Nachhaltig reisen: Mit einem Elektroboot über die Müritz

By |12,1 min read|2394 words|Published On: 14. Juni 2022|
Startseite/Bootsurlaub, Mecklenburgische Seenplatte, Motoryacht, So geht Bootsurlaub/Nachhaltig reisen: Mit einem Elektroboot über die Müritz

2 Tage: Röbel/Müritz – Klink – Waren (Müritz) – Fleesensee – Malchow – Plau am See 

Nach dem Einholen des Landstromkabels lösen wir die Leinen und nehmen wie gewohnt hinter dem Steuer Platz. Wie von Geisterhand bewegt sich das Elektroboot vom Liegeplatz und gleitet lautlos an den Nachbarbooten vorbei. Einige Crews schauen ungläubig hinterher, die unser Ablegen in unmittelbarer Nähe nicht bemerkt haben. Am Ende der Fahrt wird dies zur regelmäßigen Erfahrung für uns an den angesteuerten Liegeplätzen. Doch der Reihe nach.

Die Elektromobilität auf der Straße ist Realität geworden und sorgt für viel Gesprächsstoff bei Anhängern und Skeptikern. Kann das auch auf dem Wasser funktionieren? Die morgendlichen Rußwolken beim Anlassen der Schiffsdiesel in den Hausbooten ist ja schon länger Geschichte, aber kann es noch besser gehen? Wir wollen es wissen und starten mit der letzten Saisonfahrt Ende Oktober zu einer Überführung der vollelektrischen „Nexus 870 Evje“ des Vermieters Yachtcharter Schröder von Röbel/Müritz nach Plau am See. Ein mächtiger Herbststurm hätte die ganze Tour fast zunichtegemacht, zum Glück aber nur verkürzt, bis die Ausfahrt von Röbel auf die Müritz bei mäßigem Seegang möglich war.

Elektro- statt Dieselantrieb 

Am Samstagnachmittag übernehmen wir unser Elektroboot an der Basis im Seitenarm der Müritz, rund 20 Fußminuten von der Altstadt entfernt. Den Chef, Herrn Wallmüller, kennen wir schon länger und waren mit einem seiner Boote bereits auf der „großen Runde“ durch Mecklenburg und Brandenburg unterwegs. Die Formalitäten sind schnell erledigt, bei der Übergabe und Einweisung geht es vor allem um den Elektroantrieb. Der 10 KW-Elektromotor soll die 8,70 Meter lange Motoryacht zum Ziel bringen und das 35 kWh-Batteriepack muss dafür die notwendige Leistung liefern, einschließlich Energie für Heizung, Licht, Kühlschrank, Glaskeramik-Kochfeld, Toaster und natürlich die Kaffeemaschine. Die Temperaturen in der Nacht liegen gerade im einstelligen Bereich, eine zusätzliche Herausforderung – aber wir wollen schließlich testen, was ein Elektroboot leisten kann.

Das moderne Cockpit bietet alle Informationen

Herr Wallmüller rät uns ab, an diesem Tag auf die Müritz zu fahren. Der Wind hat zwar nachgelassen und weht nur noch mit etwa zwölf Knoten, was Windstärke 4 entspricht, mit dem kleinen Boot sollte man es aber nicht wagen. In den Tagen zuvor lagen die Spitzenböen bei Windstärke 9, für Sonntag ist Besserung in Sicht. Wir nutzen den Nachmittag zum Verstauen der Sachen an Bord und für eine Zwischenmahlzeit bei den Müritzfischern im Fischerhof gleich nebenan. Dann laufen wir für einen Stadtbummel nach Röbel/Müritz und auf dem Rückweg bekommen wir noch einen Platz im Seglerheim und sind von der Atmosphäre und dem sehr guten Essen absolut begeistert.

