Komm’ mal runter!

By |14,5 min read|2887 words|Published On: 2. Februar 2019|
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4 Tage: Fürstenberg (Havel) – Priepert – Rheinsberg – Flecken Zechlin – Fürstenberg (Havel) 

„Wer ist der Skipper?“, fragt Walter Kussmaul. „Ich“, sage ich und drehe den Zündschlüssel. Der 60-PS-Dieselmotor springt an, Kühlwasser beginnt aus den Öffnungen zurück in den See zu sprudeln. Langsam schiebt sich die „Supreme“ aus der Parklücke. Wir, das sind mein Mitreisender Sven und unser Einweiser Walter Kussmaul, tuckern los in Richtung alter Steinhavel, wo ein Wendemanöver auf engstem Raum geübt werden soll. Die Aktion ist ein Praxistest, bei dem wir beweisen müssen, dass wir auch ohne Sportbootschein in der Lage sind, einen 11,50-Meter-Kahn zu führen.

„Dreh am besten galant nach rechts“, sagt unser Einweiser, „das klappt besser wegen der rechtsdrehenden Schraube.“ Denn deren Laufrichtung bewirke, dass das Heck beim Rückwärtsfahren nach links driftet. Das hat einen entscheidenden Vorteil: Schlägt man das Ruder voll nach steuerbord ein, kann man es dort lassen und nur noch voraus und zurück fahren. Und siehe da: Das Wendemanöver klappt, und zur Not gibt es ja noch das Bugstrahlruder. Wir sind bereit.

Bootstour, Fürstenberg/Havel, Kleinseenplatte, Rheinsberg © Magazin Seenland
In der Fischerhütte Flecken Zechlin wird das verkauft, was Fischer Wilhelm Gehrt (r.) in den umliegenden Seen fängt.

Dass wir als unerfahrene Bootsführer ein vergleichsweise großes Schiff eigenverantwortlich fahren dürfen, macht die Charterbescheinigung möglich, die im Jahr 2000 eingeführt wurde. Sie berechtigt zum Führen eines maximal 15 Meter langen Bootes, das nicht schneller als zwölf Kilometer pro Stunde gefahren werden darf und wird nach einer ausführlichen Einweisung ausgestellt, die mindestens drei Stunden dauern muss.

Los geht die Tour beim Verleih River Boating Holidays in Fürstenberg (Havel), das Städtchen gilt als südliches Tor zur kleinen Seenplatte. Anbieter Walter Kussmaul hat es im Herbst 2015 zu einiger Fernsehbekanntheit gebracht, als er mit einem Hausboot in der VOX-Doku „Mein himmlisches Hotel“ (Special: Auf dem Wasser) vertreten war.

Komfort und moderne Technik

Die „Supreme“, ein über alles 11,50 Meter langes und 3,70 Meter breites Hausboot mit Schlafplätzen für maximal drei Personen, liegt im Röblinsee am Anleger der Charter-Basis. Der Bootskörper ist bis zum Deck in warmem Rot lackiert, der Aufbau ist weiß, einmal rundherum läuft ein dickes Tau, das dem Schiff einen klassischen Look gibt.

Verbaut aber ist moderne Technik: Die Ruderanlage funktioniert hydraulisch, die elektrische Ankerwinsch kann vom Steuerstand aus bedient werden, es gibt Satelliten-TV und leistungsfähige Bilgepumpen für den unwahrscheinlichen Fall einer Havarie mit Leck. Das Beste aber ist ein kleiner Joystick neben dem in Klarlack lackierten Holzsteuerrad: Mit ihm wird das Bugstrahlruder betätigt. Auch für genügend „Betriebsflüssigkeiten“ ist gesorgt, wie wir bei der Einweisung erfahren. „Diesel? Reicht für sechs Wochen“, sagt „River Boating“-Chef Walter Kussmaul. Der Frischwassertank fasst 800 Liter.

Kussmaul macht uns mit dem Boot vertraut, mit der Warmluftheizung, die selbst eine Düse für den Fußbereich am Steuerstand hat, mit der gesamten Technik. Er zeigt die beiden Kajüten, erklärt uns die wichtigsten Verkehrsregeln auf Wasser: „Rechts, rot, runter ist eure Faustregel.“ Wenn man zu Tal fährt, muss man die rote Tonne rechts liegen lassen, sonst droht man aufzusetzen. Über die Fließrichtung gibt die Sportschifffahrtskarte Auskunft. Auch erläutert der Basis-Betreiber, was zu tun ist, wenn jemand über Bord geht.

Die erste Schleuse wartet in der Steinhavel, …

… die sich ab dem Röblinsee in Richtung Nordwesten weiter schlängelt. Es ist 17 Uhr, in einer Stunde machen die Schleusenwärter Feierabend. Wir erreichen den Wartebereich für Sportboote und müssen aufstoppen. Wie gerade noch gelernt den Gashebel in den Leerlauf, kurz warten, dann kurz volle Kraft zurück, bis wir stehen.

Der Schleusenwärter winkt, wir passen gerade noch hinter ein Motorfloß. Sven hantiert mit einer der Leinen und führt sie durch einen eisernen Bügel der Schleusenmauer, um das Boot in der Kammer zu stabilisieren. Das Tor geht auf, und wir fahren weiter. Vorbei an Bootshäusern, teils romantische Bretterverschläge, die über dem Wasser zu schweben scheinen, teils verbastelte Schuppen mit Fertiggaragentoren und grinsenden Grafitti-Gesichtern.

