Ludwigslust: Versailles des Nordens

By Published On: 18. März 2007

Die Stadt Ludwigslust ist für ihre Stadtarchitektur berühmt. Die wahren Schätze verbergen sich hinter Fassaden: Gemälde mit Löchern und geheimnisvolles Pappmaché.

Der erste Eindruck von der Stadt Ludwigslust ist das sehr norddeutsche Aussehen mit seinen gepflegten roten Backsteinhäusern. Alles wirkt sehr adrett und aufgeräumt. Dem Landkreis und seiner Kreisstadt Ludwigslust geht es wirtschaftlich gut, denn durch die gute Anbindung an die Autobahn A 24 Hamburg Berlin und wegen sinnvollen Fördermitteleinsatzes siedelten sich zahlreiche Firmen aus der Elektro- und Nahrungsmittelindustrie in der Region an. Auch Betriebe aus der Technologie- und Kommunikationsbranche sind heute präsent.

Das führte dazu, dass immer mehr Familien nach Ludwigslust ziehen. Laut Statistik gibt es mehr Neuzugänge als Abwanderer. Der Ludwigsluster Bürgermeister Hans-Jürgen Zimmermann wundert sich darüber nicht, schließlich biete die Stadt als Zentrum der Region auch ein vielfältiges kulturelles Angebot.

Dieses kulturelle Angebot hat viel mit dem größten Schatz von Ludwigslust zu tun: dem Schloss von Großherzog Christian Ludwig II. Fast alle Sehenswürdigkeiten der Stadt, die wegen ihrer geplanten Anlage gerade für Architekten und Stadtplaner interessant ist, haben einen Bezug zum Schloss. Ob der wunderschöne Schlosspark, das interessante Kutschenmuseum oder die Schauwerkstatt in der Alten Wache. Die Bedeutung des Schlosses beruht auf einer simplen historischen Tatsache: Das heutige Ludwigslust fand erst mit dem Bau des Jagdschlosses 1724 seinen Anfang.

Dem Schlossherren zu Ehren erhielt der damalige Ort Klenow 1754 seinen neuen Namen Ludwigs Lust. Nach dem Tod von Großherzog Christian Ludwig II. kam Herzog Friedrich von ­Mecklenburg an die Macht, der das Jagdschloss zu klein fand, das heutige Residenzschloss bauen ließ und mit seinem ganzen Hof von Schwerin nach Ludwigs Lust zog damals schrieb man den Namen noch auseinander. Das frühere Jagdschloss ließ der Herzog abtragen. Das war auch das einzige, was er verschwinden ließ, ansonsten hatte er eher Expansionspläne. Er ließ unter anderem einen 28 Kilometer langen Kanal bauen, Wohnhäuser für die Bediensteten, zahlreiche Straßen und eine Stadtkirche errichten.

Durchlöcherter Weltrekord

Die Stadtkirche ist immer einen Besuch wert, denn in dem ungewöhnlichen tempelartigen Bau finden sich einige Kuriositäten. Wer hätte beispielsweise vermutet, dass die gediegenen Samtvorhänge und die sechs vergoldeten Leuchter aus Pappmaché gefertigt sind? Das gigantische Altargemälde ist nicht nur das größte Europas, sondern wahrscheinlich sogar der Welt. Über tausend Täfelchen mit 60 Zentimeter Kantenlänge wurden dafür mit Leinwand bespannt und Pappmaché überzogen.

Allerdings birgt so ein großes Bild auch Nachteile: Der Organist bekam nie mit, was in der Kirche gerade vor sich ging und wann Musik gefordert war, da die Orgel hinter dem Bild stand. Also wurden kurzerhand fünf Löcher in das Gemälde gebohrt, wo ein Konfirmant das Geschehen in der Kirche beobachten und dem Kantor seinen Einsatz signalisieren konnte. All dies verleiht dem Ort heute noch seinen einzigartigen Charme.
1837 übernimmt Großherzog Paul Friedrich die Regierung und verlegt seinen Regierungssitz und zugehörigen Hofstaat wieder zurück nach Schwerin. Das bremste vorerst die dynamische Entwicklung der Stadt. Ludwigslust wird der ruhige und beschauliche Ort, der er heute noch ist. Viele Touristen schwärmen von der Gelassenheit des Ortes. Besucher sind in Ludwigslust immer gern gesehen; geht es um Stadtsanierung, berücksichtigen die Stadtväter auch immer die touristischen Interessen. Beispielsweise geben an vielen bedeutenden Häusern in der Innenstadt Tafeln Auskunft über die Geschichte und die Architektur des Hauses sowie deren Bewohner.

