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Bootsabenteuer voraus!

Bootsabenteuer voraus!

Ein verlängertes Wochenende auf dem Wasser: von Berlin-Köpenick nach Bad Saarow
am Scharmützelsee

Lesedauer des Beitrags: 7 Minuten

Bei einer Tour auf der Dahme werden wir Skipper einmal mehr daran erinnert, warum wir das Bootfahren so genießen: Wir fahren durch lauschige Kanäle, in denen nur der Wind im Schilf zu hören ist. Wir geben Gas auf den großen Seen, bis das Wasser über den Bug spritzt. Wir lernen pittoreske Städtchen und Dörfer mit ihren sympathischen Bewohnern kennen, die Geschichten fernab des Großstadttrubels erzählen. Und öffnen wir nachts am einsamen Steg die Bootsluke, sind da nur das Plätschern und die Sterne.

Auch Herr Löber schwärmt von der Route zum Scharmützelsee. Wir treffen ihn – einen der wenigen Vercharterer in Berlin – an einem Freitagmittag an seinem Steg direkt an der Köpenicker Dahme. Der kleine Hafen ist so schön ausgebaut, dass wir eigentlich auch bleiben könnten: Ein historisches Bootshaus, ein Wohnmobilstellplatz, kleine Ferienwohnungen und eine Sauna laden zum Entspannen am Ufer ein. Direkt nebenan verkehrt die Fähre nach Grünau und bringt Anleger und Besucher schnell mit der S-Bahn ins Zentrum der Hauptstadt.

Als wir unser Boot „Amelya“ sehen …

… hält uns aber nichts mehr an Land. Die elf Meter lange Yacht ist gerade ein Jahr alt und glänzt in der Sonne, als wäre heute ihre Jungfernfahrt. Unter Deck erwarten uns zwei geräumige Kabinen jeweils mit WC und Dusche. Mittschiffs befindet sich der holzverkleidete Salon mit Küche und bequemer Sitzecke.

Unser persönliches Highlight aber ist das Sofa über Deck am Bug, auf dem man sich die Sonne ins Gesicht scheinen und den Wind um die Ohren wehen lassen kann. Nach einer ausführlichen Einweisung lassen wir den Motor an und gleiten achteraus auf die Dahme – unser Törn zum Scharmützelsee kann starten!

Berlin-Köpenick, Bad Saarow, Scharmützelsee © Magazin Seenland
Direkt hinter der Schleuse liegt die Selbstbedienungshubbrücke in Storkow.

Wir – das sind übrigens Karin, Steve, Sascha und Allyn. Wir beiden Letztgenannten haben schon Erfahrungen in Sachen Wassersport: Er als Segelskipper auf der Ostsee und ich auf den Brandenburger Binnengewässern. Karin und Steve, unsere Leichtmatrosen und Kombüsenchefs, bekommen daher zu Beginn von uns eine kurze Einweisung zu Knoten, Festmachen und Schleusen.

„Armin und das Ungeheuer aus dem Dolgensee“

Dann geht es endlich los. Wir reihen uns zunächst hinter einem Schleppverband ein und passieren mit den vorgeschriebenen sieben Kilometern pro Stunde die Regattastrecke Grünau, vorbei an der Tribüne und dem Start- und Zielbereich. Über den Langen See und den Zeuthener See geht es immer Richtung Süden bis sich kurz vor Königs Wusterhausen die Dahme spaltet. Wir lassen den Schleppverband und den Industriehafen rechts liegen und biegen ab zu unserer ersten Schleuse: Neue Mühle. Beide Ampeln stehen auf Rot und wir müssen zunächst an der Sportboot-Wartestelle festmachen.

Nach rund zehn Minuten kommt ein weiteres Boot. Das Paar darauf gibt uns den Tipp, sich das nächste Mal beim Schleusenwärter ein paar Minuten vor Ankunft telefonisch anzumelden. Dann geht es auch ganz schnell. Wir warten ab, bis sich die kleine Brücke hebt und fahren in die Schleuse ein – es wird die engste auf unserem Törn sein. Mit den komfortablen Bug- und Heckstrahlrudern manövrieren wir die „Amelya“ sicher in die Schleusenkammer.

Mit der Schleuse …

… lassen wir auch den Verkehr der Berliner Gewässer hinter uns. Auf der Dahme und dem Krüpelsee herrscht ruhiges Fahrwasser. An diesem Tag sind nur wenige Boote unterwegs. Vorbei an den gepflegten Wassergrundstücken von Bindow fahren wir langsam auf den Dolgensee. Das Gewässer ist hier sehr flach, weshalb wir uns unbedingt an die Betonnung halten. Kurz hinter der Brücke machen wir für die erste Nacht Rast an „Kuddels lustiger Stube“. Hier können wir längs anlegen und das Boot an den Holzpfählen und Metallstäben auf der Wiese sicher vertauen. In den Hochzeiten der Sommerferien ist die Terrasse voll besetzt und bis zu 300 Teller Hausmannskost kommen auf die Tische.

