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Auf Adlerpirsch in der Feldberger Seenlandschaft

Auf Adlerpirsch in der Feldberger Seenlandschaft

„Haliaeetus albicilla“, so die lateinische Artenbezeichnung der Seeadler. Nachdem sie hierzulande fast ausgerottet waren, brüten mittlerweile wieder 700 Seeadlerpaare in Deutschland.

Ich sitze in einem Elektroboot und langsam erwacht der Sommertag. Die Sonne hat den Horizont erst vor einer halben Stunde überschritten und trotz der Jahreszeit ist es recht kühl. Mit mir fahren acht Naturfreunde in dem ruhig dahin gleitenden Kahn. Im klaren Wasser des Sees funkeln die ersten Sonnenstrahlen und die letzten Schwaden des Morgennebels gleiten davon. Menschenleer ist der See, nur Haubentaucher, Blesshühner und Enten begleiten das Boot. Am Ruder sitzt ein junger Mann mit einer auffallend großen Feder am Lederhut.

Naturführer Fred Bollmann fährt mit uns auf Adlerpirsch. Er verspricht uns Seeadler, den größten deutschen Greifvogel und Vorbild des Bundesadlers, aus nächster Nähe zu erleben und nicht nur die große Feder scheint seine Worte zu bezeugen. Er weiß viel über die Lebensweise und Gefährdung der Vögel zu erzählen. Er versteht es, die Spannung unter seinen Gästen steigen zu lassen und ich weiß, dass er nicht zu viel verspricht, wenn er unvergessliche Naturerlebnisse ankündigt.

Vorbild des Bundesadlers

Die Szene spielt in der Feldberger Seenlandschaft, einem Naturpark im Südosten der Mecklenburger Seenplatte. Wir sind mitten im Adlerland. Es ist eine der Regionen im Osten Deutschlands, in denen Seeadler über Jahrzehnte ihre letzten Rückzugsgebiete besitzen. Vielleicht ist es eine Satire der deutschen Geschichte. Aber der Adler, der als Wappenvogel die Wand des Deutschen Bundestages schmückt, hat hier im Osten unter Hammer, Zirkel und Ährenkranz überlebt. In der Endphase der DDR setzt er sogar zu einem unvergleichlichen Comeback an. In den alten Bundesländern dagegen ist der deutsche Wappenvogel in jener Zeit bis auf wenige Paare in Schleswig Holstein ausgestorben. Im Osten ziehen am Tiefpunkt des Bestandes noch 120 Seeadler ihre Jungen auf. Sie bilden die Vorraussetzung für die im letzten Jahrzehnt der DDR beginnende  Bestandeserholung, die bis heute anhält.

Mittlerweile brüten wieder etwa 700 Seeadlerpaare in Deutschland. Das ist mehr als jemals zuvor in den vergangenen 150 Jahren. Damals im 19. Jahrhundert beginnt­ mit Pulver und Blei ein beispielsloser Ausrottungsfeldzug gegen die schädlichen „Raubvögel“. Im vergangenen Jahrhundert kam dann mit Insektengiften eine noch größere Gefahr hinzu. Denn durch die Ansammlung der Giftrückstände innerhalb der Nahrungskette werden viele Greifvogelarten unfruchtbar. Die Seeadler gehörten dazu. In den siebziger Jahren wurden die DDT enthaltenden Gifte verboten. Die Adlerbestände erholten sich langsam.

Scheue Greifvögel

Plötzlich reißt mich die Stimme von Fred Bollmann aus meinen Gedanken. Er hat die Adler mit geübtem Blick entdeckt. Zwei große Vögel sitzen noch hunderte Meter entfernt auf den Bäumen am Ufer des großen Sees. Wir fahren der Sonne entgegen und können sie nur als schemenhafte Silhouette gegen den Morgenhimmel sehen. Die Vögel haben dagegen beste Sicht und uns längst entdeckt. Die meisten Adler sind sehr scheue Tiere und fliehen vor Menschen schon auf eine so große Entfernung. Dieses alte Paar jedoch nicht. Fred hat zudem immer ein paar frische Fische an Bord, um die Adler anzulocken.

Und siehe da: Die Vögel scheinen das Boot mit den neugierigen Naturfreunden wohl als Cateringservice für Greifvögel zu identifizieren. So bequem wie hier gibt es selten etwas zu fressen und so lassen sie uns immer dichter heranfahren. Einer der Vögel springt von seiner Sitzwarte ab und fliegt dem Boot sogar entgegen. Den Insassen läuft ein kalter Schauer über den Rücken, als der riesige Adler nur einige Meter über uns kreist. Bollmann ist sich seiner Sache sehr sicher und hält an. In aller Ruhe nimmt er einen der mitgebrachten Fische, hält ihn in die Luft und wirft. Er landet 20 Meter vor dem Boot und treibt auf dem Wasser. Der Adler hat die Situation sofort erfasst. Er fliegt eine enge Kurve, so dass wir das Rauschen des Windes in seinen Federn hören. Die mächtigen Greife werden wie ein Fahrwerk ausgefahren und mit gezieltem Schlag hebt er den Fisch aus dem Wasser. Seine Zweieinhalbmeterschwingen rudern majestätisch durch die Luft und er gewinnt langsam wieder an Höhe. Nach wenigen Sekunden sitzt der Vogel in einem Baum und beginnt­ seinen Fisch zu vertilgen.

Nun haben wir einige Minuten Zeit und die ungeheure Anspannung legt sich. Solange der Seeadler frisst, brauchen wir keinen neuen Fisch zu werfen. Aber der Ranger  verspricht, dass es heute Morgen noch einmal klappt. Der Vogel hat sich an eine Stelle gesetzt, von der er einen sehr guten Überblick hat. Wir müssen nur warten, bis er seine Mahlzeit beendet und ein wenig Platz im Kropf frei geworden ist.

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