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Ein Besuch im Mittelalter

Ein Besuch im Mittelalter

Freilichtmuseum Groß Raden - umgeben vom Binnensee. Foto: Sebastian Kühl

Foto: Sebastian Kühl

Pedalritter zu Gast in der Slawenburg, dem archöologischen Freilichtmuseum Groß Raden.

Freilichtmuseum Groß Raden - umgeben vom Binnensee. Foto: Sebastian Kühl

Foto: Sebastian Kühl

Pedalritter zu Gast in der Slawenburg, dem archöologischen Freilichtmuseum Groß Raden. Wir sind in dem kleinen Ort Sternberg, 37 Kilometer von Schwerin entfernt. Wie wir bei unserer Reisevorbereitung erfuhren, liegt der kleine Ort auf dem Globus von Mecklenburg direkt in der Mitte. Woran sich das erkennen lässt, können wir leider nicht ausmachen.

Vielleicht ist damit die zentrale Lage zwischen den Autobahnen gemeint. Wir halten uns jedoch nicht lange mit der Suche nach der Antwort auf, denn wir wollen uns mit unseren Fahrrädern auf eine ganz andere Suche begeben. Eine Suche, die uns nicht nur aus dem schönen Sternberg heraus, sondern auch in die Vergangenheit führen wird. Ungefähr tausend Jahre wollen wir zurückradeln.

Frohen Mutes starten wir auf dem Markt der Stadt, wo uns die frühgotische Backsteinkirche und das Sternberger Rathaus nachblicken. Gut geplant ist halb erreicht, so lautet unser Wahlspruch und so haben wir eine Karte in einem Maßstab dabei, der auch die kleinsten Ortschaften zeigt. So ist es für uns leicht, die richtige Ortsausfahrt zu finden. Kaum aus der Stadt heraus sind wir wieder in dieser herrlichen Landschaft, die uns fast mehr noch als das Ziel unserer Suche in diese Gegend gelockt hat. Der Himmel ist blau und die sommerliche Wärme stimmt uns heiter, während wir gemächlich in die Pedalen treten.

Anreise

Die Landstaße führt uns zunächst zur Sternberger Burg. Von hier aus fahren wir weiter nach Groß Raden. Irgendwo unweit dieses kleinen Dorfes soll sich unser Reiseziel befinden: das archäologische Freilichtmuseum Groß Raden. Wir überqueren die Mildenitz, und schon haben wir das Dorf Groß Raden erreicht. Der kleine Ort hat sich ganz auf die durchziehenden Museumsbesucher eingestellt. Hier gibt es nicht nur genügend Parkmöglichkeiten für die autofahrenden Gäste, sondern auch ein Oldtimermuseum. Dazu ist die Straße, die uns der Wegweiser zum Museum zeigt, mit bodenständigen Restaurants gesäumt, in denen eine Stärkung vor oder nach dem Museumsbesuch möglich ist. Da wir uns noch kräftig genug fühlen, beschließen wir, vielleicht nach unserer Reise in die Vergangenheit in eines der Lokale einzukehren.

Zwischen dem Ort und dem Freilichtmuseum liegt noch eine kleine Wegstrecke, so dass wir Gelegenheit bekommen, uns gedanklich von der Moderne zu verabschieden und auf das kommende Erlebnis einzustellen. Von einem Hügel eröffnet sich dann eine wunderbare Aussicht auf die Wasserfläche eines kleinen Sees und auf die darin liegende runde Fliehburg. Es fällt uns nicht schwer, uns vorzustellen, wie einst Kaufleute oder auch Angreifer über diesen Hügel kamen und diese mächtige Verteidigungsanlage bestaunten. Da wir von unserem Standort außer der Slawensiedlung nur noch grünen Wald und dunkel schimmerndes Wasser sehen, scheint der Ort, der dort aus dem See ragt, fast wirklich ein Relikt aus alter Vorzeit zu sein.

Lehrreiche Pfade

Wir reißen uns von dem Anblick los und folgen weiter dem Weg zum Eingang des Museums. Er führt am Ufer des Sees entlang und ist in Form eines Lehrpfades gestaltet. So erfahren wir schon vor dem Betreten des Museums viel über die damalige Beschaffenheit der Umwelt. Besonders beeindruckend erscheint uns die Stelle im Wald, wo einst die Slawen die Erde für ihren Burghügel abgebaut haben. Die Halde sieht aus, als wäre es nicht tausend Jahre, sondern nur wenige Jahrzehnte her, dass die Arbeiten hier eingestellt wurden.

