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Komm’ mal runter!

Komm’ mal runter!

Ein Bootstörn von Fürstenberg/Havel durch die Kleinseenplatte
bis nach Rheinsberg

Lesedauer des Beitrags: 4 Minuten

„Wer ist der Skipper?“, fragt Walter Kussmaul. „Ich“, sage ich und drehe den Zündschlüssel. Der 60-PS-Dieselmotor springt an, Kühlwasser beginnt aus den Öffnungen zurück in den See zu sprudeln. Langsam schiebt sich die „Supreme“ aus der Parklücke. Wir, das sind mein Mitreisender Sven und unser Einweiser Walter Kussmaul, tuckern los in Richtung alter Steinhavel, wo ein Wendemanöver auf engstem Raum geübt werden soll. Die Aktion ist ein Praxistest, bei dem wir beweisen müssen, dass wir auch ohne Sportbootschein in der Lage sind, einen 11,50-Meter-Kahn zu führen.

„Dreh am besten galant nach rechts“, sagt unser Einweiser, „das klappt besser wegen der rechtsdrehenden Schraube.“ Denn deren Laufrichtung bewirke, dass das Heck beim Rückwärtsfahren nach links driftet. Das hat einen entscheidenden Vorteil: Schlägt man das Ruder voll nach steuerbord ein, kann man es dort lassen und nur noch voraus und zurück fahren. Und siehe da: Das Wendemanöver klappt, und zur Not gibt es ja noch das Bugstrahlruder. Wir sind bereit.

Bootstour, Fürstenberg/Havel, Kleinseenplatte, Rheinsberg © Magazin Seenland
In der Fischerhütte Flecken Zechlin wird das verkauft, was Fischer Wilhelm Gehrt (r.) in den umliegenden Seen fängt.

Dass wir als unerfahrene Bootsführer ein vergleichsweise großes Schiff eigenverantwortlich fahren dürfen, macht die Charterbescheinigung möglich, die im Jahr 2000 eingeführt wurde. Sie berechtigt zum Führen eines maximal 15 Meter langen Bootes, das nicht schneller als zwölf Kilometer pro Stunde gefahren werden darf und wird nach einer ausführlichen Einweisung ausgestellt, die mindestens drei Stunden dauern muss.

Los geht die Tour beim Verleih River Boating Holidays in Fürstenberg (Havel), das Städtchen gilt als südliches Tor zur kleinen Seenplatte. Anbieter Walter Kussmaul hat es im Herbst 2015 zu einiger Fernsehbekanntheit gebracht, als er mit einem Hausboot in der VOX-Doku „Mein himmlisches Hotel“ (Special: Auf dem Wasser) vertreten war.

Komfort und moderne Technik

Die „Supreme“, ein über alles 11,50 Meter langes und 3,70 Meter breites Hausboot mit Schlafplätzen für maximal drei Personen, liegt im Röblinsee am Anleger der Charter-Basis. Der Bootskörper ist bis zum Deck in warmem Rot lackiert, der Aufbau ist weiß, einmal rundherum läuft ein dickes Tau, das dem Schiff einen klassischen Look gibt.

Verbaut aber ist moderne Technik: Die Ruderanlage funktioniert hydraulisch, die elektrische Ankerwinsch kann vom Steuerstand aus bedient werden, es gibt Satelliten-TV und leistungsfähige Bilgepumpen für den unwahrscheinlichen Fall einer Havarie mit Leck. Das Beste aber ist ein kleiner Joystick neben dem in Klarlack lackierten Holzsteuerrad: Mit ihm wird das Bugstrahlruder betätigt. Auch für genügend „Betriebsflüssigkeiten“ ist gesorgt, wie wir bei der Einweisung erfahren. „Diesel? Reicht für sechs Wochen“, sagt „River Boating“-Chef Walter Kussmaul. Der Frischwassertank fasst 800 Liter.

Kussmaul macht uns mit dem Boot vertraut, mit der Warmluftheizung, die selbst eine Düse für den Fußbereich am Steuerstand hat, mit der gesamten Technik. Er zeigt die beiden Kajüten, erklärt uns die wichtigsten Verkehrsregeln auf Wasser: „Rechts, rot, runter ist eure Faustregel.“ Wenn man zu Tal fährt, muss man die rote Tonne rechts liegen lassen, sonst droht man aufzusetzen. Über die Fließrichtung gibt die Sportschifffahrtskarte Auskunft. Auch erläutert der Basis-Betreiber, was zu tun ist, wenn jemand über Bord geht.

Die erste Schleuse wartet in der Steinhavel, …

… die sich ab dem Röblinsee in Richtung Nordwesten weiter schlängelt. Es ist 17 Uhr, in einer Stunde machen die Schleusenwärter Feierabend. Wir erreichen den Wartebereich für Sportboote und müssen aufstoppen. Wie gerade noch gelernt den Gashebel in den Leerlauf, kurz warten, dann kurz volle Kraft zurück, bis wir stehen.

Der Schleusenwärter winkt, wir passen gerade noch hinter ein Motorfloß. Sven hantiert mit einer der Leinen und führt sie durch einen eisernen Bügel der Schleusenmauer, um das Boot in der Kammer zu stabilisieren. Das Tor geht auf, und wir fahren weiter. Vorbei an Bootshäusern, teils romantische Bretterverschläge, die über dem Wasser zu schweben scheinen, teils verbastelte Schuppen mit Fertiggaragentoren und grinsenden Grafitti-Gesichtern.

Im Menowsee stellt sich das erste Mal ein Gefühl von Abgeschiedenheit ein, wie man sie sich in Deutschland nur schwer vorstellen kann – es sei denn, man kennt das schon, wie das auf den Binnengewässern im Osten der Republik an einem lauschigen Abend so sein kann. Die Sonne neigt sich, und kräftigt noch einmal die Farben der Wolkenschraffur. „Da brauchst du nicht nach Skandinavien fahren.“ Sven ist baff. Ich auch.

Bootstour, Fürstenberg/Havel, Kleinseenplatte, Rheinsberg © Magazin Seenland
Kultur-Highlight am Ufer: Schloss Rheinsberg.

Als sich in der Dämmerung der Ziernsee vor uns auftut, passieren wir die unsichtbare Grenze zwischen Brandenburg und Mecklenburg, nicht das letzte Mal auf dieser Tour. Bevor die Dunkelheit sich alles einverleibt, gleiten wir durch den Ellbogensee, der sich wegen seines im Knick schön gelegenen Campingplatzes einen Ruf vor allem unter jungen Familien Berlins erarbeitet hat. Wo sollen wir die Nacht verbringen?

Ein Hausboot hat in einer kleinen Bucht festgemacht, das schönste Plätzchen scheint besetzt. Im Schwarz der fast mondlosen Nacht würden wir die Ausfahrten des Sees kaum finden. Sven wirft einen Blick auf die Karte: „Der Yachthafen Priepert ist nicht weit.“ In einiger Entfernung sehen wir eine Ansammlung von Booten und orange glimmende Displays der Stromzapfsäulen.

Einparken für Anfänger

„Ok, römisch-katholisch einparken.“ Sven gefällt der Ausdruck, den unser Einweiser fallen ließ: Im vorwiegend katholischen Mittelmeerraum legten Boote mit dem Heck an. Doch so einfach ist das Rückwärtseinparken für nautische Novizen, wie wir sie sind, nicht. Die Trägheit der Schiffsmasse will kalkuliert sein, auch die Strömung. Auf den gewünschten Effekt, den man sich von einer Lenkbewegung oder einem Motorschub erhofft, muss man etwas warten.

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