Im Menowsee stellt sich das erste Mal ein Gefühl von Abgeschiedenheit ein, wie man sie sich in Deutschland nur schwer vorstellen kann – es sei denn, man kennt das schon, wie das auf den Binnengewässern im Osten der Republik an einem lauschigen Abend so sein kann. Die Sonne neigt sich, und kräftigt noch einmal die Farben der Wolkenschraffur. „Da brauchst du nicht nach Skandinavien fahren.“ Sven ist baff. Ich auch.

Bootstour, Fürstenberg/Havel, Kleinseenplatte, Rheinsberg © Magazin Seenland
Kultur-Highlight am Ufer: Schloss Rheinsberg.

Als sich in der Dämmerung der Ziernsee vor uns auftut, passieren wir die unsichtbare Grenze zwischen Brandenburg und Mecklenburg, nicht das letzte Mal auf dieser Tour. Bevor die Dunkelheit sich alles einverleibt, gleiten wir durch den Ellbogensee, der sich wegen seines im Knick schön gelegenen Campingplatzes einen Ruf vor allem unter jungen Familien Berlins erarbeitet hat. Wo sollen wir die Nacht verbringen?

Ein Hausboot hat in einer kleinen Bucht festgemacht, das schönste Plätzchen scheint besetzt. Im Schwarz der fast mondlosen Nacht würden wir die Ausfahrten des Sees kaum finden. Sven wirft einen Blick auf die Karte: „Der Yachthafen Priepert ist nicht weit.“ In einiger Entfernung sehen wir eine Ansammlung von Booten und orange glimmende Displays der Stromzapfsäulen.

Einparken für Anfänger

„Ok, römisch-katholisch einparken.“ Sven gefällt der Ausdruck, den unser Einweiser fallen ließ: Im vorwiegend katholischen Mittelmeerraum legten Boote mit dem Heck an. Doch so einfach ist das Rückwärtseinparken für nautische Novizen, wie wir sie sind, nicht. Die Trägheit der Schiffsmasse will kalkuliert sein, auch die Strömung. Auf den gewünschten Effekt, den man sich von einer Lenkbewegung oder einem Motorschub erhofft, muss man etwas warten.

Ich vergesse die Eigenheiten der rechtsdrehenden Schraube, und schon liegen wird diagonal in der Lücke. Zum Glück wartet ein Mann auf dem Steg und hilft beim Festmachen, als Sven ihm ein Tau und die Worte zuwirft: „Wir haben das noch nie gemacht.“ „Fürs Erste mal war das nicht schlecht“, entgegnet der Mann höflich und huscht wieder ins benachbarte Hausboot.

Wir gehen an Land und streunen durch den gottverlassenen Ort Priepert, ursprünglich ein Angerdorf mit Gutshaus auf der einen Seite und Kirche auf der anderen Seite als Begrenzung. Zwei Frauen stehen vor einem Wohnhaus und rauchen. Sie schrecken zusammen, als ich sie anspreche: „Gibt es hier eine Gaststätte?“ „Nee!“, sagt die eine und schüttelt so heftig den Kopf, als müsse sie sich für irgendetwas entschuldigen.

Ein paar Meter weiter stehen wir einem mit Scheinwerfern beleuchteten Gebäude gegenüber. Es ist die Fachwerkkirche, die man heute als Kleinod nur entdeckt, wenn man in den Ort läuft. Bis vor einigen Jahrzehnten hatte sie noch einen schiefen Turm, der Wasserwanderern als Orientierungspunkt diente. Doch der wurde irgendwann abgetragen.

Zurück am Yachthafen stellen wir fest, dass sich der Kiosk des Hafenmeisters in eine Art Kneipe verwandelt hat. Bier trinkende Leute, es wird palavert. „Na, habt ihr angelegt? Was sonst, oder?“, sagt Hafenmeister Horst, verlangt nach 18 Euro, 1,5 Euro je Schiffsmeter und schiebt zum Empfang zwei Fläschchen Kümmerling über den Tisch. Zurück an Bord unseres Hausbootes macht Sven sich daran, Bolognese zuzubereiten.

Schleusenschnack 

Der nächste Tag bringt die Begegnung mit Carsten Obst, einem braungebrannten Wärter an der Schleuse des Örtchens Strasen, die den Ellbogensee im Osten und den Pälitzsee im Westen verbindet. Er hat seinen Beruf 1980 in der DDR gelernt, als die Dienste des Schleusenwärters seitens der Skipper noch wie selbstverständlich mit Alkohol quittiert wurden. „Das war praktisch Pflicht, heute ist das sehr selten geworden“, sagt Obst. Er steht vor dem flachen Steinbau, dem Wärterhäuschen, unser Kahn wird in der Schleusenkammer von Strudeln umspült und hebt sich langsam. Obst genießt seinen Job: Ich wollte einen Beruf lernen, wo man an der frischen Luft ist. Das war mein Traum.“

Nun könnte seine Zunft bald aussterben, vielerorts wird auf Selbstbedienungsschleusen umgestellt, allein in Obsts Arbeitsbereich funktionieren schon fünf von elf automatisch. „Für viele Sportler ein Unding“, gerade beim Hochbetrieb im Sommer fehle der Schleusenwärter, um das hohe Aufkommen an Booten zu regulieren. Zum Abschied reicht Sven dem Mann eines unserer gekühlten Biere über die Reling.

