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Wie man eine Leidenschaft entdeckt

Wie man eine Leidenschaft entdeckt

Segeln ist Wettbewerb mit den Elementen.

Foto: Carl J. Franzen

Mit dem Segeln ist es wie mit den Abenteuern: Hat man erst einmal angefangen, kommt man kaum wieder los.

Segeln ist Wettbewerb mit den Elementen.

Foto: Carl J. Franzen

Mit dem Segeln ist es wie mit den Abenteuern: Hat man erst einmal angefangen, kommt man kaum wieder los.

Die Sehnsucht nach dem Wasser schlummert unentdeckt in vielen. Die „Seeleute“ pflegen ihr Image und die Vorurteile gut. Dabei ist es ganz einfach: Man zieht die Tücher am Mast hoch, und der Kahn nimmt Fahrt auf. Man kann nach links fahren oder nach Backbord laufen“ – das Ergebnis ist irgendwie gleich. So wie man auch ohne hosenbodenverstärkte Hose Fahrrad fahren und in Jeans Skier laufen kann, kann man auch ohne Helly-Hansen-Jacke Boot fahren. Die wichtigen Begriffe lernen sich schnell in der Praxis auch ohne monatelange Fachlektüre. Wenn das Abenteuer ruft, gilt bangemachen nicht. Es ist erstens einfacher als man denkt, und zweitens erfreut es die anderen, wenn sich ein Neuling blamiert.

Mit meinem Sohn Harf baue ich über den Winter eine alte Neptunyacht wieder auf, sie erhält den klangvollen Namen „Obladi“. Da unser Garten nicht der rechte Ort für ein Wasserfahrzeug ist, entscheiden wir uns für einen Liegeplatz in Malchow am Fleesensee. Mit meinem Schwager bringe ich das Boot dorthin, bin beeindruckt, dass es tatsächlich wie vorgesehen sowohl schwimmt als auch seetüchtig zu sein scheint und freue mich auf die kommenden Abenteuer auf Hoher See. Natürlich müssen wir gleich los. Wir bauen also den Mast auf. Mit der „Jütt“ geht das ganz einfach und ohne Kran. Dann spannen wir die Stags und Wanten. Das sind die

Drahtseile, die vorn, hinten und an den Seiten den Mast stützen. Nun sieht unsere „Obladi“ so aus wie die meisten Schiffe um uns herum. Wir fallen also nicht auf. Rückwärts ausparken klappt diesmal ohne Flurschaden. Knatternd und rauchend fahren wir über die Bucht von Malchow, wo wir ein Gartenrestaurant mit Anleger entdecken und uns festbinden. Der Trick auf dem Wasser ist, sich allem sehr, sehr langsam zu nähern. Eine Bremse hat ein Kahn nicht, und Anker werfen dauert zu lange.

Mit dem Boot Essen zu fahren, ist eine völlig neue Erfahrung und hat einen Hauch von luxuriöser Dekadenz. Die Kellnerin bringt das gewünschte Schweineschnitzel mit Spiegelei zum Bier – Understatement pur. Auch das Schlafen an Bord hat eine eigene Qualität. Sanft wiegen Wellen das Boot. Leise schlagen Bänder an Masten, Möwen streiten sich um irgendeinen Happen, und wenn ein Fisch nach einer Mücke springt, plätschert es in der Ferne. Nach einem kurzen Regenguss am Morgen kommt endlich Wind auf. Ich setze erst einmal nur das Focksegel. Inzwischen weiß ich, dass das Bugsegel so heißt und mit der Fockschot – das ist ein Seil – je nach Windrichtung nach links oder rechts über eine Winde gezogen wird.

Mit Fock und Motor laufen wir aus. Kaum biegen wir um die Ecke, geht der Wind so stark in das Segel, dass mit dem Ruder allein die Richtung nicht mehr zu bestimmen ist. Vor Schreck holen wir die Fock wieder ein und tuckern auf die Mitte des Fleesensees. Da ist genügend Platz, um das Boot genau gegen den Wind zu steuern. Nur so bekommt man die Segel hoch. Vier Knoten zeigte der Tacho an – rasant!

Ein unvergesslicher Moment, als der Motor plötzlich verstummt und das Rauschen des Windes im geblähten Segel sich mit dem leisen Klatschen der Wellen beim Eintauchen des Bugs verbindet. Ein Blick auf die Welle am Heck zeigt, dass das Boot gut Fahrt macht.