Als wir weiter durch den Wald fahren, kommen wir um eine Biegung und trauen für einen Augenblick unseren Augen nicht. Vor uns weiden Elche auf einer Lichtung! Gleich darauf merken wir natürlich, dass es sich hier um ein Freigehege handelt und die Tiere eingezäunt sind. Doch verfehlt die Überraschung ihre Wirkung nicht. Die Elche tragen dazu bei, dass wir das Gefühl haben, in die Vergangenheit einzutauchen. Zur Zeit der Slawen streiften die großen Tiere hier noch in den Wäldern umher und waren wohl auch hin und wieder Jagdbeute für die Bewohner der nahen Siedlung.

Eine andere Welt

Bevor wir das Tor zum Slawendorf dann endlich erreichen, kreuzt ein eilig krabbelnder Hirschkäfer unseren Weg. Auch ein Tier, das kaum noch in diesen Breiten anzutreffen ist. Schließlich öffnet sich der Wald wieder, und wir stehen vor dem mächtigen Holztor der Museumsanlage. Noch einmal müssen wir kurz unsere Fantasie bemühen, um uns das moderne Haus mit dem Verkaufsschalter für die Eintrittskarten neben dem Tor wegzudenken, dann treten wir ein in eine andere Welt.

Wir sehen das Ergebnis mühevoller archäologischer Forschung und Restaurierung. Die Siedlung wurde wieder so aufgebaut, wie sie einst ausgesehen hat – anhand der Funde konnte man es gut rekonstruieren. Wir sehen Hütten in den verschiedenen Stadien ihrer Entstehung, den sorgsam angelegten schützenden Graben und den herausragenden Tempelbau. Bei seiner Entdeckung gehörte er zu den größten Sensationen der Grabung. Zwischen 1973 und 1980 wurde die Slawensiedlung Stück für Stück freigelegt. Dabei waren in dem sumpfigen Gelände und bei oft widrigen Witterungsumständen viele Schwierigkeiten zu überwinden. Doch erst die Umsetzung als Museum macht für uns Besucher nun die Ergebnisse der ganzen Mühe wirklich begreif- und erlebbar. Das Wissen, hier auf einem wirklichen historischen Siedlungsplatz zu sein, hebt das Museum über vergleichbare Anlagen ohne historische Grundlagen weit hinaus.

Besonders interessiert uns bei unserem Rundgang natürlich die runde Fliehburg, die wir schon aus der Ferne entdeckt hatten. Über einen hölzernen Turm steigen wir auf den oberen Rand des künstlichen Hügels. Die Menge der aufgeschütteten Erde entspricht etwa 4.000 LKW-Ladungen, und so umrunden wir ehrfürchtig einmal das gesamte Bauwerk auf dem krönenden Wehrgang. Ein Museum zum Begreifen im wörtlichen Sinne ist die Slawensiedlung nicht nur, weil die Besucher hier auf Palisaden steigen und von Türmen schauen können.

Besonders für die kleinen Besucher hat das Museum viel zu bieten. Gebacken wird hier und dort getöpfert. Specksteinschnitzerei gibt es ebenso wie eine Zinngießerei, wo kleine Götzenfiguren als Mitbringsel angefertigt werden können. So weit wollen wir es nun nicht kommen lassen, doch streifen wir noch eine ganze Weile mit großem Interesse durch die Anlage. Wir begutachten das Segelschiff, das neben dem Burgwall am Steg liegt, wir entdecken einen versunkenen Einbaum im Wehrgraben und erkunden das Innere des Tempels, der früher vermutlich das religiöse Zentrum im weiteren Umkreis des slawischen Siedlungsgebietes war.

Nun haben wir von unserer Unternehmung doch noch Hunger bekommen, und nachdem wir das Museum verlassen haben, kehren wir im Dorf Groß Raden in ein Restaurant ein, wo wir auf der Seeterasse bei einer deftigen Grillplatte den erlebnisreichen Tag ausklingen lassen, bevor wir unseren Drahteseln die Sporen geben und zurück in unser eigenes Jahrhundert fahren.

Lesen Sie weiter in der Ausgabe Seenland 2006

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