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Großes Abenteuer auf dem „kleinen Meer“

Großes Abenteuer auf dem „kleinen Meer“

Ein Bootstörn von Priepert über die Müritz bis Plau am See

Lesedauer des Beitrags: 9 Minuten

Punkt 12 Uhr, Berlin Jungfernheide – hier treffen wir vier aufeinander. Noch trennen uns etwa zwei Stunden Autofahrt von unserem eigentlich Abenteuer: einer Bootstour. Das Ziel unserer Reise ist der Yachthafen Priepert, inmitten der Mecklenburgischen Kleinseenplatte. Das Auto ist bis unter die Dachkante voll beladen. Schon auf der Fahrt geht es um wenig anderes: Die bereits Seeplatten-erfahrenen Mitfahrer geben den unerfahrenen Crewmitgliedern Ratschläge und Tipps.

Tag 1: Ankunft und Einweisung

In Priepert angekommen geht es ohne Umwege zu unserem Schiff. Die „Santa Maria“ liegt an einem der äußeren Stege des Yachthafens und schon aus der Ferne wird klar: ein Riesengeschoss. Ein wenig mulmig wird uns schon bei dem Gedanken, diesen Koloss über die Mecklenburger Seenplatte zu manövrieren, vor allem weil unsere nautische Kenntnis nicht die beste ist. Mit einer Ausnahme ist noch keiner auf einem Hausboot gereist und selbst die Ausnahme heuerte mehr als familiärer Leichtmatrose an, denn als Steuermann. Doch die Bedenken werden schnell von Staunen und Begeisterung überdeckt, als unsere vierköpfige Besatzung – bestehend aus Hannah, Xenia, Jan und Johannes – die „Santa Maria“ entert.

Die Yacht ist mehr als komfortabel: Zwei große geräumige Kajüten, eine gut ausgestattete Küche, zwei separate Duschräume und Badezimmer, sowie ein Salon, der seinen Namen zu Recht trägt, überzeugen uns sofort. Wir werden die nächsten sieben Tage auf einer Yacht verbringen, die das Attribut Luxus eindeutig verdient hat. Vor allem Johannes ist begeistert als er feststellt, dass er mit knapp zwei Metern Körpergröße aufrecht im Innenraum des Schiffes stehen kann – seinen bisherigen Hausboot-Erfahrungen läuft das eindeutig entgegen.

Tour Priepert, Müritz, Plau am See © Magazin Seenland
Die „Santa Maria“ bietet Platz für bis zu sechs Personen und lässt sich im Charterscheinrevier ohne Bootsführerschein fahren.

Wir stellen Johannes, der aus Urlauben mit seiner Familie die einzige Vorerfahrung in Punkto Bootfahren aufweist, ab, um den Charterschein zu machen. Dieser ist notwendig, wenn man ohne Bootsführerschein auf den umliegenden Binnengewässern ein Boot führen will. Eine Besonderheit in Deutschland, die für Boote mit weniger als 15 Metern Länge gilt und die u. a. eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf 12 km/h sowie auf einzelnen Seen besondere Sicherheitsvorschriften wie Schwimmwestenzwang und Fahrverbot ab Windstärke 4 vorsieht.

Charterschein und Oktoberfest

Im Hafenbüro bekommt Johannes eine ausführliche Einweisung in die Theorie des Bootfahrens. Seezeichen, rücksichtsvolles Verhalten auf dem Wasser und alles was sonst noch dazu gehört. Wir anderen haben derweil das Gepäck mitsamt Proviant an Bord geschafft und sind jetzt bereit für die praktische Unterweisung und abschließende Prüfung. Geübt werden seitliches Anlegen, rückwertiges Anlegen und das Wenden auf engem Raum.

Geduldig werden wir bei unseren anfänglich unbeholfenen Versuchen vom Mitarbeiter von Yachtcharter Heinzig angeleitet. Erste Erfolge lassen nicht lange auf sich warten: Die Wende auf engem Raum meistern wir in zwei Zügen, obwohl sie uns mit drei Zügen vorgeführt wurde. Schließlich dürfen wir uns alleine versuchen, wir verabschieden unseren Lehrmeister und stechen in See.

Der Blick auf die Uhr zeigt uns: Schleusen ist heute nicht mehr möglich. Wir werden die Nacht also in Priepert verbringen. Aber nicht ohne zuvor noch einige Runden über den Großen Ellenbogensee und den anliegenden Kanal zu drehen, um die soeben erworbenen Fähigkeiten zu erproben und zu verfeinern.

Der Hunger treibt uns schließlich wieder an Land, wo der mitgebrachte Proviant, der im Wesentlichen aus Toast und Aufschnitt sowie Pasta und Pesto besteht, wenig reizt. Da die letzte Mahlzeit inzwischen in historischer Ferne liegt, verlangt es uns nach Größerem. Da wir wissen, dass in den Hafenhallen an diesem Abend ein Oktoberfest stattfindet und die kulinarischen Aussichten, die ein solches Fest verspricht, einfach zu verlockend sind, eilen wir sofort los.