Wir haben Glück mit dem Wetter, keine Wolke steht am Himmel. Auch eine Stunde später nicht als wir ein paar Kilometer weiter auf der Müritz-Havel-Wasserstraße an Kleinzerlang mit seinem schönen Naturstrand vorbeituckern und in den Hüttenkanal einbiegen, der uns zu den Rheinsberger Seen führen wird.

Der 1881 gebaute Kanal schlängelt sich – wieder auf brandenburgischer Seite – an der Marina Wolfsbruch bis zum Großen Prebelowsee entlang. Wie in einem Tunnelende das Licht, strahlt von vorn die schon tiefstehende Sonne auf die Wasserstraße. Die Bäume am Ufer finden sich lupenrein, nur kopfüber auf der spiegelglatten Wasseroberfläche wieder. Unser Bug pflügt sich gemächlich durch das Kunstwerk, zerstört es. Kleine Wellen schwappen schmatzend an die Uferbefestigung aus hölzernen Pfählen.

Empfanden die Flößer, die noch bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts ihrem Gewerk nachgingen, die Gegend auch als so romantisch? 1966 soll der letzte Flößer seine Ladung Holz bis zum Sägewerk Zechlinerhütte gebracht haben. Auch die Flößer mussten durch die Schleuse Wolfsbruch, die uns jetzt vor ein kleines Problem stellt, es ist unsere erste SB-Schleuse.

Kurs auf Schloss Rheinsberg 

Die Selbstbedienung an sich ist nicht das Problem, doch das punktgenaue Halten im Wartebereich, wo wir auf dem Hinweisschild nachlesen wollen, wie die Schleuse funktioniert. Bevor wir lesen können, dass man nur einen Hebel drehen muss, und warten, bis sich das Tor öffnet und die Ampel Grün zeigt, dreht sich unser Schiff in der Strömung quer und reißt mit dem Bugspriet beinahe den Hebel um. Doch mittels Bugstrahl und kühnen Gasstößen gelingt es Sven, die „Supreme“ zu beruhigen.

Dass die Gegend einmal vorrangig Wirtschaftswasserstraße war, davon zeugt noch der Schlot des alten Sägewerks, den wir am Westufer des Schlabornsees aus der Vegetation ragen sehen, bevor wir den Repenter Kanal Richtung Rheinsberg nach Süden weiter fahren. Im Großen Rheinsberger See umkreisen wir die halbmondförmige Remusinsel, auf der der „Alte Fritz“ seinen homophilen Neigungen insgeheim nachgegangen sein soll. Heute liegt ein Floß im Schilf, Angler halten ihre Angeln in seichte Ufer. Dann erreichen wir den Grienericksee – sozusagen den Wende- und Höhepunkt unserer Hausboottour.

Die letzten Strahlen des Tages lassen die Fenster von Schloss Rheinsberg golden erscheinen. Das Gebäude, in dem Friedrich II. als Kronprinz residierte, bevor er den Thron bestieg und zum „Alten Fritz“ wurde, wirkt in der Abendsonne nahezu pink. Er war es auch, ohne den wir unsere Tour gar nicht hätten machen können, denn der „Alte Fritz“ ließ das Seengebiet zur Wasserstraße einst erst ausbauen. Bekannt wurde das Rheinsberger Schloss, das nach dem Dreißigjährigen Krieg an der Stelle eines stark beschädigten Wasserschlosses erbaut wurde, auch durch Kurt Tucholskys Erzählung „Rheinsberg: Ein Bilderbuch für Verliebte“.

„Da könnt ihr aber nicht liegenbleiben!“, ruft Hafenmeister Dirk Westphal von seinem Hüttchen rüber, als wir in eine der letzten Lücken am Yachthafen der Reederei Halbeck manövrieren wollen. „Fahrt mal neben den grünen Klotz da.“ Beim Einparken sprudelt die Schiffschraube so stark, dass es den herbeigeeilten Hafenmeister fast vom Schwimmarm des Stegs wirft. Der hüpft hoch und ruft: „Da brauch ich ja Gummistiefel.“ Aber er lacht.

Dass unerfahrene Skipper wie wir etwas unbeholfen anlegen, kennt er nur zu gut. Westphal schätzt, dass rund die Hälfte der Wassertouristen, die das Residenzstädtchen im Jahr ansteuern, statt eines Bootsführerscheins nur eine Chartererlaubnis haben. Für den Tourismus ein Segen, so sieht es Westphal. Und die Sache hat sich herumgesprochen: „Vorher waren es fast nur Berliner, aber seit fünf, sechs Jahren kommen auch immer mehr Bayern, auch Österreicher.“

Wir gehen an Land, lassen am Hafen ein Café mit dem Namen „Tucholsky“ hinter uns und sitzen bald im „Zum Fischerhof“, wo lokaler Fisch wie Zander auf den Teller kommt, aber auch von weiter her zugekaufter wie Lachs. Wir streifen durch das nächtliche Rheinsberg und stellen fest: Viel los ist nicht, in dem barocken Städtchen, das wohl den besten Sanierungszustand seiner Geschichte erreicht hat. Unsere Einschätzung wird gleich an der nächsten Ecke relativiert: In einem leer geräumten Ecklokal steht ein DJ im Ultraviolett-Licht an einem Pult und macht sich warm. Angezogen werden wir dann von anderen Klängen: Orgelmusik. „Hallo, ist da jemand?“, ruft eine Frauenstimme von weiter oben, als wir die zentral gelegene Kirche St. Laurentius betreten. Offenbar per siebtem Sinn, vielleicht aber nur durch einen Luftzug hat die Organistin mitbekommen, dass wir da sind. „Wir hören nur ein bisschen zu“, sagt Sven.

