Fahrradtour im Havelland von Brandenburg nach Werder

By Published On: 22. Februar 2023

Auf einer Fahrradtour im Havelland von Brandenburg nach Werder zeigt sich Naturliebhabern die Havel von ihrer schönsten Seite: Ein blaues Band durch grüne Auen.

Voller Tatendrang erwachen wir in den Kojen unseres Boots. Sicher vertäut liegt es am Wasserwanderrastplatz Jungfernsteig in Brandenburg an der Havel. Gestern haben wir die Stadt, die auch als Wiege der Mark bekannt ist, ausgiebig während eines Stadtrundgangs erkundet.

Vom Boot aufs Fahrrad

Heute wollen wir uns das Kontrastprogramm zum städtischen Leben gönnen und nach der Schönheit der Stadt, die Schönheit der havelländischen Natur erleben. Mit unseren Fahrrädern, die wir immer an Bord haben, wollen wir nach Werder radeln, immer an der Havel entlang. Ein Radweg, der die beiden Havelstädte verbinden soll, ist schon lange in Planung. Der Förderverein Mittlere Havel e.V. bemüht sich seit Jahren um die Entwicklung des Gebiets zwischen Brandenburg und Werder. Dazu zählt auch der Bau eines ansprechenden Radwegs. Wie wir hörten, ist der geplante Weg aber alles andere als fertig. Da wir abenteuerlustige Radler sind, wollen wir dennoch die Route entlang des „blauen Bandes“, wie die Havel von den Einheimischen auch genannt wird, wagen. Ausgestattet mit einer detaillierten Radwanderkarte muss es uns doch gelingen, das für sein Kirschblütenfest berühmte Werder entlang des Flusses per Drahtesel zu erreichen.

Aufbruch am Morgen

Um Punkt 8.45 Uhr sind wir startbereit. Über uns breitet sich ein blauer Augusthimmel aus, eine leichte Brise, die nach Sommer riecht, weht uns entgegen. Über die Siedlung Neuschmerzke verlassen wir auf einem Radweg neben der B 1 Brandenburg Richtung Osten. In Wust kehren wir der Bundesstraße den Rücken und biegen in das kleine Dorf ein, um hier nach einem Weg an die Havel zu suchen. Der helle Klang eines Schmiedehammers lässt uns an einem Gehöft innehalten. „Kunstschmiede“ steht an der weißen Fassade, ein Schild zeigt Amboss und Hammer. Hier ist der Schmied Wolf Bartling zuhause.

„Meine Tür steht Interessierten immer offen“, empfängt uns der Handwerker, der lange Zeit in Südafrika lebte, bevor er an der Havel eine neue Heimat fand. Gern lassen wir uns von ihm durch seine Werkstatt führen und bewundern gigantische Kronleuchter, filigrane Grabkreuze und sogar echte Ritterschwerter. Er sei schon immer sehr an Geschichte interessiert gewesen, erzählt uns Wolf Bartling. Die Schwerter, die er uns zeigt, sind echten Vorbildern nachempfunden. Auf Mittelaltermärkten kommen sie in Schaukämpfen zum Einsatz. Gern zeigt uns der Schmied in seiner Werkstatt, wie er rot glühendem, rohen Material mit geschickten Schlägen neue Formen gibt. Nachdem wir ihm eine Weile bei seiner spannenden Arbeit zugesehen haben, machen wir uns wieder auf den Weg.

Kleine Entdeckungen entlang des Weges

Doch nicht nur die Kunstschmiede ist einen Zwischenstopp wert. Das kleine Wust hat erstaunlich viel zu bieten. So auch in der Wuster Straße 75, in der Einwohner des Haveldorfs ein eigenes kleines Museum aufgebaut haben. In einer gewaltigen Scheune zeigt die Landwirtfamilie Liere interessierten Touristen ihre Sammlung bäuerlicher Geräte und Werkzeuge. In der 100 Jahre alten Scheune stehen Leiterwagen und Kutschen neben Pflügen und Fischereiutensilien. Ein weiteres Gebäude des Hofs beherbergt eine außergewöhnliche Dokumentation über das Leben der Familie Liere. Kleidungsstücke, Urkunden, Alltagsgegenstände und Fotos illustrieren die 300 Jahre, in denen die Bauernfamilie in Wust ansässig ist.