Klar Schiff machen für die Nacht 

Zurück an Bord kümmern wir uns erstmal um die Heizung. Das Elektroboot hängt am Stromnetz, die Batterien sind komplett geladen, da müssen wir uns keine Sorgen machen. Es stehen zwei Heizlüfter zur Verfügung, die über 220 V-Steckdosen vom Bordnetz versorgt werden. Damit wird es schnell warm – sie sind aber auch nicht zu überhören. Lautlos sind dagegen zwei Infrarot-Wärmeplatten, die unter dem Tisch im Salon montiert sind und mit kleinen Drehreglern auf eine angenehme Temperatur für die Beine gebracht werden können. Unseren Schlafplatz richten wir im Bug mit der typisch spitzwinkligen Liegefläche ein. Auf einer winzigen Fläche vor dem Bett kann nur einer stehen, es geht schon sehr eng zu. Noch enger ist es in der Kabine im Heck unter dem Achterdeck. Diese sollte nur für kleinere Kinder oder maximal eine Person verplant werden. Als Stauraum ist sie ideal, wenn man so wie wir nur zu zweit unterwegs ist. Irgendwo fordern die 8,70 Meter Bootslänge eben Kompromisse. Ansonsten ist das Interieur von hoher Qualität, man merkt, dass das Elektroboot die erste Saison in Betrieb ist. Zeit für ein Glas Wein, die LED-Beleuchtung macht es gemütlich, das Radio spielt und wir sind endlich mal wieder auf dem Wasser.

In der Nacht hatten wir die Lüfter ausgeschaltet und die Wärmeplatten unter dem Tisch angelassen. Diese sind bei Temperaturen nur wenig über Null zwar nicht in der Lage, das Boot nennenswert aufzuheizen, aber man reduziert etwas die unvermeidliche Feuchtigkeit, die sich an den Wänden niederschlägt. Richtig klasse ist es, dass für den Morgenkaffee gewärmtes Geschirr auf dem Tisch steht, wenn man am Abend vorher eingedeckt hat und die Lüfter wärmen den kleinen Innenraum schnell auf.

Das Sprudeln des Wassers hören – dank Elektroboot

Gegen 10 Uhr legen wir mit voller Batterieladung dann endlich ab. Nach dem lautlosen Ablegen regeln wir die Schubkraft auf 2,5 KW und fahren mit 7,5 km/h auf die Müritz hinaus. Die Persenning schützt uns auf dem Achterdeck vor dem Wind und die große Frontscheibe des Hardtops bietet gute Sicht. Deutlich hörbar ist jetzt das Sprudeln des Wassers am Propeller, was uns früher nie so aufgefallen ist, weil dies vom Motorengeräusch übertönt wurde. Eine völlig neue Qualität der Orientierung auf dem Wasser bietet der Kartenplotter am Steuerstand. Auch sonst liefern die Instrumente einen kompletten Überblick über die Fahr- und Verbrauchsdaten mit Tiefenmesser, Geschwindigkeitsanzeige in km/h, Leistungs- und Stromverbrauch sowie Batteriereserven.

Zum Mittag legen wir bei Sonnenschein und 88 Prozent Batteriekapazität für einen Zwischenstopp am Schlosshotel Klink an, eine sehr schöne Anlage. Lohnenswert für einen Besuch ist der Müritzer Bauernmarkt gleich hinter dem Schloss, auf dessen überdachter Freiterrasse wir uns ein Mittagsmenü gönnen.

Unser Elektroboot vor der Hafenkulisse von Waren (Müritz)

Inzwischen hat der Wind erneut aufgefrischt und wir beeilen uns beim Ablegen, denn der Wellengang der Müritz reagiert sehr schnell auf geänderte Windverhältnisse. Das per Joystick steuer- und dosierbare Bug- und Heckstrahlruder leistet gute Dienste. Tatsächlich müssen wir auch zunächst ein Stück gegen den Wind und die Wellen Richtung Röbel/Müritz fahren, um dann in das Fahrwasser nach Waren (Müritz) einzubiegen. Obwohl etwa drei Tonnen schwer wird das kurze Boot zum Spielball der Wellen und reagiert sehr empfindlich mit starkem Schwanken auf Seitenwellen. Eine Stunde später legen wir in Waren (Müritz) für einen Kurzbesuch an. Vor dem Ablegen interviewt uns noch ein Besucher, der bemerkt hatte, dass wir elektrisch unterwegs sind. Besonders bei den Hafenmanövern bleibt das nicht unbemerkt.

Akku aufladen am Fleesensee

Unser Ziel für die Nacht ist das Yachthafenresort Fleesensee. Nach telefonischer Rückfrage gibt es am Fleesensee freie Gastliegeplätze. Uhrzeit: 16.45 Uhr, Batterieladung 77 Prozent – klar zum Ablegen. Der Kölpinsee liegt vor uns und wir geben etwas mehr „Strom“, unsere Aufmerksamkeit gilt der frühen Dunkelheit und schließlich wollen wir testen, was elektrisch möglich ist. Bei 3,6 KW erreichen wir bei Gegenwind 7,7 km/h, im windgeschützten Kanal werden daraus 8,5 km/h. Bei „Vollgas“ zieht der Motor knapp 8 KW und gewaltige 157 Ampere. Die Reichweitendiskussion elektrischer Antriebe auf der Straße lässt einen – im Falle unseres Bootes völlig unbegründet – viel häufiger auf die Kapazitätsanzeige schauen als sonst auf den Füllstand des Dieseltanks. Anderthalb Stunden später legen wir in der Dämmerung mit 64 Prozent Restladung an.

