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Wir sind dann mal weg …

Wir sind dann mal weg …

Von Enten und Enterhaken

Nachdem wir auch die Schleuse Strasen und den Ellbogensee bei Wesenberg hinter uns gelassen hatten, machten wir unseren ersten Halt auf dem Ziernsee bei Priepert. Die Sonne strahlte und wir zogen mit Würstchen und Kartoffelsalat an Deck, spannten den Schirm auf und teilten die Erlebnisse der ersten aufregenden Tage. Für ein Entenpaar wurde unser Boot währenddessen zum auserkorenen Ziel eines Erkundungsgangs. Amüsiert machten wir Fotos und ließen uns über die Schultern schauen. Allerdings vermieden wir das Füttern, denn bekanntlich wird solche Gabe meist mit einem weniger erfreulichen „Glücksbringer“ quittiert und keiner wollte sich als Schiffsjunge zum Deckschrubben abkommandieren lassen. Die Herren warfen noch eine halbe Stunde ihre Angeln aus und wir Frauen unsere Beine. So könnte es doch immer sein!

Das schöne Wetter beschied uns bald einen regen Verkehr auf dem Wasser: Es tummelten sich Floßreisende, Kanuten in knallbunten Westen und Sonnenhüten sowie diverse Hausboot- und Bunbofahrer auf den Wellen. Wir reihten uns in das gemütliche Treiben ein und erreichten mit Steinhavelmühle unsere nächste Schleuse. Unter einem tiefhängenden Blätterdach warfen wir die Leine aus und waren dankbar für den ersten kühlenden Schatten. Der Fahrer des nachfolgenden kleinen Motorbootes mühte sich hinter uns mit einem Enterhaken ab und geriet in Schwierigkeiten. Sofort sprangen Andy und Ronny vom Boot und zogen den Mann an den Wartebereich. Erleichtert plauderte er von seinem Ungeschick, er habe schon zwei Enterhaken versenkt und beinahe wäre seine Reise hier zu Ende gewesen. Es ergab sich wie so oft ein freundliches und lustiges Gespräch, das wieder eine wunderbare Anekdote auf unserer Reise zur Folge hatte. Die Schleuse Steinhavelmühle beeindruckte uns auf unserer Tour besonders. Das alte denkmalgeschützte Mühlengebäude am Durchfahrtskanal erzählte Geschichten aus längst vergangenen Zeiten und fasziniert mit seiner mächtigen Backstein- und Fachwerkfassade.

Wir befanden uns nun im Naturpark Stechlin-Ruppiner Land an der Grenze zum Naturpark Uckermärkische Seen. Nicht umsonst eine der beliebtesten und beschaulichsten Wasserregionen Brandenburgs. Mein Kinderbuch über die Berliner Familie, ihrem spontan erstandenen Segelboot und geweckten Abenteuergeist fiel mir in der Kajüte in die Hände und ich wusste nun, was mich an dieser Geschichte immer so fasziniert hatte. Lächelnd blätterte ich wieder ein paar Seiten durch, aber heute musste ich nicht mehr davon träumen.

Vom Röblinsee aus steuerten wir nun mit Fürstenberg/Havel erstmals belebteres Gebiet an – nach einer plätschernden, raschelnden und frühlingszwitschernden Fahrt auf den Seenketten des
Haveloberlaufs. Die Schleuse Fürstenberg forderte von uns höchste Konzentration, denn hier warteten zahlreiche Bootsfahrer dicht an dicht auf den Schleusengang. Die Schleuse bot erstaunlich viel Platz für viele große und kleine Boote. Der Schleusengang ließ immer wieder Fußgänger innehalten und die Szene beobachten.

Willkommen in Himmelpfort

Unser nächster Landgang und Übernachtungshafen zeichnete sich vor uns mit dem Stolpsee-Bootshaus in Himmelpfort ab. Dort wartete der gemütliche und familiäre Anleger von Simone und Thomas Weinreich auf uns. Mit einem Elektroroller flitzte Herr Weinreich den Steg entlang und empfing uns herzlich am Hafen. Wir zahlten die Gebühr und ließen uns den Weg zu verschiedenen Fischgaststätten erklären. Nachdem wir unser Anfängerabenteuer im Kanal zum Besten gegeben und einiges spaßig gemeintes „Haare raufen“ geerntet hatten, machten wir uns hungrig auf den Weg zur Gaststätte „An der Schleuse“. Hierher, ins beschauliche Dörfchen Himmelpfort, schicken alljährlich Tausende Kinder ihre Wünsche an den Weihnachtsmann. Selbst ein Brief nur mit dem Vermerk „An den Weihnachtsmann“ versehen, wird an die Adresse des ehemaligen Sitzes der Zisterziensermönche zugestellt.

Schleusenmarathon auf der Havel

Der fahrende Bäcker lockte uns am nächsten Morgen um acht Uhr mit frischen Brötchen und Kuchen. Andy und ich stellten uns erwartungsvoll an den unauffälligen Wagen, der sich nach einer Minute als Quelle der frischsten Back- und Konditoreiwaren entpuppte. Gestärkt und ausgeschlafen machten wir uns nun auf den Weg nach Templin. Laut den Gewässerkarten erwartete uns jetzt ein wahrer Schleusenmarathon. Kurz nach dem Stolpsee stachen wir in die kurvenreiche Havel. Rehe, Rinder, Hasen und Kranichfamilien begrüßten uns in unberührter Natur und auf wilden Wiesen. Insgesamt sechs Schleusen warteten auf uns. Der Templiner Kanal versprühte seinen eigenen idyllischen Charme und ließ uns nochmals einen Moment verweilen. Hatten wir bisher nur eine Ahnung, wie schön es in der Havelregion ist, so wurden unsere Vorstellungen jeden Tag noch um einiges übertroffen. Wir trauten unseren Augen kaum, als wir auf einem Holzstamm im Wasser sogar eine große Europäische Sumpfschildkröte entdeckten, die sich in der Junisonne wärmte.

Die beeindruckendste Schleuse begegnete uns an der Einfahrt nach Templin. Wir fühlten uns zwischen den feuchten Betonwänden wie im Kerker einer Burg, über uns rauschte der Verkehr. Eingeschüchtert passierten wir die Templiner Gewässer und steuerten auf den Stadthafen Templin der Familie Fröhnel zu. Herr Fröhnel, ein wortkarger und direkter Mann, wies unseren Kapitän zum parallelen Parkmanöver an. Ohne große Korrekturen standen wir nach kurzer Zeit wie eine Eins am Hafen. Lachend sprangen wir von Deck und wurden von Bella, der kleinen Jack Russell-Dame der Fröhnels, begrüßt. Diese brandenburgische, leicht brummige Tonart des Hafenmeisters gefiel uns auf Anhieb. Der Hafen verbreitete eine gemütliche Stimmung, hier wurden alle „Schäfchen“ aufmerksam und fürsorglich zusammengehalten.

In Templin machten wir nun den üblichen Gang zum Supermarkt, deckten uns mit den nötigen Dingen ein und bummelten noch etwas durch die Stadt. Lange hielten wir es aber nicht aus: Wir sehnten uns wieder nach unserem schwimmenden Appartement. An Deck mit Blick auf den Himmel und die umliegenden Boote ließen wir den Tag in gemütlicher Atmosphäre ausklingen. Das Gemurmel der anderen Bootsfahrer fühlte sich vertraut an. An ein Ende der Reise, an Zuhause, an Hektik und Alltag wollten wir gar nicht denken. Aber wir hatten ja zum Glück noch drei Tage, um weitere Etappen der Reise anzusteuern.

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