Nach dem virtuellen Ausflug in die Geschichte setzen wir unsere Fahrt fort. Doch wie wir erkennen müssen, führt uns von Wust kein gutwillig zu befahrender Weg ans Wasser. Erst von Gollwitz aus nähern wir uns wieder dem blauen Band. Zuvor umrunden wir das Gollwitzer Gutsschloss, das in einem traurigen Zustand ist und noch auf seine Wiedererweckung wartet. Umso schöner zeigt sich die Natur des Gutsparks, die mit ihrem saftigen Grün einen starken Kontrast zu dem Haus bildet, das alten Zeiten nachzutrauern scheint.

Auch wer ohne eigenes Boot unterwegs ist, kann von Brandenburg an der Havel aus die umliegenden Seen an Bord eines Fahrgastschiffes erkunden.

Im Land der Auen

Hinter Gollwitz breiten sich die Auen aus, für die das Havelland so berühmt ist. Das hohe Wiesengras schlägt im sanften Wind Wellen, als würde grünes Wasser das Land bedecken. Deiche durchziehen die Feuchtwiesen. Sie schützen nicht nur die umliegenden Orte vor etwaigen Hochwässern, sondern machen das Fortkommen für Wanderer und Radler überhaupt erst möglich. Das Befahren mit Autos ist natürlich nicht gestattet, und so lassen wir bald alle Zivilisation hinter uns.

Nachdem wir beim Verlassen des Bootes in der Stadt Brandenburg zum letzten Mal Wasser gesehen haben, begegnen wir nun endlich wieder der Havel. Hin und wieder zieht gemächlich ein Boot auf dem Fluss vorbei. In der Ferne können wir schon den Götzer Berg erkennen. Er ist die einzige nennenswerte Erhebung zwischen Brandenburg und Werder auf unserer Fahrradtour im Havelland.

Trotz seiner bescheidenen Höhe von 108 Metern wirkt er in diesem flachen Land gewaltig. Während wir weiter durch grüne Wiesen radeln, nähern wir uns langsam, aber sicher dem Berg. Er wird von einem Radrundweg umschlossen, von dem aus es möglich ist, bis fast auf die höchste Stelle des Berges zu fahren. Auch wenn der geplante Aussichtsturm auf dem Götzer Berg noch nicht fertig ist, gibt es doch auch jetzt schon den ein oder anderen Punkt auf dem Berg, von dem aus sich ein wunderbarer Blick über die Havelniederung bietet.

Nach der „Bergetappe“ fahren wir den Rundweg um den Götzer Berg zur Hälfte, bis wir Götzerberge erreichen. Von hier aus gelangen wir in eine absonderliche Landschaft, die mehr aus Wasser als aus Land besteht. Schmale Wege führen durch zahllose Teiche und Wasserläufe. Anfänglich sind wir verwundert und rätseln über die Entstehung dieses faszinierenden Wald-Venedigs, bis wir einem Schild die Erklärung für dieses Phänomen entnehmen können. Einst wurde hier Lehm abgebaut – der nahe Moloch Berlin verlangte nach Ziegeln. Eine alte Lore in Deetz erinnert als Denkmal an diese Zeit. Früher transportierte sie den wertvollen Ton von den Gruben zur Weiterverarbeitung.

Zwischenhalt in Ketzin auf der Fahrradtour im Havelland

An der Kirche in Deetz stoppen wir kurz, um zu beobachten, wie ein paar Jungstörche in ihrem Nest auf dem Kirchendach von den Altvögeln gefüttert werden. Danach müssen wir uns etwas vom Havelufer entfernen, bis wir hinter Schmergow am Rande der Wiesen zwischen am Ufer wachsenden Weiden wieder das Wasser glitzern sehen können. Der Fluss verbreitert sich hier zum Trebelsee, bevor er bei Ketzin so schmal wird, dass eine Kettenfähre hier problemlos verkehren kann. Wir sehen dabei zu, wie sich das Schiff an der schweren Eisenkette über das Wasser zu uns herüberzieht und beobachten das Landemanöver.