Abenteuer auf Hoher See

Wir haben Wind, und wir segeln! Wir segeln nur mit der Fock den ganzen Tag hin und her und entdecken dabei zuverlässig die einzige Stelle, bei der der Fleesensee zu flach für unseren Tiefgang ist. Die Rache des Klabautermannes für die „Handvoll Wasser unterm Kiel“ bei der Taufe. Handbreit hätte gereicht, Handvoll ist zu wenig. Unsere Gewässerkarte verzeichnet zwar überall einen ausreichenden Tiefgang, aber der trockene Sommer hatte den Wasserspiegel um etwa einen halben Meter gesenkt. Sanft schiebt sich die „Obladi“ in den Grund und bleibt da. Es hilft nur Aussteigen und schieben. Also raus aus den Klamotten und rein ins Wasser. Wir wissen jetzt, warum Segeln kein Wintersport ist. Wir lernen außerdem: Niemals ins Wasser springen, wenn die Badeleiter nicht heruntergelassen ist!

Im Bewusstsein, große Abenteuer erlebt und überstanden zu haben, legen wir viel später im Hafen an. Das geht inzwischen reibungslos. Das Boot ist tatsächlich etwas behäbig, aber leicht zu steuern. Es braucht etwas mehr Wind, um eine Neptun in Bewegung zu bringen. Aber wenn, dann pflügt sie ganz schön los. Immerhin haben wir schon 36 Seemeilen auf dem Tacho.

Abenteuer ohne Ende

Dann kommt Harf und bringt meinen Neffen Heiner mit. Wir laufen gemeinsam aus. Wetter und Wind stehen in keinem guten Verhältnis zueinander: Schönes Wetter leidet unter Windmangel; den zum Segeln nötigen Wind scheint es nur zusammen mit schlechtem Wetter zu geben. Mit der Genua vor dem Mast kommen wir trotzdem irgendwie voran. Genua ist ein Segel, das größer und leichter ist als die Fock und daher gut für Windarmut geeignet ist.

In der Enge der Einfahrt nach Malchow werfen wir wieder den Motor an und fahren zu „unserem“ Gartenlokal zum Essen. Hunderte interessierte Augen folgen unserem Tun. Aber Anlegen kann ich gut, da passt glatt ein rohes Ei zwischen Anleger und Bug, so sanft geht das mit der „Obladi“. Ich drossele das Tempo, bin immer noch zu schnell, schalte in den Rückwärtsgang und gebe dabei Gas. Der 40 Jahre alte Rückwärtsgang verweigert die Kooperation, und das Boot gewinnt an Fahrt. Die Entfernung zum Steg wird sehr schnell kürzer. Wir krachen in den Steg. Ein scheppernder Blechsteg verkündet den Hunderten Ohren der Gäste unser Anlegemanöver. Standing Ovations begleiten meinen Ausstieg und ersticken meine Erklärungsversuche. Der Mecklenburger an sich ist aber ein gutmütiger Menschenschlag, und Schadenfreude und Sensationsgier sind ihm fremd. Ich weiß das, mein Großvater stammt aus Techentin bei Ludwigslust.

Harf teilt mir mit, dass voraussichtlich weder Steg noch Boot in absehbarer Zeit sinken werden. Beim Ablegen haben wir uns dann abgestakt und sind mit Vorwärtsgang nach Hause getuckert. Dort habe ich auch ohne Rückwärtsgang perfekt angelegt. Hat keiner gesehen. Ungerechte Welt!

Seit mindestens zehn Jahren gibt es keine Ersatzteile mehr für meinen Motor, erfahre ich in unserem Hafen. Aber Glück im Unglück: Ein guter Gebrauchtmotor steht in der Werft zum Verkauf und passt auch genau in den Motorschacht der „Obladi“.

Ich überlasse der Jugend das Boot und fahre nach Hause, um am Sonnabend darauf meine Frau in die Freuden des Segelns einweihen zu können. Sie sieht seit langem diesem Tag mit gemischten Gefühlen entgegen. In Malchow angekommen, sehen meine Frau Stella und ich vom Ufer aus, wie Harf und Heiner gekonnt auf dem Fleesensee kreuzen, um wieder in den Hafen zu kommen. Wir haben die beiden dann zügig verabschiedet, Harf vermerkt dazu im Logbuch: „Mama und Papa konnten es gar nicht erwarten, das Boot zu übernehmen.“

Lesen Sie weiter in der Ausgabe Seenland 2008

 

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