Am Morgen bin ich der erste, der Spuren in den frisch geharkten Kies am Schloss setzt. Das denke ich zumindest, bis ich einen Jogger und eine Frau mit Hund entdecke, die an der Promenade flanieren, als seien sie dorthin bestellt, um dem Stillleben aus Statuen und Säulen einen lebendigen Gegenpol zu geben. Die Sonne wärmt schon, noch aber liegt der dem See zugewandte Hauptflügel im Schatten. Später wandern Sven und ich durch den Schlossgarten, der sich am südlichen Ende des Grienericksees erstreckt. Den Spaziergang sollte kein Rheinsberg-Besucher verpassen. Wer schlendert, braucht bis zum weithin sichtbaren Obelisken oberhalb des gegenüber liegenden Ufers rund eine halbe Stunde. Es gibt keinen besseren Blick auf Schloss, See und Stadt als von dem Denkmal aus.

Sternstunden zum Abschied 

Einer anderen Bautätigkeit aus dem Jahre 1880 ist zu verdanken, dass wir zum Mittagessen bei Fischer Wilhelm Gehrt im Uferrestaurant in Flecken Zechlin in der Sonne sitzen und köstlichen Hecht und Barsch auf den Tellern haben. Denn der
schmale Kanal, durch den wir nach dem Landgang unsere „Supreme“ in den einst isolierten Schwarzen See bugsieren, musste erst noch geschaffen werden.

Nach dem Mahl steigt Fischer Gehrt in seine Wathose und nimmt uns mit den Worten „Na, ob ich heute Abend oder Morgen früh nachsehe“ mit auf seinen Kahn, um die Reusen zu überprüfen. Bald holt er Meter um Meter ein. Die Reusen seien 70, 80 Meter lang, sagt er. Bis auf zwei Aale, ein paar kleine Barsche und ein paar Flusskrebse ist nichts in die Falle getappt. Das sei aber nicht immer so, sagt Gehrt.

Wieder das Steuerrad in der Hand, tuckern wir unserer letzten Nacht entgegen. Wir sind schon auf dem Rückweg nach Fürstenberg, wo wir das liebgewonnene Schiffchen abgeben müssen. Die halbe Strecke schaffen wir, bis die einbrechende Dunkelheit eine Weiterfahrt erneut verhindert. Keine Marina, kein Yachthafen ist in Sicht, nur das von Minute zu Minute dunkler werdende, dicht bewachsene Ufer des Tietzowsees. Ich drücke einen Knopf im Führerstand, und schon rasselt die Ankerkette vom Bugspriet in die Tiefe.

Es herrscht Totenstille, die bald von Topfklappern und anderen Kochgeräuschen durchbrochen wird. Nach dem Essen geht Sven an Deck. Von oben höre ich ein „Boah!“ und „Zieh dir mal den See rein!“ Ich klettere hinterher. Und sehe eine schwarze Fläche mit funkelnden Punkten. Die Sterne spiegeln sich in dem Wasser, die Milchstraße spannt sich wie ein glimmender Fallschirm über uns.

Sven verschwindet und kommt mit zwei Gläsern Whiskey zurück. Zu allem Überfluss schießt eine Sternschnuppe herab, knapp unterhalb einer Sternformation, die ich mit einer Handy-App als Kassiopeia identifiziere. Das Blätterwerk am Ufer raschelt in der aufgekommenen Brise leise, ab und an hüpft ein Fisch und durchbricht plätschernd die Wasseroberfläche.

Beim Duschen am nächsten Morgen flüchtet eine Haubentaucher, als ich die beschlagene Luke öffne. Ich beobachte das Uferschilf und lausche dem Vogelgezwitscher. Vögel sind es auch, die unsere Rückfahrt verzögern. Als wir in der Kammer der SB-Schleuse Wolfsbruch den Hebel betätigen, geht das Tor nicht auf. Auf der Fußgängerbrücke sind Passanten und Radwanderer stehen geblieben und schauen interessiert zu. Minuten vergehen. Sven dreht noch einmal den Hebel. Das Tor öffnet sich schließlich, und wir bekommen Applaus. Wie sich herausstellt, hatten sich einige Schwäne zu dicht vor der Schleusenöffnung die Zeit vertrieben und das Tor blockiert.

Aber Zeit ist auf dieser Tour bei um die neun Kilometer pro Stunde für uns ohnehin ein relativer Begriff geworden. Irgendwann gegen Mittag passieren wir noch die Schleuse Steinhavel, haben bald die Charter-Basis am Röblinsee in Sicht. Trotz Wind und Wellengang zirkelt sich die „Surpeme“ fast wie von selbst in die passgenaue Parklücke am Steg. Ob es erlerntes Können nach vier Tagen an Bord eines 11-Meter-Hausbootes ist? Oder der Effekt, der eintritt, wenn man entspannt ist – dass einem die Dinge leichter von der Hand gehen? Wahrscheinlich ist es eine Mischung aus beidem.

Ich stelle fest: Eine Tour mit einem Hausboot bewirkt etwas Modernes, weil es in die Zeit passt, in der den Menschen danach ist: Entschleunigung. Wir merken das noch einmal, als wir später wieder im Auto nach Berlin sitzen. Wir kommen uns vor wie in einem Rennwagen. Ich blicke auf den Tacho. Er zeigt aber nur 70, und wir werden andauernd von waghalsigen Autofahrern überholt.