Wir überlegen einen Moment, ob wir die Überfahrt nach Ketzin unternehmen, um das Schloss Paretz am anderen Ufer zu besichtigen. Wer sich mit der Fähre hinüberwagt, erblickt ein kleines Havelstädtchen, das den Tourismus für sich entdeckt hat und in dem immer wieder neue Ideen geboren werden. Jüngste Neuerung ist ein Restaurant, das dem aktuellen Trend nach Mega-Portionen folgt. Im Redo XXL, gibt es Zwei-Kilo-Schnitzel, Hamburger, die einen Durchmesser von 30 Zentimeter haben oder 1.200 Gramm schwere Riesensteaks. Für Radler, die ja einen äußerst hohen Kalorienbedarf haben, ist die Bewerbung für das Amt des Schnitzelkönigs die ultimative Herausforderung. Wer ganz allein ein Doppel-Kilogramm-Riesenstück verspeist, kann diesen Titel für sich in Anspruch nehmen. Aber nicht nur für den Titanenhunger hat Ketzin etwas auf unserer Fahrradtour im Havelland zu bieten.

Fischergest und Schlossbesuch

Das Fischerfest ist eine feste Größe im Veranstaltungskalender der Havelländer. Wer sich an einem Wochenende Mitte/Ende August auf den Havelradweg von Brandenburg nach Werder begibt, kann hier ein typisches regionales Fest erleben. Selbst eine Misswahl, die hier allerdings nicht Miss Ketzin, sondern Fischerkönigin heißt, steht auf dem Programm. Im benachbarten Paretz ist das Schloss sehenswert. Schon Fontane schwärmte von einem Abstecher in den verträumten Ort: „An einem Sommernachmittag ein entzückender Spaziergang.

Die Fahrradtour im Havelland führt durch Wiesen rechts und links; der Heuduft dringt von den Feldern herüber und vor uns ein dünner, sonnendurchleuchteter Nebel zeigt uns die Stelle, wo die breite, buchten- und seenreiche Havel fließt.“ Noch heute erscheint dem Reisenden die Gegend nicht minder lieblich. Umgeben von viel Grün ist das Schloss vor allem durch eine seiner ehemaligen Bewohnerinnen bekannt. Denn einst entzog sich hier die berühmte preußische Königin Luise mit ihrem Gatten Friedrich Wilhelm von Zeit zu Zeit den Zwängen des strengen Zeremoniells am Hof in Berlin.

Paretz: Das Schloss „Still-im-Land“

Da das Paar in dieser malerischen Umgebung in dem kleinen Landschloss ihr romantisch-ruhiges Refugium unterhielt, wurde es von Zeitgenossen auch Schloss Still-im-Land genannt. Wie an so vielen vergleichbaren Gebäuden gingen auch am Paretzer Schloss die Wechsel der Geschichte nicht spurlos vorbei. Zum Ende des Zweiten Weltkriegs wurde es geplündert, später war das Schloss Heimstatt für Kriegsflüchtlinge, dann Bauernhochschule und später Domizil der Vereinigung Volkseigener Betriebe Tierzucht.

Nach Anfängen schon zu DDR-Zeiten wurde seit 1989 der drohende Verfall des Paretzer Schlossensembles über Jahre hinweg in mehreren Etappen abgewendet. Unter anderem konnten ein Gärtnerhaus und die beiden Torhäuser sowie das eigentliche Schloss wiederhergestellt werden. Doch auch wenn die Historie des Landschlosses faszinierend und ein Besuch verlockend ist, entscheiden wir, dass wir nicht übersetzen und uns Ketzin und Paretz lieber im Rahmen einer Bootsfahrt ansehen wollen und setzen unseren Weg nach Werder fort.

Auf dem Wachtelberg kann man direkt beim Winzer Brandenburger Wein genießen.

Blütenstadt Werder

Weit ist es nun nicht mehr zum Zielort, und bald kommt der Autobahnring in Sicht, den wir unterqueren, um kurz darauf Werder zu erreichen, das sich malerisch zwischen mehreren Havelseen ausbreitet. Nach einer Strecke von rund 45 Kilometern auf der Fahrradtour im Havelland erreichen wir die Blütenstadt.