Und wir werden nicht enttäuscht: von Schmalzbroten und Brezeln über Weißwurst hin zu Schweinshaxe mit Bratkartoffeln und Sauerkraut wird alles geboten. Wieder an Deck lassen wir bei einem letzten Hefeweizen und CD-Klängen aus der bordeigenen Anlage den Abend ausklingen. Ab in die Koje. Gute Nacht Priepert.

Tag 2: Von Priepert nach Mirow

Unsere angepeilte Aufstehzeit von 8 Uhr halten wir nicht ein – die Kojen sind einfach zu gemütlich. Die am Vorabend im Hafenkiosk bestellten Brötchen holen wir erst gegen 10.30 ab. Sie werden auf Achtern zusammen mit Kaffee, Aufschnitt und Äpfeln angerichtet und in der langsam hinter den Wolken hervor kriechenden Sonne verzehrt.

Nachdem wieder alles unter Deck verstaut ist, heißt es: Leinen los! Wir überqueren den Großen Ellenbogensee in Richtung Westen und gelangen zu unserer ersten Schleuse in Strasen. Sie ist belegt, die Ampel zeigt rot, uns bleibt also noch Zeit, das am Vortag Gelernte abzurufen.

Wir legen an und warten. Irgendwann springt das Lichtzeichen auf grün: Ab geht die Fahrt. Etwas zu forsch und mit viel hin und her meistern wir schließlich dieses erste Hindernis, das durch die beachtenswerte Breite unseres Bootes – 4,10 Meter – ein bisschen an das Einfädeln eines Fadens ins Nadelöhr erinnert.

Nun wird die Fahrt entspannt, wir überqueren den Kleinen Pälitzsee. Uns umgibt eine Landschaft, die stark an finnische Seen erinnert. Sehr idyllisch. Auf den Pälitzsee folgt der Canower See und im Anschluss die nächste Schleuse, die wir ob unserer Erfahrung mit Bravour meistern. Löppt! Wir spielen uns zunehmend ein. Doch die auf den Labussee folgende Schleuse Diemitz zeigt uns, dass wir wohl etwas übermütig geworden sind. Das auf das Warten auf den Gegenverkehr folgende Ablegemanöver misslingt, wir kommen mit dem Heck nicht rechtzeitig vom begrasten Land weg und bleiben hängen, zu unserer Erleichterung schadfrei. Beim zweiten Anlauf nutzen wir Heck- und Bugstrahlruder und legen tadellos ab.

Die Uhrzeit und die vorangegangene Aufregung lassen uns den Entschluss fassen, ein neues Manöver auszuprobieren: Ankern. Alle haben Hunger, also geht es auf den unmittelbar hinter der Schleuse liegenden und als Ankerstelle ausgezeichneten Großen Peetschsee. Wir suchen uns eine windgeschützte Stelle nahe des Ufers, stoppen den Motor und lassen den Anker die fünf- bis siebenfache Wassertiefe als Kettenlänge herunterrauschen. Durch kurzes Einlegen des Rückwärtsganges überprüfen wir, ob der Anker sich richtig eingegraben hat. Die Kette kommt unter Spannung und das Boot richtet sich mit dem Bug in den Wind aus.
Wir liegen fest. Der Gasherd erhitzt das Wasser für die Pasta. Leider besitzen wir keine gültige Angelkarte für diesen See, sodass Nudeln mit Pesto heute wohl genügen müssen.

Gerne wären wir noch bei Kartenspiel und lesend in der Sonne vor Anker geblieben, doch die Zeit drängt ein wenig, denn wir möchten einen der begehrten Liegeplätze an der Schlossinsel im Zentrum von Mirow ergattern.

Auf dem Vilzsee werden unsere navigatorischen Fähigkeiten gefordert. Wir müssen rechtzeitig in Richtung Norden umlenken, um zum Zotzensee zu gelangen und nicht auf dem, motorisiert nicht befahrbaren, Schwarzen See zu landen. Jan nimmt sich dieser Aufgabe an und gibt die passenden Anweisungen, um nicht in untiefe Gewässer zu geraten. So gelangen wir schließlich in den Hafen an der Schlossinsel. Vom Hafenmeister erfahren wir, dass es in Mirow einen sonntäglich geöffneten Netto gibt, den wir sogleich aufsuchen, um unsere mittlerweile dezimierten Vorräte aufzufrischen. Zurück auf dem Boot wirbelt Xenia ein opulentes Sandwich-Abendbrot zusammen. Im Kerzenschein endet der Tag mit einem crewinternen Schachturnier an Deck. Der Tag hat uns geschafft, wir schlüpfen früh in unsere Betten. Gute Nacht Mirow!

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