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By |14,5 min read|2887 words|Published On: 2. Februar 2019|
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4 Tage: Fürstenberg (Havel) – Priepert – Rheinsberg – Flecken Zechlin – Fürstenberg (Havel) 

„Wer ist der Skipper?“, fragt Walter Kussmaul. „Ich“, sage ich und drehe den Zündschlüssel. Der 60-PS-Dieselmotor springt an, Kühlwasser beginnt aus den Öffnungen zurück in den See zu sprudeln. Langsam schiebt sich die „Supreme“ aus der Parklücke. Wir, das sind mein Mitreisender Sven und unser Einweiser Walter Kussmaul, tuckern los in Richtung alter Steinhavel, wo ein Wendemanöver auf engstem Raum geübt werden soll. Die Aktion ist ein Praxistest, bei dem wir beweisen müssen, dass wir auch ohne Sportbootschein in der Lage sind, einen 11,50-Meter-Kahn zu führen.

„Dreh am besten galant nach rechts“, sagt unser Einweiser, „das klappt besser wegen der rechtsdrehenden Schraube.“ Denn deren Laufrichtung bewirke, dass das Heck beim Rückwärtsfahren nach links driftet. Das hat einen entscheidenden Vorteil: Schlägt man das Ruder voll nach steuerbord ein, kann man es dort lassen und nur noch voraus und zurück fahren. Und siehe da: Das Wendemanöver klappt, und zur Not gibt es ja noch das Bugstrahlruder. Wir sind bereit.

Bootstour, Fürstenberg/Havel, Kleinseenplatte, Rheinsberg © Magazin Seenland
In der Fischerhütte Flecken Zechlin wird das verkauft, was Fischer Wilhelm Gehrt (r.) in den umliegenden Seen fängt.

Dass wir als unerfahrene Bootsführer ein vergleichsweise großes Schiff eigenverantwortlich fahren dürfen, macht die Charterbescheinigung möglich, die im Jahr 2000 eingeführt wurde. Sie berechtigt zum Führen eines maximal 15 Meter langen Bootes, das nicht schneller als zwölf Kilometer pro Stunde gefahren werden darf und wird nach einer ausführlichen Einweisung ausgestellt, die mindestens drei Stunden dauern muss.

Los geht die Tour beim Verleih River Boating Holidays in Fürstenberg (Havel), das Städtchen gilt als südliches Tor zur kleinen Seenplatte. Anbieter Walter Kussmaul hat es im Herbst 2015 zu einiger Fernsehbekanntheit gebracht, als er mit einem Hausboot in der VOX-Doku „Mein himmlisches Hotel“ (Special: Auf dem Wasser) vertreten war.

Komfort und moderne Technik

Die „Supreme“, ein über alles 11,50 Meter langes und 3,70 Meter breites Hausboot mit Schlafplätzen für maximal drei Personen, liegt im Röblinsee am Anleger der Charter-Basis. Der Bootskörper ist bis zum Deck in warmem Rot lackiert, der Aufbau ist weiß, einmal rundherum läuft ein dickes Tau, das dem Schiff einen klassischen Look gibt.

Verbaut aber ist moderne Technik: Die Ruderanlage funktioniert hydraulisch, die elektrische Ankerwinsch kann vom Steuerstand aus bedient werden, es gibt Satelliten-TV und leistungsfähige Bilgepumpen für den unwahrscheinlichen Fall einer Havarie mit Leck. Das Beste aber ist ein kleiner Joystick neben dem in Klarlack lackierten Holzsteuerrad: Mit ihm wird das Bugstrahlruder betätigt. Auch für genügend „Betriebsflüssigkeiten“ ist gesorgt, wie wir bei der Einweisung erfahren. „Diesel? Reicht für sechs Wochen“, sagt „River Boating“-Chef Walter Kussmaul. Der Frischwassertank fasst 800 Liter.

Kussmaul macht uns mit dem Boot vertraut, mit der Warmluftheizung, die selbst eine Düse für den Fußbereich am Steuerstand hat, mit der gesamten Technik. Er zeigt die beiden Kajüten, erklärt uns die wichtigsten Verkehrsregeln auf Wasser: „Rechts, rot, runter ist eure Faustregel.“ Wenn man zu Tal fährt, muss man die rote Tonne rechts liegen lassen, sonst droht man aufzusetzen. Über die Fließrichtung gibt die Sportschifffahrtskarte Auskunft. Auch erläutert der Basis-Betreiber, was zu tun ist, wenn jemand über Bord geht.

Die erste Schleuse wartet in der Steinhavel, …

… die sich ab dem Röblinsee in Richtung Nordwesten weiter schlängelt. Es ist 17 Uhr, in einer Stunde machen die Schleusenwärter Feierabend. Wir erreichen den Wartebereich für Sportboote und müssen aufstoppen. Wie gerade noch gelernt den Gashebel in den Leerlauf, kurz warten, dann kurz volle Kraft zurück, bis wir stehen.

Der Schleusenwärter winkt, wir passen gerade noch hinter ein Motorfloß. Sven hantiert mit einer der Leinen und führt sie durch einen eisernen Bügel der Schleusenmauer, um das Boot in der Kammer zu stabilisieren. Das Tor geht auf, und wir fahren weiter. Vorbei an Bootshäusern, teils romantische Bretterverschläge, die über dem Wasser zu schweben scheinen, teils verbastelte Schuppen mit Fertiggaragentoren und grinsenden Grafitti-Gesichtern.