Einheimische und Besucher freuen sich gleichermaßen über die Ergebnisse der originellen Kletterpflanzenaktion der Stadt. Jedes Jahr können Bürger kostenfrei Kletterpflanzen bekommen, um die hübschen Backsteinfassaden ihrer Häuser mit etwas Blattgrün zusätzlich zu verschönern.

Ganz ohne Rankenpflanzen, aber nicht minder sehenswert ist das Ludwigsluster Schloss, das der Baumeister Johann Joachim Busch von 1772 bis 1776 errichtete. Heute ist es als Museum für die Öffentlichkeit zugänglich und nach einer aufwendigen Sanierung der Schlossfassade erstrahlt das Schloss wieder in seiner vollen äußeren Schönheit. Im Innern wurde zwar auch sehr viel getan, aber noch sind nicht alle Räume wieder für Besucher zugänglich.

Von außen zeigt sich das Schloss als klassizistischer Bau mit Stilelementen des ausgehenden Barocks. Die Räume im Innern sind dagegen gänzlich dem Barock verschrieben. Prachtstück ist der Goldene Saal, in dem oft festliche Schlosskonzerte stattfinden. Zurzeit sind 14 Räume zu besichtigen. Besucher können das Schloss zwar auf eigene Faust erkunden, empfehlenswert ist aber eine Führung. Man erfährt viel über die ursprüngliche Ausstattung der Räume. Die einstigen Bewohner des Schlosses sind nicht nur auf Gemälden verewigt, sondern stehen in einigen Räumen auch als lebensgroße Pappfiguren. Wie es dazu kam, verrät der Schlossführer. Er erzählt auch, was es mit dem Flohfänger auf sich hat und welche hygienischen Standards im 18. Jahrhundert als besonders chic galten.

Geheimes Pappmaché

Zudem ist man erstaunt zu erfahren, wie viel im Schloss mit Pappmaché getrickst wurde. Ganze Säulen sind zwar üppig mit Blattgold versehen, aber darunter befindet sich nur ein Gemisch aus Kleister und alten Akten der herzoglichen Schreib- und Steuerstuben. Das Ludwigsluster Pappmaché verdankt seinen Ruf seiner Exklusivität: Mit dem Ende der Fabrik ging die geheime Rezeptur verloren und konnte bisher nicht rekonstruiert werden. Ludwigluster Pappmaché gibt es daher nur noch mit historischem Flair und sonst gar nicht.

Bei der Gestaltung der Schlossparkanlage wurde weniger Augenwischerei betrieben. Mit seinen 120 Hektar ist er der größte Landschaftspark Mecklenburgs und bestätigt in Kombination mit dem Schloss seinen Ruf eines „Versailles des Nordens“. Der englische Autor Thomas Nugent beschrieb 1766 am besten, was man auch heute noch als Besucher vorfindet: „Wenn zur Vollkommenheit eines Gartens eine große Mannigfaltigkeit vieler und wohlgewählter Szenen erfordert wird, so verdient der Ludwigslus­ter Park das Prädikat der Vollkommenheit in höchstem Grade.“ Bei diesem Lob verwundert nicht, wenn der Park heute als Kulisse für Openair-Konzerte genutzt wird. Stars wie Montserrat Caballè, Elton John, André Rieu standen hier auf der Bühne.

Einen besonderen Höhepunkt bildet das zur Tradition gewordene Kleinkunstfestival „Kleines Fest im Großen Park“. Tausende Besucher zieht es zu den zahlreichen Bühnen im Schlosspark, um Künstler aus den verschiedenen Nationen zu sehen. Als ebenso kontrastreich wie ein modernes Konzert im historischen Schloss­park ist die Arbeit der kleinen „Galerie an der Bleiche“ zu betrachten. Sie bildet mit ihren Ausstellungen von zeitgenössischer Kunst einen wunderbaren Gegenpol zu den vielen geschichtsträchtigen Sehenswürdigkeiten von Ludwigslust.