Das Ferienresort Fleesensee ist Nordeuropas größte Ferienanlage mit vielen Hotels, Ferienhäusern, Tennis- und Golfplätzen und eigenem Shuttlebus, den man mit der Kurkarte nutzen kann. Wir sind hier schon oft vorbeigefahren, waren uns dessen aber nicht bewusst und bekommen beim Spaziergang am nächsten Morgen einen kleinen Eindruck davon. Die Einrichtungen des zugangsgeschützten Yachthafens können mittel Chipkarte genutzt werden, die man bei der Anmeldung am Automaten erwerben muss. Über diese werden alle Leistungen für Strom, Wasser, Bad- und Duschnutzung, Liegegebühren und Kurtaxe abgerechnet. Man lädt zu Beginn ein Guthaben auf und bekommt am Ende das nicht verbrauchte Guthaben zurück, einschließlich einem Pincode als abschließenden Zugang zur Steganlage. Damit müssen wir unsere vorsichtshalber eingetauschten 50-Cent Münzen nicht in der Stromsäule einzuwerfen, sondern nur einen Teil des Kartenbudgets für den Stromverbrauch freigeben. Nicht genutzter Strom wird der Karte nach Abmeldung an der Säule wieder gutgeschrieben. So stelle ich mir das vor und frage mich jedes Mal, warum man es bisher nicht geschafft hat, im gesamten Hausbootrevier ein solches System einheitlich einzuführen, um die gleiche Karte von Anfang bis Ende der Reise nutzen zu können. In Irland ist das schon seit Jahren der Fall. Der Service hat allerdings seinen Preis. Drei Euro pro Bootsmeter plus Kurtaxe und einen Euro pro Person bedeuten 33 Euro nur für das Festmachen ohne variable Anteile. Zusätzlich haben wir 20 Euro auf die Karte geladen, die wir ausschließlich für Strom verwenden und tatsächlich 11,53 Euro verbrauchen. Bei 0,60 €/kWh entspricht das etwa 19 kWh. Die Batterieladung zeigt am Morgen 94 Prozent und es fließt kaum Ladestrom, bauartbedingt erreicht man laut Herrn Wallmüller keine 100 Prozent.

Wie unter Segeln: Lautlos und vibrationsfrei mit dem Elektroboot dahingleiten

Durch den Morgenspaziergang legen wir erst nach 11 Uhr ab und stellen fest, dass es ja gut wäre, die Öffnung der Drehbrücke in Malchow um 12 Uhr zu schaffen. Also muss der Antrieb wieder ran. Der 10 KW-Motor entspricht wohl circa 30 „Diesel-PS“ und wir würden uns für die Seen durchaus mehr Schubkraft wünschen. Wie uns Herr Wallmüller später erklärt, ist die Leistung zugunsten des Verbrauchs abgeregelt, er will sie in der nächsten Saison noch etwas erhöhen, aber das Verhältnis an gewonnener Geschwindigkeit zum Verbrauch wird extrem ungünstig. Für die pünktliche Ankunft an der Drehbrücke reicht uns auch die aktuelle Einstellung. Der schöne, jedoch recht enge Stadthafen bietet freie Plätze und in der Malchower Altstadt können wir gut zu Mittag essen.

Drehbrücke Malchow

Auf dem etwas schmaleren Wasserweg bis zum Plauer See machen wir das, was wir gern mit diesem Elektroboot viel länger und öfter auf Kanälen erleben würden: mit 1,5 kWh und 6 km/h lautlos und vibrationsfrei wie ein Segelboot dahingleiten. Die Solarmodule auf dem Dach liefern bei unserem Wetter und der tiefstehenden Sonne mit weniger als 100 W keinen wirklichen Betrag zum Energiegewinn, im Sommer ist die Bilanz sicher deutlich besser.

