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Schlacht um Stargard

Schlacht um Stargard

 

Beim alljährlichen Burgfest wird die ganze Gegend um Burg Stargard ins Mittelalter zurückversetzt.

 

Beim alljährlichen Burgfest wird die ganze Gegend um Burg Stargard ins Mittelalter zurückversetzt. Mehr als 100 Ritter, Knappen und Söldner sorgen für ein großes Fest.

Macht, List und Intrigen: Die heute so beschaulich anmutende Region Mecklenburg-Vorpommern war im Mittelalter ein Schauplatz für politische Umstürze; eine Region, um die rivalisierende Markgrafen und Fürsten erbittert kämpften. Wer sich das nicht vorzustellen vermag, hat in Burg Stargard die Gelegenheit, Geschichte unmittelbar mitzuerleben. Denn nirgends sonst präsentiert sich das mittelalterliche Leben Mecklenburg-Vorpommerns so bunt und lebhaft wie in Burg Stargard, vor allem beim jährlichen Burgfest, das immer am zweiten Wochenende im August stattfindet. Seit vierzehn Jahren inszeniert der Burgverein das Fest, in jedem Jahr steht eine andere Episode aus der Burggeschichte im Mittelpunkt. „Schlacht um Stargard“ war das Motto 2005, in deren zweitägigem Verlauf Ereignisse aus dem Jahr 1315 wieder auflebten. Im Fokus stand eine Schlacht zwischen Fürst Heinrich II, auch „der Löwe von Mecklenburg“ genannt, und seinen Gegnern, den Brandenburgern und Askaniern.

Gewänder statt Kostümen

Mit Schwert und Rammbock – aber vor allem mit Begeisterung – stellten die Ritter Belagerung und Schlacht am Sonnabend nach. Nachdem Heinrich der Löwe am Sonntagmorgen vor versammelter Burgmannschaft den Sieg über die Brandenburger und Askanier verkündet hatte, erhielten Kämpfer, die sich durch besondere Tapferkeit hervorgetan hatten, den Ritterschlag. Der Rest des Tages stand dann ganz im Zeichen der Siegerfeierlichkeiten, mitsamt mittelalterlichem Tafeln und „sauferey“. Für den Besucher besonders spannend waren die originalgetreue Kleidung der Akteure. Aber aufgepasst: „Das sind keine Kostüme. Kostüme trägt man zum Fasching! Was Sie hier sehen, sind Gewänder“, stellt Frank Saß nachdrücklich klar. Im neuzeitlichen Leben ist der 49-Jährige Leiter des Burgmuseums. Für das Burgfest schlüpfte er in die Rolle des Kastellans Henricus von Wudenswegen. Tatsächlich, Kostüme sind das nicht, die schweren Kettenhemden und Rüstungen, die Vollbärte und langen Haare, die so viele hier mit Stolz präsentieren. Nein, das ist eine ganze Lebenseinstellung.

Nur ein kleines Zugeständnis an die Moderne war für Frank Saß nötig: Er trug zu seinem blauen Kastellanengewand eine neuzeitliche Brille. Aber zurzeit bemüht er sich um eine Brille, wie man sie damals trug. Die bestanden nämlich aus Bergkristall oder „Brillianten“, wie die altertümliche Bezeichnung lautete. So tragen moderne Brillen in ihrem Namen noch ein bisschen Mittelalter mit sich.

Mittelalter pur

Nicht nur die 84 Mitglieder des Burgvereins waren am bunten Schauspiel beteiligt, sondern auch andere Vereine von Mittelalterbegeisterten aus dem Umland. Die Askanier beispielsweise haben ihren Sitz in Berlin und reisten für die zwei Tage an, um ihr Zeltlager vor den Toren der Burg aufzuschlagen. Beim Spaziergang durch das Askanierlager mit den hellen Stoffzelten fällt auf, wie sehr die teilnehmenden Mittelalterfreunde die Authentizität selbst im kleinsten Detail lieben und ernst nehmen. Natürlich wird Met getrunken, und nicht zu knapp, aber ausschließlich aus getöpferten Bechern! Flaschen, Gläser oder gar Dosen sieht man nirgendwo, ebensowenig andere Relikte aus dem 21. Jahrhundert. Im Hintergrund erklingen Lauten und Flöten, der Rauch der zahlreichen Lagerfeuer liegt in der Luft, es laufen grimmig dreinschauende Ritter in voller Montur umher. Für einen Moment ist die Illusion perfekt.

Mehr als vierzig Händler bieten ihre Waren für die etwa fünftausend Besucher feil. Aber man findet hier keinesfalls die herkömmlichen Fritten- und Bierbuden, sondern nur Waren, die für das Mittelalter typisch sind. Wie zum Beispiel Kettenhemden oder handgetöpferte Keramik, sogar eine Wahrsagerin gibt es. Ein Highlight war die mittelalterliche Modenschau samt Braut- und Unterwäschemode. Das mutige Unterwäschemodell Uwe zeigte, dass damals Funktionalität der Ästhetik den Rang ablief: Hauptsache, es hält warm!

Burgabenteuer

Aber nicht nur am zweiten Augustwochenende zum Burgfest ist Stargard eine Reise wert, denn laut Frank Saß „gibt es eigentlich kein Wochenende, an dem hier nichts los ist.“ In seinem Museum, das sich ebenfalls auf dem Burggelände befindet, können sich Besucher über die ereignisreiche Geschichte der Burg informieren. Die Burg ist außerdem ein beliebter Ort für Jazzkonzerte; die Walpurgisnacht wird hier jedes Jahr ausgiebig gefeiert ebenso wie Silvester und die „romantische Burgweihnacht“ an Adventssonntagen.

Rosige Tradition

Die Kleinstadt, die sich am Fuße der Burg befindet, trägt den Beinamen „Stadt der Rosen“. Das geht auf das 19. Jahrhundert zurück, als Berliner Künstlergruppen die malerische Stadt entdeckten. Zu Hunderten verbrachten sie hier ihre Sommermonate, um ihren Schöpferdrang in der ländlichen Idylle auszuleben. Die Aussicht, ihr Haus malerisch verewigt zu sehen, war den Besitzern ein Ansporn und so übertrumpften sich die Stargarder bald gegenseitig mit bunten Gärten – beliebteste Pflanze war die Rose. Seit den 90er Jahren pflegen die Stargarder diesen Brauch wieder verstärkt, wie ein Blick in die bunten Vorgärten bestätigt. Ein neu entstandener Brauch ist, nach der Trauung auf der Burg dort einen Rosenstock pflanzen – gäbe es ein schöneres Symbol für das junge Eheglück?

Lesen Sie weiter in der Ausgabe Seenland 2006

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