Text: Katja Mollenhauer, Erstabdruck in Seenland 2007

Lesen Sie weiter in den Ausgaben vom Magazin Seenland

HAFENFÜHRER

Einfach zur perfekten Reiseroute

Hafenportraits mit Plan: Müritz | Havel | Seenplatte | Berlin | Brandenburg

Ludwigslust: Versailles des Nordens
By |5,5 min read|1099 words|Published On: 18. März 2007|

Die Stadt Ludwigslust ist für ihre Stadtarchitektur berühmt. Die wahren Schätze verbergen sich hinter Fassaden: Gemälde mit Löchern und geheimnisvolles Pappmaché.

Der erste Eindruck von der Stadt Ludwigslust ist das sehr norddeutsche Aussehen mit seinen gepflegten roten Backsteinhäusern. Alles wirkt sehr adrett und aufgeräumt. Dem Landkreis und seiner Kreisstadt Ludwigslust geht es wirtschaftlich gut, denn durch die gute Anbindung an die Autobahn A 24 Hamburg Berlin und wegen sinnvollen Fördermitteleinsatzes siedelten sich zahlreiche Firmen aus der Elektro- und Nahrungsmittelindustrie in der Region an. Auch Betriebe aus der Technologie- und Kommunikationsbranche sind heute präsent.

Das führte dazu, dass immer mehr Familien nach Ludwigslust ziehen. Laut Statistik gibt es mehr Neuzugänge als Abwanderer. Der Ludwigsluster Bürgermeister Hans-Jürgen Zimmermann wundert sich darüber nicht, schließlich biete die Stadt als Zentrum der Region auch ein vielfältiges kulturelles Angebot.

Dieses kulturelle Angebot hat viel mit dem größten Schatz von Ludwigslust zu tun: dem Schloss von Großherzog Christian Ludwig II. Fast alle Sehenswürdigkeiten der Stadt, die wegen ihrer geplanten Anlage gerade für Architekten und Stadtplaner interessant ist, haben einen Bezug zum Schloss. Ob der wunderschöne Schlosspark, das interessante Kutschenmuseum oder die Schauwerkstatt in der Alten Wache. Die Bedeutung des Schlosses beruht auf einer simplen historischen Tatsache: Das heutige Ludwigslust fand erst mit dem Bau des Jagdschlosses 1724 seinen Anfang.

Dem Schlossherren zu Ehren erhielt der damalige Ort Klenow 1754 seinen neuen Namen Ludwigs Lust. Nach dem Tod von Großherzog Christian Ludwig II. kam Herzog Friedrich von ­Mecklenburg an die Macht, der das Jagdschloss zu klein fand, das heutige Residenzschloss bauen ließ und mit seinem ganzen Hof von Schwerin nach Ludwigs Lust zog damals schrieb man den Namen noch auseinander. Das frühere Jagdschloss ließ der Herzog abtragen. Das war auch das einzige, was er verschwinden ließ, ansonsten hatte er eher Expansionspläne. Er ließ unter anderem einen 28 Kilometer langen Kanal bauen, Wohnhäuser für die Bediensteten, zahlreiche Straßen und eine Stadtkirche errichten.

Durchlöcherter Weltrekord

Die Stadtkirche ist immer einen Besuch wert, denn in dem ungewöhnlichen tempelartigen Bau finden sich einige Kuriositäten. Wer hätte beispielsweise vermutet, dass die gediegenen Samtvorhänge und die sechs vergoldeten Leuchter aus Pappmaché gefertigt sind? Das gigantische Altargemälde ist nicht nur das größte Europas, sondern wahrscheinlich sogar der Welt. Über tausend Täfelchen mit 60 Zentimeter Kantenlänge wurden dafür mit Leinwand bespannt und Pappmaché überzogen.

Allerdings birgt so ein großes Bild auch Nachteile: Der Organist bekam nie mit, was in der Kirche gerade vor sich ging und wann Musik gefordert war, da die Orgel hinter dem Bild stand. Also wurden kurzerhand fünf Löcher in das Gemälde gebohrt, wo ein Konfirmant das Geschehen in der Kirche beobachten und dem Kantor seinen Einsatz signalisieren konnte. All dies verleiht dem Ort heute noch seinen einzigartigen Charme.
1837 übernimmt Großherzog Paul Friedrich die Regierung und verlegt seinen Regierungssitz und zugehörigen Hofstaat wieder zurück nach Schwerin. Das bremste vorerst die dynamische Entwicklung der Stadt. Ludwigslust wird der ruhige und beschauliche Ort, der er heute noch ist. Viele Touristen schwärmen von der Gelassenheit des Ortes. Besucher sind in Ludwigslust immer gern gesehen; geht es um Stadtsanierung, berücksichtigen die Stadtväter auch immer die touristischen Interessen. Beispielsweise geben an vielen bedeutenden Häusern in der Innenstadt Tafeln Auskunft über die Geschichte und die Architektur des Hauses sowie deren Bewohner.

