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Ein Revier für Genießer

Ein Revier für Genießer

Eine 7-Tages-Tour durch die Ruppiner Gewässer über Kremmen bis nach Oranienburg

Lesedauer des Beitrags: 6 Minuten

Der breite Schilfstreifen vor dem Ufer von Karwe existiert noch heute, genauso wie Theodor Fontane es in der „Grafschaft Ruppin“ beschreibt. Und auch das Schloss derer von Ziethen erstrahlt am Seeufer in weißem Putz. Sonst aber erinnert wenig an jenen denkwürdigen Augustabend des Jahres 1785, an dem die beiden Söhne derer von Knesebeck und Ziethen eine freundschaftliche Seeschlacht inszenierten, in deren Verlauf der breite Schilfstreifen als ideales Versteck für einen Hinterhalt herhalten musste.

Wer hier im Ruppiner Seenland Urlaub macht, kommt am märkischen Haus- und Hofdichter Fontane nicht vorbei und sollte den Band „Die Grafschaft Ruppin“ seiner „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ im Reisegepäck haben. Der gebürtige Neuruppiner hat seiner Heimat ein literarisches Denkmal gesetzt und lässt uns durch seine Erzählungen in die Geschichte des Reviers eintauchen. Die Ruppiner Gewässer sind bisher noch ein Geheimtipp für Bootsurlauber.

 Bootstour Ruppiner Gewässer, Kremmen, Oranienburg © Magazin Seenland
Klappbrücke und Schleuse Altfriesack

Nur wenige Charterfirmen bieten Ihre Boote hier an. Zum einen mag das daran liegen, dass das Gebiet bisher mit einem Motor über 16 PS Antriebsleistung nur von der Schleuse Altfriesack bei Wustrau bis zum Viehlitzsee bei Lindow mit dem Charterschein befahrbar ist. Zum anderen aber auch an der mangelnden Bekanntheit und Anbindung der Seenkette rund um Neuruppin. Doch selbst, wer nur auf dieses überschaubare Stück Wasserstraße von gut 31 Kilometern beschränkt ist, sollte sich den Abstecher in das verträumte Revier gönnen.

Die Schiffbarmachung der Region erfolgte Ende des 18. Jahrhunderts, als Torf aus dem Rhinluch als Brennstoff nach Berlin und in der Gegenrichtung Baumaterial für den Aufbau Neuruppins nach dem verheerenden Brand 1787 transportiert wurde.

Das unterschätzte Revier

Frank Kindt hat das Potenzial des Reviers für sich erkannt. Anfangs als privater Dauerlieger auf eigenem Kiel im Yachthafen von Wustrau, seit zwei Jahren nun im eigenen Hafen und mit einer Flotte von fünf Hausbooten der Firma Nicols zum Chartern. Wenn der gelernte Ofenbauer über das Revier berichtet, merkt man ihm seine Begeisterung für die Region an. Einfach die Seele baumeln lassen, ankern auf stillen Seen, einatmen und die Natur genießen – das sei es, was er und seine Kunden an den Ruppiner Gewässern schätzten und weshalb sie immer wieder kämen.

Davon möchten wir uns überzeugen und starten mit Ziel Neuruppin an Bord einer Nicols Comfort 1100 mit dem Namen „Neustrelitz“. Das Boot ist komfortabel ausgestattet: Drei Kabinen und drei Bäder gruppieren sich um einen mittschiffs befindlichen Salon, dessen großzügige Verglasung die Umgebung auch von innen gut wahrnehmen lässt. Eine funktionale Küchenzeile mit großem Kühlschrank sowie der große Esstisch mit gemütlicher Sitzbank ergänzen den Salon. Der Motor ist im Heck der Badeplattform untergebracht, sodass sich im Kiel des Bootes ausreichend Stauraum für Proviant und Taschen befindet.

 Bootstour Ruppiner Gewässer, Kremmen, Oranienburg © Magazin Seenland
Yachthafen Lindow: Liegeplatz mit Sonnenaufgangsgarantie über dem Gudelacksee

Über den Ruppiner See, dem mit 14 Kilometern längsten See Brandenburgs, erreichen wir Neuruppin. Mehrere Häfen laden hier zum Landgang ein. Wir entscheiden uns für das Bootshaus Neuruppin. Der Hafen wird hauptsächlich von Dauerliegern genutzt, die uns freundlich und mit einer helfenden Hand begrüßen. Eine große Terrasse lädt zum Grillen ein und die Altstadt mit dem nächsten Kiosk mit Brötchenservice am Bügerbahnhof ist in 10 Minuten Fußweg durch eine Kleingartensiedlung erreicht.