Ein Rundgang über die Stadtinsel gehört ebenso zum Pflichtprogramm eines Besuchs wie die Erkundung des Werderaner Weinbergs. Obgleich seit über 800 Jahren in der Mark Brandenburg Weinbau betrieben wird, verdrängte im Laufe der Jahrhunderte der Obstanbau die Rebstöcke. Mit der Wiederaufnahme des Weinbaus in Werder (Havel) im Jahre 1985 sollte den vielen Streitern und Winzern des märkischen Weinbaus ein Denkmal gesetzt, dem Vergessen entgegengewirkt und die traditionell bei vielen Märkern ehemals vorhandene Liebe zum Wein auf heutige Generationen übertragen werden.

Auf dem Wachtelberg kehren wir in die Straußwirtschaft „Weintiene“ ein und lassen den erlebnisreichen Radtag an der Havel mit Werderaner Wein würdig ausklingen.

Bequem zurück per Bahn

Für den Rückweg nehmen wir den Service der Bahn in Anspruch. Von Werder aus fahren im Halbstundentakt Züge in Richtung Brandenburg. Während wir auf den Zug warten, lassen wir unsere Fahrt in Gedanken noch einmal an uns vorbeiziehen. Die schier endlosen Feuchtwiesen mit ihrer Naturbelassenheit und die Nähe zum Wasser sind die besonderen Kennzeichen dieser Radtour. Wir sind froh, dass wir sie mit robusten Trekkingrädern in Angriff genommen haben, denn der Untergrund war mindestens ebenso abwechslungsreich wie die Schönheit der Natur und hielt so ziemlich alles bereit, was sich nur denken lässt. So wäre es wünschenswert, dass der Radweg irgendwann besser ausgebaut wird, ohne dabei die Ursprünglichkeit dieses Landstrichs zu zerstören.

Nach einer kurzen, entspannten Bahnfahrt sind wir wieder in der Stadt, in der wir am Morgen gestartet sind. Vom Bahnhof aus sind es lediglich zwei Kilometer zu unserem Liegeplatz zurück. Ein herrlicher Tag mit unserer Fahrradtour im Havelland, dem Land des Blauen Bandes inmitten grüner Auen, liegt hinter uns.

Hier gibt es Tipps zu weiteren Fahrrad-Touren und unseren Fahrradtouren Büchern für Mecklenburg und Brandenburg.

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Fahrradtour im Havelland von Brandenburg nach Werder
By |9,9 min read|1969 words|Published On: 22. Februar 2023|

Auf einer Fahrradtour im Havelland von Brandenburg nach Werder zeigt sich Naturliebhabern die Havel von ihrer schönsten Seite: Ein blaues Band durch grüne Auen.

Voller Tatendrang erwachen wir in den Kojen unseres Boots. Sicher vertäut liegt es am Wasserwanderrastplatz Jungfernsteig in Brandenburg an der Havel. Gestern haben wir die Stadt, die auch als Wiege der Mark bekannt ist, ausgiebig während eines Stadtrundgangs erkundet.

Vom Boot aufs Fahrrad

Heute wollen wir uns das Kontrastprogramm zum städtischen Leben gönnen und nach der Schönheit der Stadt, die Schönheit der havelländischen Natur erleben. Mit unseren Fahrrädern, die wir immer an Bord haben, wollen wir nach Werder radeln, immer an der Havel entlang. Ein Radweg, der die beiden Havelstädte verbinden soll, ist schon lange in Planung. Der Förderverein Mittlere Havel e.V. bemüht sich seit Jahren um die Entwicklung des Gebiets zwischen Brandenburg und Werder. Dazu zählt auch der Bau eines ansprechenden Radwegs. Wie wir hörten, ist der geplante Weg aber alles andere als fertig. Da wir abenteuerlustige Radler sind, wollen wir dennoch die Route entlang des „blauen Bandes“, wie die Havel von den Einheimischen auch genannt wird, wagen. Ausgestattet mit einer detaillierten Radwanderkarte muss es uns doch gelingen, das für sein Kirschblütenfest berühmte Werder entlang des Flusses per Drahtesel zu erreichen.

Aufbruch am Morgen

Um Punkt 8.45 Uhr sind wir startbereit. Über uns breitet sich ein blauer Augusthimmel aus, eine leichte Brise, die nach Sommer riecht, weht uns entgegen. Über die Siedlung Neuschmerzke verlassen wir auf einem Radweg neben der B 1 Brandenburg Richtung Osten. In Wust kehren wir der Bundesstraße den Rücken und biegen in das kleine Dorf ein, um hier nach einem Weg an die Havel zu suchen. Der helle Klang eines Schmiedehammers lässt uns an einem Gehöft innehalten. „Kunstschmiede“ steht an der weißen Fassade, ein Schild zeigt Amboss und Hammer. Hier ist der Schmied Wolf Bartling zuhause.