Einheimische und Besucher freuen sich gleichermaßen über die Ergebnisse der originellen Kletterpflanzenaktion der Stadt. Jedes Jahr können Bürger kostenfrei Kletterpflanzen bekommen, um die hübschen Backsteinfassaden ihrer Häuser mit etwas Blattgrün zusätzlich zu verschönern.

Ganz ohne Rankenpflanzen, aber nicht minder sehenswert ist das Ludwigsluster Schloss, das der Baumeister Johann Joachim Busch von 1772 bis 1776 errichtete. Heute ist es als Museum für die Öffentlichkeit zugänglich und nach einer aufwendigen Sanierung der Schlossfassade erstrahlt das Schloss wieder in seiner vollen äußeren Schönheit. Im Innern wurde zwar auch sehr viel getan, aber noch sind nicht alle Räume wieder für Besucher zugänglich.

Von außen zeigt sich das Schloss als klassizistischer Bau mit Stilelementen des ausgehenden Barocks. Die Räume im Innern sind dagegen gänzlich dem Barock verschrieben. Prachtstück ist der Goldene Saal, in dem oft festliche Schlosskonzerte stattfinden. Zurzeit sind 14 Räume zu besichtigen. Besucher können das Schloss zwar auf eigene Faust erkunden, empfehlenswert ist aber eine Führung. Man erfährt viel über die ursprüngliche Ausstattung der Räume. Die einstigen Bewohner des Schlosses sind nicht nur auf Gemälden verewigt, sondern stehen in einigen Räumen auch als lebensgroße Pappfiguren. Wie es dazu kam, verrät der Schlossführer. Er erzählt auch, was es mit dem Flohfänger auf sich hat und welche hygienischen Standards im 18. Jahrhundert als besonders chic galten.

Geheimes Pappmaché

Zudem ist man erstaunt zu erfahren, wie viel im Schloss mit Pappmaché getrickst wurde. Ganze Säulen sind zwar üppig mit Blattgold versehen, aber darunter befindet sich nur ein Gemisch aus Kleister und alten Akten der herzoglichen Schreib- und Steuerstuben. Das Ludwigsluster Pappmaché verdankt seinen Ruf seiner Exklusivität: Mit dem Ende der Fabrik ging die geheime Rezeptur verloren und konnte bisher nicht rekonstruiert werden. Ludwigluster Pappmaché gibt es daher nur noch mit historischem Flair und sonst gar nicht.

Bei der Gestaltung der Schlossparkanlage wurde weniger Augenwischerei betrieben. Mit seinen 120 Hektar ist er der größte Landschaftspark Mecklenburgs und bestätigt in Kombination mit dem Schloss seinen Ruf eines „Versailles des Nordens“. Der englische Autor Thomas Nugent beschrieb 1766 am besten, was man auch heute noch als Besucher vorfindet: „Wenn zur Vollkommenheit eines Gartens eine große Mannigfaltigkeit vieler und wohlgewählter Szenen erfordert wird, so verdient der Ludwigslus­ter Park das Prädikat der Vollkommenheit in höchstem Grade.“ Bei diesem Lob verwundert nicht, wenn der Park heute als Kulisse für Openair-Konzerte genutzt wird. Stars wie Montserrat Caballè, Elton John, André Rieu standen hier auf der Bühne.

Einen besonderen Höhepunkt bildet das zur Tradition gewordene Kleinkunstfestival „Kleines Fest im Großen Park“. Tausende Besucher zieht es zu den zahlreichen Bühnen im Schlosspark, um Künstler aus den verschiedenen Nationen zu sehen. Als ebenso kontrastreich wie ein modernes Konzert im historischen Schloss­park ist die Arbeit der kleinen „Galerie an der Bleiche“ zu betrachten. Sie bildet mit ihren Ausstellungen von zeitgenössischer Kunst einen wunderbaren Gegenpol zu den vielen geschichtsträchtigen Sehenswürdigkeiten von Ludwigslust.

Text: Katja Mollenhauer, Erstabdruck in Seenland 2007

Lesen Sie weiter in den Ausgaben vom Magazin Seenland