Im Menowsee stellt sich das erste Mal ein Gefühl von Abgeschiedenheit ein, wie man sie sich in Deutschland nur schwer vorstellen kann – es sei denn, man kennt das schon, wie das auf den Binnengewässern im Osten der Republik an einem lauschigen Abend so sein kann. Die Sonne neigt sich, und kräftigt noch einmal die Farben der Wolkenschraffur. „Da brauchst du nicht nach Skandinavien fahren.“ Sven ist baff. Ich auch.

Bootstour, Fürstenberg/Havel, Kleinseenplatte, Rheinsberg © Magazin Seenland
Kultur-Highlight am Ufer: Schloss Rheinsberg.

Als sich in der Dämmerung der Ziernsee vor uns auftut, passieren wir die unsichtbare Grenze zwischen Brandenburg und Mecklenburg, nicht das letzte Mal auf dieser Tour. Bevor die Dunkelheit sich alles einverleibt, gleiten wir durch den Ellbogensee, der sich wegen seines im Knick schön gelegenen Campingplatzes einen Ruf vor allem unter jungen Familien Berlins erarbeitet hat. Wo sollen wir die Nacht verbringen?

Ein Hausboot hat in einer kleinen Bucht festgemacht, das schönste Plätzchen scheint besetzt. Im Schwarz der fast mondlosen Nacht würden wir die Ausfahrten des Sees kaum finden. Sven wirft einen Blick auf die Karte: „Der Yachthafen Priepert ist nicht weit.“ In einiger Entfernung sehen wir eine Ansammlung von Booten und orange glimmende Displays der Stromzapfsäulen.

Einparken für Anfänger

„Ok, römisch-katholisch einparken.“ Sven gefällt der Ausdruck, den unser Einweiser fallen ließ: Im vorwiegend katholischen Mittelmeerraum legten Boote mit dem Heck an. Doch so einfach ist das Rückwärtseinparken für nautische Novizen, wie wir sie sind, nicht. Die Trägheit der Schiffsmasse will kalkuliert sein, auch die Strömung. Auf den gewünschten Effekt, den man sich von einer Lenkbewegung oder einem Motorschub erhofft, muss man etwas warten.

Ich vergesse die Eigenheiten der rechtsdrehenden Schraube, und schon liegen wird diagonal in der Lücke. Zum Glück wartet ein Mann auf dem Steg und hilft beim Festmachen, als Sven ihm ein Tau und die Worte zuwirft: „Wir haben das noch nie gemacht.“ „Fürs Erste mal war das nicht schlecht“, entgegnet der Mann höflich und huscht wieder ins benachbarte Hausboot.

Wir gehen an Land und streunen durch den gottverlassenen Ort Priepert, ursprünglich ein Angerdorf mit Gutshaus auf der einen Seite und Kirche auf der anderen Seite als Begrenzung. Zwei Frauen stehen vor einem Wohnhaus und rauchen. Sie schrecken zusammen, als ich sie anspreche: „Gibt es hier eine Gaststätte?“ „Nee!“, sagt die eine und schüttelt so heftig den Kopf, als müsse sie sich für irgendetwas entschuldigen.

Ein paar Meter weiter stehen wir einem mit Scheinwerfern beleuchteten Gebäude gegenüber. Es ist die Fachwerkkirche, die man heute als Kleinod nur entdeckt, wenn man in den Ort läuft. Bis vor einigen Jahrzehnten hatte sie noch einen schiefen Turm, der Wasserwanderern als Orientierungspunkt diente. Doch der wurde irgendwann abgetragen.

Zurück am Yachthafen stellen wir fest, dass sich der Kiosk des Hafenmeisters in eine Art Kneipe verwandelt hat. Bier trinkende Leute, es wird palavert. „Na, habt ihr angelegt? Was sonst, oder?“, sagt Hafenmeister Horst, verlangt nach 18 Euro, 1,5 Euro je Schiffsmeter und schiebt zum Empfang zwei Fläschchen Kümmerling über den Tisch. Zurück an Bord unseres Hausbootes macht Sven sich daran, Bolognese zuzubereiten.

Schleusenschnack 

Der nächste Tag bringt die Begegnung mit Carsten Obst, einem braungebrannten Wärter an der Schleuse des Örtchens Strasen, die den Ellbogensee im Osten und den Pälitzsee im Westen verbindet. Er hat seinen Beruf 1980 in der DDR gelernt, als die Dienste des Schleusenwärters seitens der Skipper noch wie selbstverständlich mit Alkohol quittiert wurden. „Das war praktisch Pflicht, heute ist das sehr selten geworden“, sagt Obst. Er steht vor dem flachen Steinbau, dem Wärterhäuschen, unser Kahn wird in der Schleusenkammer von Strudeln umspült und hebt sich langsam. Obst genießt seinen Job: Ich wollte einen Beruf lernen, wo man an der frischen Luft ist. Das war mein Traum.“

Nun könnte seine Zunft bald aussterben, vielerorts wird auf Selbstbedienungsschleusen umgestellt, allein in Obsts Arbeitsbereich funktionieren schon fünf von elf automatisch. „Für viele Sportler ein Unding“, gerade beim Hochbetrieb im Sommer fehle der Schleusenwärter, um das hohe Aufkommen an Booten zu regulieren. Zum Abschied reicht Sven dem Mann eines unserer gekühlten Biere über die Reling.