Da wir gut in der Zeit liegen, zweigen wir auf dem Plauer See nach Norden ab und besuchen die Fischerei und Räucherei in Alt Schwerin und sichern uns dort das Abendbrot. Am späten Nachmittag endet unsere kleine Fahrt leider im Yachthafen Plau am See mit Blick auf den markanten Leuchtturm. Die Batteriekapazität zeigt 63 Prozent, es besteht also keine Sorge, selbst wenn man mal eine Nacht ohne Landstrom verbringen würde. Unsere Erfahrungen decken sich mit den beschriebenen Reichweiten im Bordbuch. Für eine möglichst volle Batterieladung zur Rückgabe am nächsten Tag versenken wir 24 Münzen in der Stromsäule, mit denen hier im Hafen 24 kWh bereitgestellt werden. Am Morgen sind noch 3 KW übrig, die wir bei diesem System natürlich nicht zurückbekommen, man muss also immer etwas rechnen. In der Summe haben wir 22 Euro für Strom ausgegeben. Wenn man den Strom für Heizung und Geräte an Bord abzieht, lassen sich bei 8,5 Fahrstunden dieser Tour etwa zwei Euro pro Fahrstunde errechnen. Dafür hätten wir nur reichlich einen Liter Diesel bekommen. Die sonst üblichen Dieselkosten können also mit dem Elektroantrieb mindestens halbiert werden.

Lust auf mehr Elektro

Im Fazit wird deutlich, dass der Antrieb zum Boot und beides zum Revier passen muss. In der Bewertung sollte man jedoch zwischen den Eigenschaften und Platzverhältnissen der Yacht und den speziellen Bedingungen des Elektroantriebs unterscheiden. Boot und Antrieb passen gut zusammen, bieten genug Batteriekapazität, um in der wärmeren Jahreszeit ohne Bedenken ein bis zwei Nächte vor Anker einzuplanen und machen Lust auf mehr Elektro. Das Gebiet der großen Seen passt jedoch nicht zu diesem Gespann. Die Elde bis Dömitz wäre ein ideales Revier, aber auch die Gewässer und Nebenreviere der Havel und ganz besonders der Finowkanal. Hier ergibt sich ein weiterer Vorteil: Da es keinen Kühlwasserkreislauf an Bord gibt, werden in engen und flachen Kanälen keine Wasserpflanzen angesaugt, die den Filter verstopfen können.

Der Elektroantrieb ist technisch auf jeden Fall eine Alternative und Perspektive gerade für das empfindliche Ökosystem der Binnengewässer, ohne Einschränkungen im gewohnten Komfort und dem Vorankommen hinnehmen zu müssen. Abgesehen von dem Vorrat an Münzen für die Ladesäulen ist die Handhabung sehr einfach, weil die Batterien über das normale Landstromkabel geladen werden. Nachteil ist, dass es meist die ganze Nacht dauert, um annähernd leere Batterien vollständig zu laden. Das setzt größeren Antrieben und Batterien Grenzen. Die technische Entwicklung der Elektroantriebe ist weit fortgeschritten und bietet heute schon Leistungen, um größere Passagier- oder Berufsschiffe anzutreiben. Bei größeren Hausbooten und damit größerem Strombedarf wird die Ladeinfrastruktur in den Häfen eine Herausforderung für die Betreiber. Am Rhein-Marne-Kanal im Elsass in Frankreich hat man schon vor einiger Zeit durch die französische Wasserstraßenverwaltung Schnellladesäulen installiert, an denen die Batterien von Elektrobooten über die Mittagspause komplett geladen werden können. Die Ladeleistung liegt hier mit 360 V bei 15 KW. Hausbootvermieter wie Nicols oder Les Canalous bieten dazu Boote bis 15 Meter mit bis zu fünf Kabinen an, die vollelektrisch fahren.

Mehr Investitionen in Elektromobilität auf dem Wasser nötig 

Andere Anbieter setzen auf hybride Konzepte, bei denen Diesel- und Elektroantrieb kombiniert werden oder ein Dieselaggregat im optimalen Drehzahlbereich einen Generator antreibt, der die Elektromotoren und Batterien versorgt. Dadurch wird eine Unabhängigkeit von der Infrastruktur an Land erreicht, aber man bekommt auf diese Weise den Diesel nicht los.

Egal welche Konzepte sich einmal durchsetzen werden, Strom ist eine sehr elegante und saubere Technologie auf der Seite der Nutzung und der Bootsantrieb damit wird zunehmen. Neben Investitionen in Elektroboote kommen auf jeden Fall große Herausforderungen auf die landseitige Infrastruktur zu, um den kommenden Bedarf zu decken. Insofern ist es bedauerlich, dass es weder im „Masterplan Freizeitschifffahrt“ von 2021 noch dem aktuellen Koalitionsvertrag zentrale Pläne für die Elektromobilität auf dem Wasser im Freizeitbereich gibt. In Ansätzen konzentriert man sich zunächst auf die Berufs- und Personenschifffahrt.