„Meine Tür steht Interessierten immer offen“, empfängt uns der Handwerker, der lange Zeit in Südafrika lebte, bevor er an der Havel eine neue Heimat fand. Gern lassen wir uns von ihm durch seine Werkstatt führen und bewundern gigantische Kronleuchter, filigrane Grabkreuze und sogar echte Ritterschwerter. Er sei schon immer sehr an Geschichte interessiert gewesen, erzählt uns Wolf Bartling. Die Schwerter, die er uns zeigt, sind echten Vorbildern nachempfunden. Auf Mittelaltermärkten kommen sie in Schaukämpfen zum Einsatz. Gern zeigt uns der Schmied in seiner Werkstatt, wie er rot glühendem, rohen Material mit geschickten Schlägen neue Formen gibt. Nachdem wir ihm eine Weile bei seiner spannenden Arbeit zugesehen haben, machen wir uns wieder auf den Weg.

Kleine Entdeckungen entlang des Weges

Doch nicht nur die Kunstschmiede ist einen Zwischenstopp wert. Das kleine Wust hat erstaunlich viel zu bieten. So auch in der Wuster Straße 75, in der Einwohner des Haveldorfs ein eigenes kleines Museum aufgebaut haben. In einer gewaltigen Scheune zeigt die Landwirtfamilie Liere interessierten Touristen ihre Sammlung bäuerlicher Geräte und Werkzeuge. In der 100 Jahre alten Scheune stehen Leiterwagen und Kutschen neben Pflügen und Fischereiutensilien. Ein weiteres Gebäude des Hofs beherbergt eine außergewöhnliche Dokumentation über das Leben der Familie Liere. Kleidungsstücke, Urkunden, Alltagsgegenstände und Fotos illustrieren die 300 Jahre, in denen die Bauernfamilie in Wust ansässig ist.

Nach dem virtuellen Ausflug in die Geschichte setzen wir unsere Fahrt fort. Doch wie wir erkennen müssen, führt uns von Wust kein gutwillig zu befahrender Weg ans Wasser. Erst von Gollwitz aus nähern wir uns wieder dem blauen Band. Zuvor umrunden wir das Gollwitzer Gutsschloss, das in einem traurigen Zustand ist und noch auf seine Wiedererweckung wartet. Umso schöner zeigt sich die Natur des Gutsparks, die mit ihrem saftigen Grün einen starken Kontrast zu dem Haus bildet, das alten Zeiten nachzutrauern scheint.

Auch wer ohne eigenes Boot unterwegs ist, kann von Brandenburg an der Havel aus die umliegenden Seen an Bord eines Fahrgastschiffes erkunden.

Im Land der Auen

Hinter Gollwitz breiten sich die Auen aus, für die das Havelland so berühmt ist. Das hohe Wiesengras schlägt im sanften Wind Wellen, als würde grünes Wasser das Land bedecken. Deiche durchziehen die Feuchtwiesen. Sie schützen nicht nur die umliegenden Orte vor etwaigen Hochwässern, sondern machen das Fortkommen für Wanderer und Radler überhaupt erst möglich. Das Befahren mit Autos ist natürlich nicht gestattet, und so lassen wir bald alle Zivilisation hinter uns.

Nachdem wir beim Verlassen des Bootes in der Stadt Brandenburg zum letzten Mal Wasser gesehen haben, begegnen wir nun endlich wieder der Havel. Hin und wieder zieht gemächlich ein Boot auf dem Fluss vorbei. In der Ferne können wir schon den Götzer Berg erkennen. Er ist die einzige nennenswerte Erhebung zwischen Brandenburg und Werder auf unserer Fahrradtour im Havelland.

