garantiert ist.

Auf dem Friedhof von Kloster sind zwei der treuesten und berühmtesten Sommerfrischler begraben: Gret Palucca, die zierliche Choreografin von Weltrang, und der Dramatiker und Literaturnobelpreisträger Gerhart Hauptmann. Über Hauptmann erzählt Ute Fritsch, dass er aufgrund seiner imposanten Körpergröße und extrovertierten Auftrittsweise von vielen als Künstlerfürst der Insel angesehen wurde. Davon ist man auch überzeugt, als Ute Fritsch zu einer Sitzpause vor dem sagenumworbenen „Haus am Meer“ einlädt. Ihre folgende Geschichte handelt vom Zwist zwischen Hauptmann und Thomas Mann. Im besagten „Haus am Meer“ logierte 1924 Gerhart Hauptmann, als der Autor der Buddenbrooks mit seiner Familie auch zu Gast war. Die Manns fühlten sich in Anwesenheit Hauptmanns wie Besucher zweiter Klasse und reisten bald wieder ab. Sie kamen nie wieder. Thomas Mann schrieb später, dass auf der Insel kein Platz für zwei große Künstler gewesen sei.