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2 Tage: Röbel/Müritz – Klink – Waren (Müritz) – Fleesensee – Malchow – Plau am See 

Nach dem Einholen des Landstromkabels lösen wir die Leinen und nehmen wie gewohnt hinter dem Steuer Platz. Wie von Geisterhand bewegt sich das Elektroboot vom Liegeplatz und gleitet lautlos an den Nachbarbooten vorbei. Einige Crews schauen ungläubig hinterher, die unser Ablegen in unmittelbarer Nähe nicht bemerkt haben. Am Ende der Fahrt wird dies zur regelmäßigen Erfahrung für uns an den angesteuerten Liegeplätzen. Doch der Reihe nach.

Die Elektromobilität auf der Straße ist Realität geworden und sorgt für viel Gesprächsstoff bei Anhängern und Skeptikern. Kann das auch auf dem Wasser funktionieren? Die morgendlichen Rußwolken beim Anlassen der Schiffsdiesel in den Hausbooten ist ja schon länger Geschichte, aber kann es noch besser gehen? Wir wollen es wissen und starten mit der letzten Saisonfahrt Ende Oktober zu einer Überführung der vollelektrischen „Nexus 870 Evje“ des Vermieters Yachtcharter Schröder von Röbel/Müritz nach Plau am See. Ein mächtiger Herbststurm hätte die ganze Tour fast zunichtegemacht, zum Glück aber nur verkürzt, bis die Ausfahrt von Röbel auf die Müritz bei mäßigem Seegang möglich war.

Elektro- statt Dieselantrieb 

Am Samstagnachmittag übernehmen wir unser Elektroboot an der Basis im Seitenarm der Müritz, rund 20 Fußminuten von der Altstadt entfernt. Den Chef, Herrn Wallmüller, kennen wir schon länger und waren mit einem seiner Boote bereits auf der „großen Runde“ durch Mecklenburg und Brandenburg unterwegs. Die Formalitäten sind schnell erledigt, bei der Übergabe und Einweisung geht es vor allem um den Elektroantrieb. Der 10 KW-Elektromotor soll die 8,70 Meter lange Motoryacht zum Ziel bringen und das 35 kWh-Batteriepack muss dafür die notwendige Leistung liefern, einschließlich Energie für Heizung, Licht, Kühlschrank, Glaskeramik-Kochfeld, Toaster und natürlich die Kaffeemaschine. Die Temperaturen in der Nacht liegen gerade im einstelligen Bereich, eine zusätzliche Herausforderung – aber wir wollen schließlich testen, was ein Elektroboot leisten kann.

Das moderne Cockpit bietet alle Informationen

Herr Wallmüller rät uns ab, an diesem Tag auf die Müritz zu fahren. Der Wind hat zwar nachgelassen und weht nur noch mit etwa zwölf Knoten, was Windstärke 4 entspricht, mit dem kleinen Boot sollte man es aber nicht wagen. In den Tagen zuvor lagen die Spitzenböen bei Windstärke 9, für Sonntag ist Besserung in Sicht. Wir nutzen den Nachmittag zum Verstauen der Sachen an Bord und für eine Zwischenmahlzeit bei den Müritzfischern im Fischerhof gleich nebenan. Dann laufen wir für einen Stadtbummel nach Röbel/Müritz und auf dem Rückweg bekommen wir noch einen Platz im Seglerheim und sind von der Atmosphäre und dem sehr guten Essen absolut begeistert.

Klar Schiff machen für die Nacht 

Zurück an Bord kümmern wir uns erstmal um die Heizung. Das Elektroboot hängt am Stromnetz, die Batterien sind komplett geladen, da müssen wir uns keine Sorgen machen. Es stehen zwei Heizlüfter zur Verfügung, die über 220 V-Steckdosen vom Bordnetz versorgt werden. Damit wird es schnell warm – sie sind aber auch nicht zu überhören. Lautlos sind dagegen zwei Infrarot-Wärmeplatten, die unter dem Tisch im Salon montiert sind und mit kleinen Drehreglern auf eine angenehme Temperatur für die Beine gebracht werden können. Unseren Schlafplatz richten wir im Bug mit der typisch spitzwinkligen Liegefläche ein. Auf einer winzigen Fläche vor dem Bett kann nur einer stehen, es geht schon sehr eng zu. Noch enger ist es in der Kabine im Heck unter dem Achterdeck. Diese sollte nur für kleinere Kinder oder maximal eine Person verplant werden. Als Stauraum ist sie ideal, wenn man so wie wir nur zu zweit unterwegs ist. Irgendwo fordern die 8,70 Meter Bootslänge eben Kompromisse. Ansonsten ist das Interieur von hoher Qualität, man merkt, dass das Elektroboot die erste Saison in Betrieb ist. Zeit für ein Glas Wein, die LED-Beleuchtung macht es gemütlich, das Radio spielt und wir sind endlich mal wieder auf dem Wasser.