Neuruppin, die Geburtsstadt Fontanes und Schinkels, ist ein Paradebeispiel für eine klassizistische Stadtanlage, die nach dem großen Stadtbrand im August 1787 auf dem Reißbrett neu entworfen und umgesetzt wurde und die das Stadtbild noch heute prägt.

Von Neuruppin nach Lindow

Erster Halt ist die Schleuse Alt Ruppin. Hier halten die Schleusenwärter noch Mittagspause zwischen 12 und 14 Uhr, sodass wir an der Wartestelle festmachen und einen Spaziergang unternehmen. Weit kommen wir nicht, denn im alten Speicher direkt neben der Schleuse befindet sich der Kornspeicher Neumühle. Auf vier Etagen hat der Tischlermeister Manfred Neumann mehrere hundert noch unrestaurierte Schätze aus Holz zusammengetragen – von Schränken aller Art, über Klaviere und Flügel, bis zu Rahmen u.v.a.m. Ist Neumann in seiner Werkstatt, so darf man die Lageretagen und die Ausstellungsräume mit 50 restaurierten Stücken nach Herzenslust durchstöbern. Um 14 Uhr öffnen sich pünktlich die Schleusentore. Vor uns liegt eine Kette aus drei schmalen, langgestreckten Seen. Die leicht ansteigenden Ufer sind gesäumt von

Sommergrundstücken in waldiger Lage, meist mit eigenem Bootsstegs und Badeleiter. Kurz hinter der Siedlung Zermützel gelangen wir in den erst 1900 schiffbar gemachten Rhin, die Fahrrinne ist durch Dalben gekennzeichnet, die mit Baumstämmen und Ketten verbunden sind. Hier ist die Sumpflandschaft des Rhinluchs noch sichtbar, flache Bäume stehen auf morastigem Grund. Fast vier Kilometer mäandert der Fluss durch diese einsame und besonders anmutende Landschaft.

Die schmale Fahrrinne wird durch den Möllensee unterbrochen, der sich langgestreckt in südlicher Richtung ausdehnt. Nach kurzer Kanalstrecke erreichen wir den Gudelacksee. Lindow mit seinem Yachthafen befindet sich am westlichen Ufer. Wir passieren die mitten im See thronende Insel Werder und erreichen nach vier Kilometern Fahrt den gut ausgebauten Yachthafen Lindow. Vom freundlichen Hafenmeister bekommen wir einen Liegeplatz am Quersteg zugewiesen und legen längsseits an. Dank seitlicher Flügeltür haben wir direkten Stegzugang aus unserem schwimmenden Heim. Der Hafen verfügt über modernste Infrastruktur, saubere Sanitäranlagen und einen traumhaften Blick auf den See. Direkt an den Hafen grenzen das Lindower Freibad und ein kleiner Spielplatz. Lindow ist ein stolzes Ackerbürgerstädtchen mit einer unerwartet hohen Dichte an Restaurants und Bäckereien. Der Abendspaziergang führt über den Marktplatz zum Wutzsee, an dessen Ufer die Ruinen des alten Lindower Klosters stehen. Die Veranda der Pizzeria direkt am Marktplatz ist gut gefüllt an diesem lauen Sommerabend. Der Service ist freundlich und wir kehren gut gestärkt aufs Boot zurück.

Robinson Crusoe im Gudelacksee

Wo gibt es noch sowas: Eine große unbewohnte Insel mitten in Deutschland? Hier im Gudelacksee. Die Insel Werder, nun besser bekannt unter dem Namen Inselkind Werder, wurde vor einigen Jahren privatisiert und kann nun für Abenteuerurlaube fernab der Zivilisation angemietet werden. Wer nicht so lange bleiben möchte, meldet sich für eine Führung beim Verwalter der Insel an oder aber nutzt den öffentlich zugänglichen Wasserwanderrastplatz. Ein kleiner Steg, ein provisorischer Unterstand von Anrainern, zwei Rastplätze und eine kleine Rasenfläche sind zugänglich. Dahinter beginnt der Privatbesitz. Für eine Mittagspause mit Inselflair aber genau richtig und die Kinder genießen den Landgang.

Die Fahrt zurück geht wieder entlang der Seenkette bis nach Neuruppin. Schöne Natur, kaum Verkehr – Urlaub! In Neuruppin nutzen wir den Anleger direkt an der Hafenpromenade, Wir gönnen uns den Besuch der Fontane-Therme und relaxen abends an Bord.

