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Natur und Kultur an der Havel

Natur und Kultur an der Havel

Ein Bootstörn von Berlin-Spandau über Potsdam nach Brandenburg an der Havel

Lesedauer des Beitrags: 6 Minuten

An einem freundlichen Sonntagmorgen im Spätsommer treffe ich mich mit vier Freunden im Altstadthafen Berlin-Spandau. Hier bei Lanke Charter haben wir ein Boot reserviert: unser Zuhause für die nächsten fünf Tage. Für uns alle ist dies der erste Bootstörn unseres Lebens.

Das Boot, die „Celina“, ist eine De Drait Renal 36 und stolze elf Meter lang, knapp vier Meter breit und 14 Tonnen schwer. Der Hafenmeister erklärt alles, was wir wissen müssen: Gashahn und Motor, Steuerstand und Stromversorgung. Zum Schluss dann die alles entscheidende Frage: „Wer is´n der Käpt´n?“. Da ich die Einzige bin, die einen Motorbootführerschein besitzt, hebe ich zaghaft die Hand und antworte: „Ich!“. Denn als Kapitän fühle ich mich noch nicht wirklich.

Ein unbekanntes Abenteuer

Meinen Schein habe ich erst vor vier Wochen gemacht – und das auf einem Boot, das nicht einmal halb so lang war wie die „Celina“. Meine Unsicherheit muss man mir ansehen, denn dem Hafenmeister huscht ein Lächeln übers Gesicht, er klopft mir aufmunternd auf die Schulter und sagt: „Das schaffst du schon, Mädel!“ Kurz bevor er von Bord geht, fragt er noch, wo uns der Törn denn langführen soll.

Unser Plan: von Spandau aus die Havel runter Richtung Potsdam und von da aus über den Teltowkanal und die Spree einmal rund um Berlin. „Ihr wisst aber schon, dass ab morgen die Schleusenwärter streiken wollen?“ In unseren verdutzten Gesichtern findet der Hafenmeister die Antwort auf seine Frage: Nein, das wussten wir nicht. Also beschließen wir kurzerhand, alles noch einmal über den Haufen zu werfen und stattdessen die Havel abwärts nach Potsdam, weiter in Richtung Brandenburg an der Havel und wieder zurückzuschippern. Somit liegt nur die Schleuse Spandau auf unserer Route, die wir noch vor dem geplanten Streik passieren könnten.

Tag 1: Von Tieren, Fendern und Holländern

Mit einer neuen Route im Gepäck geht es endlich los. Ich positioniere meine Crew an Bug und Heck, rede mir selbst gut zu und lege ab. Gemächlich nehme ich Kurs in Richtung Süden auf und schon nach wenigen Minuten erreichen wir unser erstes Etappenziel: die Schleuse Spandau. Ich rufe mir nochmal ins Gedächtnis, wie ich seitwärts am Steg anlege und gebe meiner Crew das Zeichen, die Steuerbordseite auszufendern. Alles klappt gut und wir machen die „Celina“ am Haltesteg fest. Etwas weiter hinten warten bereits einige Frachtschiffe darauf, in die Schleuse zu kommen.

Wir stellen uns also auf eine längere Wartezeit ein und machen es uns erst einmal an Deck gemütlich. Während wir die Sonne genießen und darauf warten, in die Schleuse zu dürfen, sind wir uns schnell einig: Das mit dem Bootfahren war eine super Idee! Rund eine Stunde später schaltet die Ampel endlich auf Grün. Also heißt es wieder: Leinen los! In wenigen Minuten geht es ungefähr 2,80 Meter in einer der ältesten Schleusen Deutschlands abwärts.

Bootstour Berlin-Spandau über Potsdam nach Brandenburg an der Havel © Magazin Seenland
Etappenziel Nr. 1: Einfahrt in die Schleuse Spandau

Mit entspannten fünf bis sechs Knoten tuckern wir auf der Havel durch Berlin. Nach und nach wird der Fluss breiter und die vorbeiziehenden Ufer ländlicher. Backbord sind die Ausläufer des größten Berliner Forstgebietes, des Grunewalds, zu erkennen. Bei Sonnenschein, angenehmen Temperaturen und guten Windverhältnissen tummeln sich hier viele Segelboote auf dem Wasser.

Endlich kann unsere Fahrt beginnen

Nach einiger Zeit passieren wir die Pfaueninsel, die im frühen 19. Jahrhundert von Kaiser Friedrich Wilhelm III. als Menagerie – der Vorläufer eines Zoos – genutzt wurde. Dann geht es unter der Glienicker Brücke hindurch, welche, um zu zeigen, dass hier einst die Grenze zwischen Ost- und West-Berlin verlief, in zwei unterschiedlichen Grüntönen gestrichen ist.

Während die Brücke langsam am Horizont verschwindet, erreichen wir schon bald unseren ersten Zielhafen: die Marina am Tiefen See, die an diesem Abend bereits gut gefüllt ist. Lediglich ein Platz im Inneren des Hafens ist noch frei. Im Zick-Zack-Kurs versuche ich, vorwärts in einer Box anzulegen. Leider unterschätze ich dabei Breite und Länge der „Celina“ und es kommt zu einer Kollision – zwischen Steg und einem unserer Fender. Mit einem lauten Knall verabschiedet sich dieser aus dem Dienst. Der Hafenmeister hilft uns schließlich, sicher festzumachen, und empfiehlt uns obendrein einen Abendessen-Abstecher in das nahegelegene Holländische Viertel. Kleine Ziegelsteinhäuser bestimmen hier das Stadtbild, überall finden sich Restaurants und Cafés.