In der Nacht hatten wir die Lüfter ausgeschaltet und die Wärmeplatten unter dem Tisch angelassen. Diese sind bei Temperaturen nur wenig über Null zwar nicht in der Lage, das Boot nennenswert aufzuheizen, aber man reduziert etwas die unvermeidliche Feuchtigkeit, die sich an den Wänden niederschlägt. Richtig klasse ist es, dass für den Morgenkaffee gewärmtes Geschirr auf dem Tisch steht, wenn man am Abend vorher eingedeckt hat und die Lüfter wärmen den kleinen Innenraum schnell auf.

Das Sprudeln des Wassers hören – dank Elektroboot

Gegen 10 Uhr legen wir mit voller Batterieladung dann endlich ab. Nach dem lautlosen Ablegen regeln wir die Schubkraft auf 2,5 KW und fahren mit 7,5 km/h auf die Müritz hinaus. Die Persenning schützt uns auf dem Achterdeck vor dem Wind und die große Frontscheibe des Hardtops bietet gute Sicht. Deutlich hörbar ist jetzt das Sprudeln des Wassers am Propeller, was uns früher nie so aufgefallen ist, weil dies vom Motorengeräusch übertönt wurde. Eine völlig neue Qualität der Orientierung auf dem Wasser bietet der Kartenplotter am Steuerstand. Auch sonst liefern die Instrumente einen kompletten Überblick über die Fahr- und Verbrauchsdaten mit Tiefenmesser, Geschwindigkeitsanzeige in km/h, Leistungs- und Stromverbrauch sowie Batteriereserven.

Zum Mittag legen wir bei Sonnenschein und 88 Prozent Batteriekapazität für einen Zwischenstopp am Schlosshotel Klink an, eine sehr schöne Anlage. Lohnenswert für einen Besuch ist der Müritzer Bauernmarkt gleich hinter dem Schloss, auf dessen überdachter Freiterrasse wir uns ein Mittagsmenü gönnen.

Unser Elektroboot vor der Hafenkulisse von Waren (Müritz)

Inzwischen hat der Wind erneut aufgefrischt und wir beeilen uns beim Ablegen, denn der Wellengang der Müritz reagiert sehr schnell auf geänderte Windverhältnisse. Das per Joystick steuer- und dosierbare Bug- und Heckstrahlruder leistet gute Dienste. Tatsächlich müssen wir auch zunächst ein Stück gegen den Wind und die Wellen Richtung Röbel/Müritz fahren, um dann in das Fahrwasser nach Waren (Müritz) einzubiegen. Obwohl etwa drei Tonnen schwer wird das kurze Boot zum Spielball der Wellen und reagiert sehr empfindlich mit starkem Schwanken auf Seitenwellen. Eine Stunde später legen wir in Waren (Müritz) für einen Kurzbesuch an. Vor dem Ablegen interviewt uns noch ein Besucher, der bemerkt hatte, dass wir elektrisch unterwegs sind. Besonders bei den Hafenmanövern bleibt das nicht unbemerkt.

Akku aufladen am Fleesensee

Unser Ziel für die Nacht ist das Yachthafenresort Fleesensee. Nach telefonischer Rückfrage gibt es am Fleesensee freie Gastliegeplätze. Uhrzeit: 16.45 Uhr, Batterieladung 77 Prozent – klar zum Ablegen. Der Kölpinsee liegt vor uns und wir geben etwas mehr „Strom“, unsere Aufmerksamkeit gilt der frühen Dunkelheit und schließlich wollen wir testen, was elektrisch möglich ist. Bei 3,6 KW erreichen wir bei Gegenwind 7,7 km/h, im windgeschützten Kanal werden daraus 8,5 km/h. Bei „Vollgas“ zieht der Motor knapp 8 KW und gewaltige 157 Ampere. Die Reichweitendiskussion elektrischer Antriebe auf der Straße lässt einen – im Falle unseres Bootes völlig unbegründet – viel häufiger auf die Kapazitätsanzeige schauen als sonst auf den Füllstand des Dieseltanks. Anderthalb Stunden später legen wir in der Dämmerung mit 64 Prozent Restladung an.