Heute ist es ruhiger in der kleinen Gaststätte und wir können mit der Besitzerin bei einem Sanddornschnaps einen Plausch halten. Zum Beispiel über ihren Ehemann, den Fischer Armin, der vor einigen Jahren aus dem Dolgensee einen beeindruckenden, mannshohen Wels gefangen hat. Der Zeitungsartikel mit der etwas angsteinflößenden Überschrift „Armin und das Ungeheuer aus dem Dolgensee“ hängt noch heute über dem Tresen. Obwohl „Kuddels lustige Stube“ mit deftiger Suppe, Eisbein und frisch geräuchertem Fisch aufwarten kann, legen unsere Köche Karin und Steve los und zaubern in der perfekt ausgestatteten Kombüse der „Amelya“ ein leckeres Abendbrot.

Die zwei Brüder und das Schloss

Am nächsten Morgen liegen Nebelschwaden über dem Wasser und die Sonne kommt langsam hinter den Bäumen hervor. Wir bauen unsere Persenning ab – nicht nur, um die Sonne zu genießen, sondern auch, weil heute einige sehr niedrige Brücken auf unserem Törnplan stehen. Pünktlich zur Öffnung erreichen wir die Schleuse Kummersdorf, kurz hinter dem Wolziger See. Der Schleusenwärter ist um diese Zeit noch ein wenig verschlafen und nicht sehr gesprächig. Weiter geht es über den Storkower Kanal, vorbei an idyllischen Wassergrundstücken und durch niedrige Brücken. Vor der Brücke Philadelphia kennzeichnet der Wasserstand die Durchfahrtshöhe. Die heutigen 3,80 Meter können wir problemlos unterfahren. Am Ende des Storkower Kanals wartet eine weitere Schleuse – diesmal mit Selbstbedienung. Wir betätigen den blauen Hebel und haben Glück, denn die Schleusentore öffnen sich sofort. Gerade als wir bei der Ausfahrt aus der Schleuse wieder etwas Gas geben wollen, sehen wir nur knapp 50 Meter entfernt das nächste Hindernis: eine Brücke. Wir stoppen auf, legen an, betätigen nochmals einen Hebel am rechten Ufer und schon öffnet sich die Durchfahrt. Zwischen Schleuse und Brücke befindet sich übrigens der recht kurze Stadtanleger Storkow. Auf der Rückfahrt werden wir hier einen Stopp einlegen.

Auf dem Storkower See wollen wir heute unbedingt das Schloss Hubertushöhe besuchen, dessen Türme schon vom Wasser aus sichtbar sind. Wir treffen auf den Gärtner, der uns zur Geschichte und zu den Plänen des Hauses Auskunft gibt: Der historische Jagdsitz wurde lange Zeit als Fünf-Sterne-Hotel genutzt, 2012 kauften es die Zwillinge Rainer und Harald Opolka, die unter anderem mit der Produktion von LED-Taschenlampen ein Vermögen gemacht hatten. Sie gründeten die Zweibrüder Kunst und Kultur GmbH und wollen das Gelände Stück für Stück zu einem Kunst- und Literaturpark ausbauen. Von April bis Anfang Oktober können Anleger und Gäste im Park spazieren; das Schloss selbst öffnet frühestens 2017 seine Tore. Für den Garten, die Geschichte und die kleine Fischerkate an der Steganlage lohnt sich eine Pause aber allemal.

Bad Saarow: Auf dem Boot, auf dem Segway und zu Fuß

Ein schmaler Kanal führt uns weiter nach Wendisch-Rietz, wo die letzte Schleuse auf uns wartet. Auch hier gilt wieder Selbstbedienung. Das Schleusen klappt inzwischen sicher und gekonnt. Unser Ziel – der große Scharmützelsee – ist nun erreicht. Mit ordentlich Wind und Wellengang heizen wir neben zahlreichen Segelbooten und ihren waghalsigen Manövern über das Wasser. Wir halten Kurs auf Bad Saarow und bremsen auf Höhe einer kleinen Insel am Nordwestufer ab, denn hier sind nur noch acht Kilometer pro Stunde erlaubt. An der Marina Freilichtbühne machen wir fest, melden uns beim Hafenmeister an und gehen auf Erkundungstour durch das kleine Örtchen. Unsere ersten Schritte an Land führen uns in das Restaurant „Fischtopf“, wo es von Bismarck über Lachs bis Heilbutt leckere Fischbrötchen gibt. An der Promenade entlang begegnen uns einige Touristen auf Segways. Ein Klettergarten, eine alte Bunkeranlage und natürlich die Therme Bad Saarow sind einen Besuch wert.