Wir haben Glück mit dem Wetter, keine Wolke steht am Himmel. Auch eine Stunde später nicht als wir ein paar Kilometer weiter auf der Müritz-Havel-Wasserstraße an Kleinzerlang mit seinem schönen Naturstrand vorbeituckern und in den Hüttenkanal einbiegen, der uns zu den Rheinsberger Seen führen wird.

Der 1881 gebaute Kanal schlängelt sich – wieder auf brandenburgischer Seite – an der Marina Wolfsbruch bis zum Großen Prebelowsee entlang. Wie in einem Tunnelende das Licht, strahlt von vorn die schon tiefstehende Sonne auf die Wasserstraße. Die Bäume am Ufer finden sich lupenrein, nur kopfüber auf der spiegelglatten Wasseroberfläche wieder. Unser Bug pflügt sich gemächlich durch das Kunstwerk, zerstört es. Kleine Wellen schwappen schmatzend an die Uferbefestigung aus hölzernen Pfählen.

Empfanden die Flößer, die noch bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts ihrem Gewerk nachgingen, die Gegend auch als so romantisch? 1966 soll der letzte Flößer seine Ladung Holz bis zum Sägewerk Zechlinerhütte gebracht haben. Auch die Flößer mussten durch die Schleuse Wolfsbruch, die uns jetzt vor ein kleines Problem stellt, es ist unsere erste SB-Schleuse.

Kurs auf Schloss Rheinsberg 

Die Selbstbedienung an sich ist nicht das Problem, doch das punktgenaue Halten im Wartebereich, wo wir auf dem Hinweisschild nachlesen wollen, wie die Schleuse funktioniert. Bevor wir lesen können, dass man nur einen Hebel drehen muss, und warten, bis sich das Tor öffnet und die Ampel Grün zeigt, dreht sich unser Schiff in der Strömung quer und reißt mit dem Bugspriet beinahe den Hebel um. Doch mittels Bugstrahl und kühnen Gasstößen gelingt es Sven, die „Supreme“ zu beruhigen.

Dass die Gegend einmal vorrangig Wirtschaftswasserstraße war, davon zeugt noch der Schlot des alten Sägewerks, den wir am Westufer des Schlabornsees aus der Vegetation ragen sehen, bevor wir den Repenter Kanal Richtung Rheinsberg nach Süden weiter fahren. Im Großen Rheinsberger See umkreisen wir die halbmondförmige Remusinsel, auf der der „Alte Fritz“ seinen homophilen Neigungen insgeheim nachgegangen sein soll. Heute liegt ein Floß im Schilf, Angler halten ihre Angeln in seichte Ufer. Dann erreichen wir den Grienericksee – sozusagen den Wende- und Höhepunkt unserer Hausboottour.

Die letzten Strahlen des Tages lassen die Fenster von Schloss Rheinsberg golden erscheinen. Das Gebäude, in dem Friedrich II. als Kronprinz residierte, bevor er den Thron bestieg und zum „Alten Fritz“ wurde, wirkt in der Abendsonne nahezu pink. Er war es auch, ohne den wir unsere Tour gar nicht hätten machen können, denn der „Alte Fritz“ ließ das Seengebiet zur Wasserstraße einst erst ausbauen. Bekannt wurde das Rheinsberger Schloss, das nach dem Dreißigjährigen Krieg an der Stelle eines stark beschädigten Wasserschlosses erbaut wurde, auch durch Kurt Tucholskys Erzählung „Rheinsberg: Ein Bilderbuch für Verliebte“.

„Da könnt ihr aber nicht liegenbleiben!“, ruft Hafenmeister Dirk Westphal von seinem Hüttchen rüber, als wir in eine der letzten Lücken am Yachthafen der Reederei Halbeck manövrieren wollen. „Fahrt mal neben den grünen Klotz da.“ Beim Einparken sprudelt die Schiffschraube so stark, dass es den herbeigeeilten Hafenmeister fast vom Schwimmarm des Stegs wirft. Der hüpft hoch und ruft: „Da brauch ich ja Gummistiefel.“ Aber er lacht.

Dass unerfahrene Skipper wie wir etwas unbeholfen anlegen, kennt er nur zu gut. Westphal schätzt, dass rund die Hälfte der Wassertouristen, die das Residenzstädtchen im Jahr ansteuern, statt eines Bootsführerscheins nur eine Chartererlaubnis haben. Für den Tourismus ein Segen, so sieht es Westphal. Und die Sache hat sich herumgesprochen: „Vorher waren es fast nur Berliner, aber seit fünf, sechs Jahren kommen auch immer mehr Bayern, auch Österreicher.“

Wir gehen an Land, lassen am Hafen ein Café mit dem Namen „Tucholsky“ hinter uns und sitzen bald im „Zum Fischerhof“, wo lokaler Fisch wie Zander auf den Teller kommt, aber auch von weiter her zugekaufter wie Lachs. Wir streifen durch das nächtliche Rheinsberg und stellen fest: Viel los ist nicht, in dem barocken Städtchen, das wohl den besten Sanierungszustand seiner Geschichte erreicht hat. Unsere Einschätzung wird gleich an der nächsten Ecke relativiert: In einem leer geräumten Ecklokal steht ein DJ im Ultraviolett-Licht an einem Pult und macht sich warm. Angezogen werden wir dann von anderen Klängen: Orgelmusik. „Hallo, ist da jemand?“, ruft eine Frauenstimme von weiter oben, als wir die zentral gelegene Kirche St. Laurentius betreten. Offenbar per siebtem Sinn, vielleicht aber nur durch einen Luftzug hat die Organistin mitbekommen, dass wir da sind. „Wir hören nur ein bisschen zu“, sagt Sven.