Tag 2: Viel Natur und etwas Regen

An unserem ersten Morgen werden wir vom Regen geweckt, der Sonnenschein vom Vortag scheint sich auch in den Urlaub verabschiedet zu haben. Mit dem festen Vorsatz, uns nicht die Laune und den Tag verderben zu lassen, machen wir uns früh fertig für die Weiterfahrt. Es geht ein Stück retour und hinter der Glienicker Brücke westwärts auf den Sacrow-Paretzer Kanal in Richtung Brandenburg an der Havel. Eingemummelt in dicke Pullover und Regenjacken richten wir uns unter dem Regenverdeck des Steuerstandes ein und genießen die Ruhe und die wunderschöne Natur.

Tag 3: Die Wiege der Mark

Am Morgen des dritten Tages strahlt die Sonne. Nach einem ausgiebigen Frühstück machen wir uns auf den Weg, die Altstadt und den Dom St. Peter und Paul zu besichtigen. Ein imposanter Backsteinbau, dessen Grundstein bereits 928/9 gelegt wurde. Seit der Reformation 1527 gehört der Dom zur protestantischen Kirche und wird oft auch als „Wiege der Mark“ bezeichnet. Bis zum Mühlendamm führt uns unsere Sightseeing-Tour. Hier genehmigen wir uns zum Abschluss ein vorzügliches Fischbrötchen bei „Fisch am Mühlendamm“.
Zurück an Bord, geht wieder raus auf die Havel. Um das Schleusen zu vermeiden, drehen wir um und fahren zurück Richtung Ketzin. Auf dem Trebelsee strahlt plötzlich wieder die Sonne. Eine Gelegenheit, die man ausnutzen muss: Also rein in die Badesachen und beherzt ab ins glasklare, aber auch eiskalte Wasser! Schnell klettern wir völlig durchgefroren wieder an Bord, um uns bei einer Tasse Tee aufzuwärmen.

Kurz hinter Ketzin fahren wir nicht wieder auf den Sacrow-Paretzer Kanal, sondern schippern weiter gemütlich auf der Havel und erreichen bald unser Tagesziel: die Marina Zernsee. Zum Abendessen genießen wir auf der Terrasse des Hafenrestaurants frisch zubereitete, vorzügliche Hausmannskost und lassen anschließend den Tag an Deck ausklingen – mit Blick auf den Großen Zernsee und eine Sonne, die langsam am Horizont untergeht und den See sanft rot färbt.

Fantastisches Panorama in der Marina Zernsee

Tag 4: Ohne Sorgen in Potsdam

Der vierte Tag an Bord – und wir sind endgültig im Ruhemodus angekommen. Erst gegen Mittag machen wir uns auf Richtung Schwielowsee und Potsdam. Im Yachthafen Potsdam machen wir fest, denn von dort sind Ausflugsziele wie Schloss und Park Sanssouci schnell zu Fuß erreichbar. Wir verlassen das Boot und stellen verblüfft fest: Unser Gleichgewichtssinn hat sich bereits vollständig an den Wellengang gewöhnt und auch an Land scheint der Boden zu wanken. So spazieren wir zunächst noch etwas unsicher Richtung Sanssouci. Wie in eine andere Zeit versetzt fühlen wir uns hier, ohne Sorge („Sans Souci“) und bei Sonnenschein, bewundern wir Architektur und Gartenkunst – seit einigen Jahren sogar Teil des UNSECO-Weltkulturerbes.

Tag 5: Die Idylle der Havel

Nach viel Kultur in Potsdam nehmen wir uns für unseren letzten Tag vor, das Bootfahren noch einmal in vollen Zügen auszukosten. Langsam schippern wir durch Potsdam und biegen diesmal vor der Glienicker Brücke rechts in den Griebnitzkanal ein. Dieser führt uns vorbei an herrschaftlichen Häusern mit eigenen Bootsanlegern. Nicht nur heute, sondern schon in der Vergangenheit war dies eine beliebte Wohngegend. Am Kleinen Wannsee hatte zum Beispiel der bekannte Dramatiker Heinrich von Kleist die letzten Jahre seines Lebens verbracht und 1811 Suizid begangen. Sein Grab befindet sich noch heute an der entsprechenden Stelle.
Hinter einer kleinen Brücke breitet sich schließlich der Große Wannsee aus. Am rechten Ufer: das berühmte Strandbad, das, wie die Havel, heute vollkommen verlassen wirkt. Etwas wehmütig genießen wir ein letztes Mal die Iydlle auf dem Wasser.

Zum Schluss wieder auf Los und hinein in die – zum Glück unbestreikte – Schleuse Spandau. Während wir wieder langsam die wenigen Meter hochgeschleust werden, lassen wir leicht melancholisch die letzte Woche Revue passieren: wunderschöne Landschaft, interessante Kultur, etwas Regen, aber auch Sonnenschein, viel Ruhe, gutes Essen und nur einen Fender weniger. Ein Trip, der Spaß gemacht hat, und uns zu einer richtigen Crew werden ließ. Ganz klar: Im nächsten Jahr geht es wieder auf große Fahrt!

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