Trotz seiner bescheidenen Höhe von 108 Metern wirkt er in diesem flachen Land gewaltig. Während wir weiter durch grüne Wiesen radeln, nähern wir uns langsam, aber sicher dem Berg. Er wird von einem Radrundweg umschlossen, von dem aus es möglich ist, bis fast auf die höchste Stelle des Berges zu fahren. Auch wenn der geplante Aussichtsturm auf dem Götzer Berg noch nicht fertig ist, gibt es doch auch jetzt schon den ein oder anderen Punkt auf dem Berg, von dem aus sich ein wunderbarer Blick über die Havelniederung bietet.

Nach der „Bergetappe“ fahren wir den Rundweg um den Götzer Berg zur Hälfte, bis wir Götzerberge erreichen. Von hier aus gelangen wir in eine absonderliche Landschaft, die mehr aus Wasser als aus Land besteht. Schmale Wege führen durch zahllose Teiche und Wasserläufe. Anfänglich sind wir verwundert und rätseln über die Entstehung dieses faszinierenden Wald-Venedigs, bis wir einem Schild die Erklärung für dieses Phänomen entnehmen können. Einst wurde hier Lehm abgebaut – der nahe Moloch Berlin verlangte nach Ziegeln. Eine alte Lore in Deetz erinnert als Denkmal an diese Zeit. Früher transportierte sie den wertvollen Ton von den Gruben zur Weiterverarbeitung.

Zwischenhalt in Ketzin auf der Fahrradtour im Havelland

An der Kirche in Deetz stoppen wir kurz, um zu beobachten, wie ein paar Jungstörche in ihrem Nest auf dem Kirchendach von den Altvögeln gefüttert werden. Danach müssen wir uns etwas vom Havelufer entfernen, bis wir hinter Schmergow am Rande der Wiesen zwischen am Ufer wachsenden Weiden wieder das Wasser glitzern sehen können. Der Fluss verbreitert sich hier zum Trebelsee, bevor er bei Ketzin so schmal wird, dass eine Kettenfähre hier problemlos verkehren kann. Wir sehen dabei zu, wie sich das Schiff an der schweren Eisenkette über das Wasser zu uns herüberzieht und beobachten das Landemanöver.

Wir überlegen einen Moment, ob wir die Überfahrt nach Ketzin unternehmen, um das Schloss Paretz am anderen Ufer zu besichtigen. Wer sich mit der Fähre hinüberwagt, erblickt ein kleines Havelstädtchen, das den Tourismus für sich entdeckt hat und in dem immer wieder neue Ideen geboren werden. Jüngste Neuerung ist ein Restaurant, das dem aktuellen Trend nach Mega-Portionen folgt. Im Redo XXL, gibt es Zwei-Kilo-Schnitzel, Hamburger, die einen Durchmesser von 30 Zentimeter haben oder 1.200 Gramm schwere Riesensteaks. Für Radler, die ja einen äußerst hohen Kalorienbedarf haben, ist die Bewerbung für das Amt des Schnitzelkönigs die ultimative Herausforderung. Wer ganz allein ein Doppel-Kilogramm-Riesenstück verspeist, kann diesen Titel für sich in Anspruch nehmen. Aber nicht nur für den Titanenhunger hat Ketzin etwas auf unserer Fahrradtour im Havelland zu bieten.

Fischergest und Schlossbesuch

Das Fischerfest ist eine feste Größe im Veranstaltungskalender der Havelländer. Wer sich an einem Wochenende Mitte/Ende August auf den Havelradweg von Brandenburg nach Werder begibt, kann hier ein typisches regionales Fest erleben. Selbst eine Misswahl, die hier allerdings nicht Miss Ketzin, sondern Fischerkönigin heißt, steht auf dem Programm. Im benachbarten Paretz ist das Schloss sehenswert. Schon Fontane schwärmte von einem Abstecher in den verträumten Ort: „An einem Sommernachmittag ein entzückender Spaziergang.

Die Fahrradtour im Havelland führt durch Wiesen rechts und links; der Heuduft dringt von den Feldern herüber und vor uns ein dünner, sonnendurchleuchteter Nebel zeigt uns die Stelle, wo die breite, buchten- und seenreiche Havel fließt.“ Noch heute erscheint dem Reisenden die Gegend nicht minder lieblich. Umgeben von viel Grün ist das Schloss vor allem durch eine seiner ehemaligen Bewohnerinnen bekannt. Denn einst entzog sich hier die berühmte preußische Königin Luise mit ihrem Gatten Friedrich Wilhelm von Zeit zu Zeit den Zwängen des strengen Zeremoniells am Hof in Berlin.