Wir machen uns wieder auf den Weg. Der starke Wind ist eine Herausforderung bei der Ausfahrt aus dem Hafen, die wir aber gut meistern. Unser Ziel für heute Nacht liegt auf dem Storkower See. Wir schleusen entspannt in Wendisch Rietz. Auf dem folgenden kleinen Kanal sitzen wir vier schweigend auf dem Boot, genießen die Ruhe, das Rascheln der Blätter am Ufer und die langsam eintretende Dämmerung.

Für die Nacht wollen wir in Wolfswinkel anlegen – ein Wasserwanderrastplatz wie gemacht für Naturliebhaber. Leider ist die kleine Steganlage neben dem Strand schon besetzt. Für Sportboote unserer Größe gibt es nur wenige Plätze. Eine Crew, die dort angelegt hat, gibt uns den Tipp, genau am anderen Ufer zu übernachten. Hier befindet sich das Seehotel Karlslust. Kanus und kleine Boote liegen hier vor Anker, die die Hotelgäste für eine Runde auf den Storkower Gewässern mieten können. Heute aber haben wir die lange Steganlage für uns allein. Und als wir in der klaren Nacht den Blick auf den Himmel richten, begeistern uns Tausende Sterne.

Mit Rückenwind auf dem Rückweg

Am nächsten Morgen werden „Amelya“ und wir vier fotografiert – vom Hafenmeister. Er ist nicht nur begeistert von unserer Yacht, sondern erklärt uns auch, dass normalerweise morgens Dunst über dem Storkower See aufsteigt. Heute sind Wasser und Himmel allerdings klar. Das deute wohl auf schlechtes Wetter hin. Wir können seine Vorhersage später nicht bestätigen, denn vor uns liegt ein herrlich sonniger und wolkenloser Tag. Ein bisschen Wehmut kommt auf, da wir heute wieder die Rückreise antreten. Wir frühstücken erst einmal frische Brötchen und lassen uns über den See treiben. In Storkow legen wir hinter der Brücke am kurzen Stadtanleger an und setzen ein paar Schritte in die kleine Stadt. Gut einen Kilometer laufen wir zur mehr als 800 Jahre alten Burg Storkow, die gegen ein kleines Entgelt besichtigt werden kann. Zurück schlendern wir am Marktplatz vorbei zu unserem Boot und setzen die Fahrt Richtung Berlin fort.

Auf dem Rückweg wollen wir noch einen Schlenker einlegen: Wir biegen auf den Seddinsee ab, folgen dem Gosener Kanal bis auf den Dämeritzsee. Dort halten wir uns links und biegen in die Müggelspree, die uns durch Rahnsdorf und vorbei an den idyllischen Wassergrundstücken Neu-Venedigs führt. Viele Paddler und Kanuten sind unterwegs. Auf uns wartet hier ein Highlight der Berliner Wasserkultur: die Fähre Rahnsdorf. Ursprünglich eine der letzten nur mit Muskelkraft betriebenen Fähren der Stadt, gleitet sie heute unter Solarantrieb von Ufer zu Ufer. Uns treibt es weiter auf den Müggelsee. Für einen kurzen Moment fühlen sich Rückenwind und Wellengang an wie auf dem Meer – selbst unser Segelskipper Sascha kommt ins Schwärmen. Wir halten uns an die vorgeschriebene Betonnung, gleiten über das Wasser und entdecken backbords die Müggelberge und den Müggelturm. Schließlich halten wir Kurs auf die Köpenicker Altstadt.

Eine letzte Hürde müssen wir zum Ende des Törns noch nehmen: Zum ersten Mal betanken wir selbst das Schiff. An einer Tankstelle, versteckt hinter einer kleinen Insel, die man von der westlichen Seite anfahren sollte, müssen wir zunächst drei Sportboote abwarten, ehe wir an der Reihe sind. Wir lassen uns auf dem Wasser treiben, denn Anlegen können wir hier nicht. Dafür schauen wir den anderen Crews zumindest aus der Ferne etwas ab: Schiffsführer melden sich im Tankhäuschen an der Straße an, hinterlegen ihren Ausweis als Pfand und die Zapfsäule wird freigeschaltet. Wir tanken voll, bezahlen, legen ab und drehen um. Die letzten Meter bis zum Heimathafen führen vorbei am Schloss Köpenick. Herr Löber wartet schon auf uns und weist uns einen Platz in seinem Hafen zu. Unsere Beine wollen sich nicht recht an das Festland gewöhnen. Wir nehmen den Rhythmus unseres Bootes mit zum Fähranleger, lassen uns zum anderen Ufer übersetzen und kehren zurück in die Großstadt, die wir in den letzten drei Tagen und während der 150 Kilometer auf dem Wasser so gar nicht vermisst haben.

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