Von Neuruppin nach Kremmen

Über den Ruppiner See passieren wir unseren Starthafen Wustrau und schippern weiter zur Schleuse nach Altfriesack. Hier erwartet uns ein besonderes Schleusenambiente, das wir bisher nur aus Frankreich kennen: ein sich leicht oval öffnender Wartebereich vor einer stählernen Klappbrücke aus dem Jahr 1927. Direkt dahinter liegen zwei Schleusenkammern. Nach der Schleuse durchqueren wir auf einer betonnten Strecke den Bützsee. Üppige Natur umgibt den nachfolgenden Kanal, wir fahren in das Gebiet des Kremmener Luchs, eines flachen Niedermoorgebietes, dessen Trockenlegung schon vor 300 Jahren begonnen wurde. Kurz vor unserem Etappenziel, der Seelodge bei Kremmen, passieren wir den 1926 unter Naturschutz gestellten Kremmener See. Nach weiteren vier Kilometern weitet sich der Rhin seeartig. Schon von weitem sehen wir die Seelodge auf 64 Pfählen über dem Wasser thronen. Direkt neben dem weißen Haupthaus befindet sich das zum Ensemble gehörende Strandbad Kremmen, dessen Schwimmbereich von einer erhöhten Steganlage umschlossen ist. Zur ersten Anmeldung nutzen wir die mit Dalben gesicherte Anlegestelle der Weißen Flotte und gehen längsseits. Kein Fahrgastschiff ist in nächster Zeit angekündigt und wir dürfen gegen einen kleinen Obolus von zehn Euro über Nacht hier liegenbleiben. Weitere Liegeplätze befinden sich am zur Seelodge gewandten Stegausläufer.

Von Kremmen bis zum Schlosspark Oranienburg

Am nächsten Morgen strahlt die Sonne in voller Pracht vom wolkenlosen Himmel. Am Vormittag ist das Schwimmbad noch ganz leer und wir haben das Gelände für uns. Also wird gebadet und die Kinder tollen auf der Wiese und dem Spielpatz umher. Mittags genießen wir frische Pfifferlinge auf der Holzveranda der Seelodge. Der Blick geht in unberührte Natur. Nun wissen wir, woher die Inspiration kam, gerade hier eine Lodge nach kanadischem Vorbild zu bauen.

Nach Oranienburg sind es noch 17 Kilometer. Der Großteil der Strecke führt auf von Schilf gesäumtem und Bäumen beschattetem Kanal schnurstracks entlang weiter, grüner Wiesen. Je näher wir Oranienburg kommen, umso industrieller werden der Kanal und sein Umfeld. Spätestens mit Einlaufen in den Oranienburger Kanal merken wir, dass wir wieder in der Zivilisation angekommen sind. Das Schilf am Ufer ist Schotter gewichen.
Am Bollwerk Oranienburg befindet sich ein Wasserwanderrastplatz. Der rückwärtige Schlosspark grenzt an das Gelände und die Innenstadt ist in wenigen Minuten erreichbar. Leider sind keine Sanitäranlagen vorhanden. Eine komfortable Alternative ist der auf der anderen Parkseite gelegene Schlosshafen Oranienburg. Wir statten dem Schlosspark einen Besuch ab und fahren danach weiter zur Marina Havelbaude am Havel Kanal. Der Hafen ist beliebt und gut belegt mit Booten. Neben dem kompletten Bootsservice bietet er eine gute Gastronomie mit Biergarten unter knorrigen Kastanien.

Landgang in Berlin

Mit Bus und S-Bahn geht es komfortabel direkt vom Hafen ins Herz der pulsierenden Hauptstadt: Sehenswert, aber auch ein starkes Kontrastprogramm zu den naturverbundenen Tagen auf den Ruppiner Gewässern.

Am nächsten Morgen motoren wir entspannt den Rhin flussaufwärts. Wir genießen jeden der 41 Kilometer. In Wustrau lassen wir den Törn bei einem gediegenen Mahl im vorzüglichen Restaurant des Hotels Seeschlösschen ausklingen. Die Blicke bleiben hängen an der Skulpur auf dem Hafenvorplatz zu Ehren der Seeschlacht von Wustrau. Nein, eine Schlacht haben wir nicht gewonnen, und trotzdem war diese Reise an Bord der Nicols Neustrelitz für uns ein voller Gewinn.

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