Paretz: Das Schloss „Still-im-Land“

Da das Paar in dieser malerischen Umgebung in dem kleinen Landschloss ihr romantisch-ruhiges Refugium unterhielt, wurde es von Zeitgenossen auch Schloss Still-im-Land genannt. Wie an so vielen vergleichbaren Gebäuden gingen auch am Paretzer Schloss die Wechsel der Geschichte nicht spurlos vorbei. Zum Ende des Zweiten Weltkriegs wurde es geplündert, später war das Schloss Heimstatt für Kriegsflüchtlinge, dann Bauernhochschule und später Domizil der Vereinigung Volkseigener Betriebe Tierzucht.

Nach Anfängen schon zu DDR-Zeiten wurde seit 1989 der drohende Verfall des Paretzer Schlossensembles über Jahre hinweg in mehreren Etappen abgewendet. Unter anderem konnten ein Gärtnerhaus und die beiden Torhäuser sowie das eigentliche Schloss wiederhergestellt werden. Doch auch wenn die Historie des Landschlosses faszinierend und ein Besuch verlockend ist, entscheiden wir, dass wir nicht übersetzen und uns Ketzin und Paretz lieber im Rahmen einer Bootsfahrt ansehen wollen und setzen unseren Weg nach Werder fort.

Auf dem Wachtelberg kann man direkt beim Winzer Brandenburger Wein genießen.

Blütenstadt Werder

Weit ist es nun nicht mehr zum Zielort, und bald kommt der Autobahnring in Sicht, den wir unterqueren, um kurz darauf Werder zu erreichen, das sich malerisch zwischen mehreren Havelseen ausbreitet. Nach einer Strecke von rund 45 Kilometern auf der Fahrradtour im Havelland erreichen wir die Blütenstadt.

Ein Rundgang über die Stadtinsel gehört ebenso zum Pflichtprogramm eines Besuchs wie die Erkundung des Werderaner Weinbergs. Obgleich seit über 800 Jahren in der Mark Brandenburg Weinbau betrieben wird, verdrängte im Laufe der Jahrhunderte der Obstanbau die Rebstöcke. Mit der Wiederaufnahme des Weinbaus in Werder (Havel) im Jahre 1985 sollte den vielen Streitern und Winzern des märkischen Weinbaus ein Denkmal gesetzt, dem Vergessen entgegengewirkt und die traditionell bei vielen Märkern ehemals vorhandene Liebe zum Wein auf heutige Generationen übertragen werden.

Auf dem Wachtelberg kehren wir in die Straußwirtschaft „Weintiene“ ein und lassen den erlebnisreichen Radtag an der Havel mit Werderaner Wein würdig ausklingen.

Bequem zurück per Bahn

Für den Rückweg nehmen wir den Service der Bahn in Anspruch. Von Werder aus fahren im Halbstundentakt Züge in Richtung Brandenburg. Während wir auf den Zug warten, lassen wir unsere Fahrt in Gedanken noch einmal an uns vorbeiziehen. Die schier endlosen Feuchtwiesen mit ihrer Naturbelassenheit und die Nähe zum Wasser sind die besonderen Kennzeichen dieser Radtour. Wir sind froh, dass wir sie mit robusten Trekkingrädern in Angriff genommen haben, denn der Untergrund war mindestens ebenso abwechslungsreich wie die Schönheit der Natur und hielt so ziemlich alles bereit, was sich nur denken lässt. So wäre es wünschenswert, dass der Radweg irgendwann besser ausgebaut wird, ohne dabei die Ursprünglichkeit dieses Landstrichs zu zerstören.

Nach einer kurzen, entspannten Bahnfahrt sind wir wieder in der Stadt, in der wir am Morgen gestartet sind. Vom Bahnhof aus sind es lediglich zwei Kilometer zu unserem Liegeplatz zurück. Ein herrlicher Tag mit unserer Fahrradtour im Havelland, dem Land des Blauen Bandes inmitten grüner Auen, liegt hinter uns.

Hier gibt es Tipps zu weiteren Fahrrad-Touren und unseren Fahrradtouren Büchern für Mecklenburg und Brandenburg.