Das Ferienresort Fleesensee ist Nordeuropas größte Ferienanlage mit vielen Hotels, Ferienhäusern, Tennis- und Golfplätzen und eigenem Shuttlebus, den man mit der Kurkarte nutzen kann. Wir sind hier schon oft vorbeigefahren, waren uns dessen aber nicht bewusst und bekommen beim Spaziergang am nächsten Morgen einen kleinen Eindruck davon. Die Einrichtungen des zugangsgeschützten Yachthafens können mittel Chipkarte genutzt werden, die man bei der Anmeldung am Automaten erwerben muss. Über diese werden alle Leistungen für Strom, Wasser, Bad- und Duschnutzung, Liegegebühren und Kurtaxe abgerechnet. Man lädt zu Beginn ein Guthaben auf und bekommt am Ende das nicht verbrauchte Guthaben zurück, einschließlich einem Pincode als abschließenden Zugang zur Steganlage. Damit müssen wir unsere vorsichtshalber eingetauschten 50-Cent Münzen nicht in der Stromsäule einzuwerfen, sondern nur einen Teil des Kartenbudgets für den Stromverbrauch freigeben. Nicht genutzter Strom wird der Karte nach Abmeldung an der Säule wieder gutgeschrieben. So stelle ich mir das vor und frage mich jedes Mal, warum man es bisher nicht geschafft hat, im gesamten Hausbootrevier ein solches System einheitlich einzuführen, um die gleiche Karte von Anfang bis Ende der Reise nutzen zu können. In Irland ist das schon seit Jahren der Fall. Der Service hat allerdings seinen Preis. Drei Euro pro Bootsmeter plus Kurtaxe und einen Euro pro Person bedeuten 33 Euro nur für das Festmachen ohne variable Anteile. Zusätzlich haben wir 20 Euro auf die Karte geladen, die wir ausschließlich für Strom verwenden und tatsächlich 11,53 Euro verbrauchen. Bei 0,60 €/kWh entspricht das etwa 19 kWh. Die Batterieladung zeigt am Morgen 94 Prozent und es fließt kaum Ladestrom, bauartbedingt erreicht man laut Herrn Wallmüller keine 100 Prozent.

Wie unter Segeln: Lautlos und vibrationsfrei mit dem Elektroboot dahingleiten

Durch den Morgenspaziergang legen wir erst nach 11 Uhr ab und stellen fest, dass es ja gut wäre, die Öffnung der Drehbrücke in Malchow um 12 Uhr zu schaffen. Also muss der Antrieb wieder ran. Der 10 KW-Motor entspricht wohl circa 30 „Diesel-PS“ und wir würden uns für die Seen durchaus mehr Schubkraft wünschen. Wie uns Herr Wallmüller später erklärt, ist die Leistung zugunsten des Verbrauchs abgeregelt, er will sie in der nächsten Saison noch etwas erhöhen, aber das Verhältnis an gewonnener Geschwindigkeit zum Verbrauch wird extrem ungünstig. Für die pünktliche Ankunft an der Drehbrücke reicht uns auch die aktuelle Einstellung. Der schöne, jedoch recht enge Stadthafen bietet freie Plätze und in der Malchower Altstadt können wir gut zu Mittag essen.

Drehbrücke Malchow

Auf dem etwas schmaleren Wasserweg bis zum Plauer See machen wir das, was wir gern mit diesem Elektroboot viel länger und öfter auf Kanälen erleben würden: mit 1,5 kWh und 6 km/h lautlos und vibrationsfrei wie ein Segelboot dahingleiten. Die Solarmodule auf dem Dach liefern bei unserem Wetter und der tiefstehenden Sonne mit weniger als 100 W keinen wirklichen Betrag zum Energiegewinn, im Sommer ist die Bilanz sicher deutlich besser.