Am Morgen bin ich der erste, der Spuren in den frisch geharkten Kies am Schloss setzt. Das denke ich zumindest, bis ich einen Jogger und eine Frau mit Hund entdecke, die an der Promenade flanieren, als seien sie dorthin bestellt, um dem Stillleben aus Statuen und Säulen einen lebendigen Gegenpol zu geben. Die Sonne wärmt schon, noch aber liegt der dem See zugewandte Hauptflügel im Schatten. Später wandern Sven und ich durch den Schlossgarten, der sich am südlichen Ende des Grienericksees erstreckt. Den Spaziergang sollte kein Rheinsberg-Besucher verpassen. Wer schlendert, braucht bis zum weithin sichtbaren Obelisken oberhalb des gegenüber liegenden Ufers rund eine halbe Stunde. Es gibt keinen besseren Blick auf Schloss, See und Stadt als von dem Denkmal aus.

Sternstunden zum Abschied 

Einer anderen Bautätigkeit aus dem Jahre 1880 ist zu verdanken, dass wir zum Mittagessen bei Fischer Wilhelm Gehrt im Uferrestaurant in Flecken Zechlin in der Sonne sitzen und köstlichen Hecht und Barsch auf den Tellern haben. Denn der
schmale Kanal, durch den wir nach dem Landgang unsere „Supreme“ in den einst isolierten Schwarzen See bugsieren, musste erst noch geschaffen werden.

Nach dem Mahl steigt Fischer Gehrt in seine Wathose und nimmt uns mit den Worten „Na, ob ich heute Abend oder Morgen früh nachsehe“ mit auf seinen Kahn, um die Reusen zu überprüfen. Bald holt er Meter um Meter ein. Die Reusen seien 70, 80 Meter lang, sagt er. Bis auf zwei Aale, ein paar kleine Barsche und ein paar Flusskrebse ist nichts in die Falle getappt. Das sei aber nicht immer so, sagt Gehrt.

Wieder das Steuerrad in der Hand, tuckern wir unserer letzten Nacht entgegen. Wir sind schon auf dem Rückweg nach Fürstenberg, wo wir das liebgewonnene Schiffchen abgeben müssen. Die halbe Strecke schaffen wir, bis die einbrechende Dunkelheit eine Weiterfahrt erneut verhindert. Keine Marina, kein Yachthafen ist in Sicht, nur das von Minute zu Minute dunkler werdende, dicht bewachsene Ufer des Tietzowsees. Ich drücke einen Knopf im Führerstand, und schon rasselt die Ankerkette vom Bugspriet in die Tiefe.

Es herrscht Totenstille, die bald von Topfklappern und anderen Kochgeräuschen durchbrochen wird. Nach dem Essen geht Sven an Deck. Von oben höre ich ein „Boah!“ und „Zieh dir mal den See rein!“ Ich klettere hinterher. Und sehe eine schwarze Fläche mit funkelnden Punkten. Die Sterne spiegeln sich in dem Wasser, die Milchstraße spannt sich wie ein glimmender Fallschirm über uns.

Sven verschwindet und kommt mit zwei Gläsern Whiskey zurück. Zu allem Überfluss schießt eine Sternschnuppe herab, knapp unterhalb einer Sternformation, die ich mit einer Handy-App als Kassiopeia identifiziere. Das Blätterwerk am Ufer raschelt in der aufgekommenen Brise leise, ab und an hüpft ein Fisch und durchbricht plätschernd die Wasseroberfläche.

Beim Duschen am nächsten Morgen flüchtet eine Haubentaucher, als ich die beschlagene Luke öffne. Ich beobachte das Uferschilf und lausche dem Vogelgezwitscher. Vögel sind es auch, die unsere Rückfahrt verzögern. Als wir in der Kammer der SB-Schleuse Wolfsbruch den Hebel betätigen, geht das Tor nicht auf. Auf der Fußgängerbrücke sind Passanten und Radwanderer stehen geblieben und schauen interessiert zu. Minuten vergehen. Sven dreht noch einmal den Hebel. Das Tor öffnet sich schließlich, und wir bekommen Applaus. Wie sich herausstellt, hatten sich einige Schwäne zu dicht vor der Schleusenöffnung die Zeit vertrieben und das Tor blockiert.

Aber Zeit ist auf dieser Tour bei um die neun Kilometer pro Stunde für uns ohnehin ein relativer Begriff geworden. Irgendwann gegen Mittag passieren wir noch die Schleuse Steinhavel, haben bald die Charter-Basis am Röblinsee in Sicht. Trotz Wind und Wellengang zirkelt sich die „Surpeme“ fast wie von selbst in die passgenaue Parklücke am Steg. Ob es erlerntes Können nach vier Tagen an Bord eines 11-Meter-Hausbootes ist? Oder der Effekt, der eintritt, wenn man entspannt ist – dass einem die Dinge leichter von der Hand gehen? Wahrscheinlich ist es eine Mischung aus beidem.

Ich stelle fest: Eine Tour mit einem Hausboot bewirkt etwas Modernes, weil es in die Zeit passt, in der den Menschen danach ist: Entschleunigung. Wir merken das noch einmal, als wir später wieder im Auto nach Berlin sitzen. Wir kommen uns vor wie in einem Rennwagen. Ich blicke auf den Tacho. Er zeigt aber nur 70, und wir werden andauernd von waghalsigen Autofahrern überholt.

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