Da wir gut in der Zeit liegen, zweigen wir auf dem Plauer See nach Norden ab und besuchen die Fischerei und Räucherei in Alt Schwerin und sichern uns dort das Abendbrot. Am späten Nachmittag endet unsere kleine Fahrt leider im Yachthafen Plau am See mit Blick auf den markanten Leuchtturm. Die Batteriekapazität zeigt 63 Prozent, es besteht also keine Sorge, selbst wenn man mal eine Nacht ohne Landstrom verbringen würde. Unsere Erfahrungen decken sich mit den beschriebenen Reichweiten im Bordbuch. Für eine möglichst volle Batterieladung zur Rückgabe am nächsten Tag versenken wir 24 Münzen in der Stromsäule, mit denen hier im Hafen 24 kWh bereitgestellt werden. Am Morgen sind noch 3 KW übrig, die wir bei diesem System natürlich nicht zurückbekommen, man muss also immer etwas rechnen. In der Summe haben wir 22 Euro für Strom ausgegeben. Wenn man den Strom für Heizung und Geräte an Bord abzieht, lassen sich bei 8,5 Fahrstunden dieser Tour etwa zwei Euro pro Fahrstunde errechnen. Dafür hätten wir nur reichlich einen Liter Diesel bekommen. Die sonst üblichen Dieselkosten können also mit dem Elektroantrieb mindestens halbiert werden.

Lust auf mehr Elektro

Im Fazit wird deutlich, dass der Antrieb zum Boot und beides zum Revier passen muss. In der Bewertung sollte man jedoch zwischen den Eigenschaften und Platzverhältnissen der Yacht und den speziellen Bedingungen des Elektroantriebs unterscheiden. Boot und Antrieb passen gut zusammen, bieten genug Batteriekapazität, um in der wärmeren Jahreszeit ohne Bedenken ein bis zwei Nächte vor Anker einzuplanen und machen Lust auf mehr Elektro. Das Gebiet der großen Seen passt jedoch nicht zu diesem Gespann. Die Elde bis Dömitz wäre ein ideales Revier, aber auch die Gewässer und Nebenreviere der Havel und ganz besonders der Finowkanal. Hier ergibt sich ein weiterer Vorteil: Da es keinen Kühlwasserkreislauf an Bord gibt, werden in engen und flachen Kanälen keine Wasserpflanzen angesaugt, die den Filter verstopfen können.

Der Elektroantrieb ist technisch auf jeden Fall eine Alternative und Perspektive gerade für das empfindliche Ökosystem der Binnengewässer, ohne Einschränkungen im gewohnten Komfort und dem Vorankommen hinnehmen zu müssen. Abgesehen von dem Vorrat an Münzen für die Ladesäulen ist die Handhabung sehr einfach, weil die Batterien über das normale Landstromkabel geladen werden. Nachteil ist, dass es meist die ganze Nacht dauert, um annähernd leere Batterien vollständig zu laden. Das setzt größeren Antrieben und Batterien Grenzen. Die technische Entwicklung der Elektroantriebe ist weit fortgeschritten und bietet heute schon Leistungen, um größere Passagier- oder Berufsschiffe anzutreiben. Bei größeren Hausbooten und damit größerem Strombedarf wird die Ladeinfrastruktur in den Häfen eine Herausforderung für die Betreiber. Am Rhein-Marne-Kanal im Elsass in Frankreich hat man schon vor einiger Zeit durch die französische Wasserstraßenverwaltung Schnellladesäulen installiert, an denen die Batterien von Elektrobooten über die Mittagspause komplett geladen werden können. Die Ladeleistung liegt hier mit 360 V bei 15 KW. Hausbootvermieter wie Nicols oder Les Canalous bieten dazu Boote bis 15 Meter mit bis zu fünf Kabinen an, die vollelektrisch fahren.

Mehr Investitionen in Elektromobilität auf dem Wasser nötig 

Andere Anbieter setzen auf hybride Konzepte, bei denen Diesel- und Elektroantrieb kombiniert werden oder ein Dieselaggregat im optimalen Drehzahlbereich einen Generator antreibt, der die Elektromotoren und Batterien versorgt. Dadurch wird eine Unabhängigkeit von der Infrastruktur an Land erreicht, aber man bekommt auf diese Weise den Diesel nicht los.

Egal welche Konzepte sich einmal durchsetzen werden, Strom ist eine sehr elegante und saubere Technologie auf der Seite der Nutzung und der Bootsantrieb damit wird zunehmen. Neben Investitionen in Elektroboote kommen auf jeden Fall große Herausforderungen auf die landseitige Infrastruktur zu, um den kommenden Bedarf zu decken. Insofern ist es bedauerlich, dass es weder im „Masterplan Freizeitschifffahrt“ von 2021 noch dem aktuellen Koalitionsvertrag zentrale Pläne für die Elektromobilität auf dem Wasser im Freizeitbereich gibt. In Ansätzen konzentriert man sich zunächst auf die Berufs- und Personenschifffahrt.