Familientörn – Einmal Elbe und zurück

By |9,3 min read|1813 words|Published On: 5. Oktober 2018|
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Bootstörn – von Berlin über Brandenburg/Havel, Tangermünde, Havelberg und Rathenow

„Hoffentlich akzeptiert er die Rettungsweste.“ Das ist meine größte Sorge vor unserer ersten Bootstour als junge Familie. Unsere Familie, das sind ich und mein Mann Martin und „er“, unser Sohn Ben. Außerdem begleiten uns zwei gute Freunde und erfahrene Freizeitkapitäne – Christoph und Daniel. Von einem bereits länger zurückliegenden Bootstörn – damals noch ohne Kind – wissen wir: Hausbootfahren ist die pure Entschleunigung, Erholung satt und Natur erleben – ohne Stress und Hektik. Wie sich das allerdings mit einem Zweieinhalbjährigen an Bord vertragen soll, der eigentlich nie still sitzt und einen immerwährenden Entdeckungsdrang verspürt, ist zu Beginn der Reise noch unvorstellbar. Andererseits: Wo gibt es mehr zu entdecken als bei einer Bootsfahrt?

So beginnt unser Törn an der Marina Lanke in Berlin-Spandau. Zunächst gilt es das Boot zu „entdecken“. Die etwas ältere „Heruler“ ist gut in Schuss: Mit vier Doppel-Schlafplätzen, einem großen Essbereich mit Kochzeile, einem Bad und einer separaten Schrank-Toilette bietet das Gefährt ausreichend Platz für bis zu acht Personen. Die Panorama-Verglasung im Salon ermöglicht rundum eine sehr gute Aussicht und das Sonnendeck mit Steuerstand nebst Sonnensegel ist das Highlight des Schiffes. Es wird für den Rest des Urlaubs unser Lieblingsplatz.

Mit Kleinkind an Bord

Als wir nach der ersten Inspektion endlich ablegen, ist auf Havel und Wannsee reger Betrieb. Das tolle Wetter hat viele Segelbootsportler aufs Wasser gezogen. Wir lernen: Segelboote haben stets Vorfahrt. Das bedeutet, dass wir uns sehr aufmerksam einen Weg bahnen müssen. In Ufernähe sind tendenziell weniger Segler unterwegs und so kommen wir gut voran und erleben ein Drachenbootrennen aus der Nähe, passieren den Grunewaldturm, das Strandbad Wannsee aus der Ferne sowie die Pfaueninsel.

Unser Hausboot „Heruler“ vertäut im Elbhafen von Arneburg.

Nach dem aufregenden Vormittag genießt unser Sohn den ersten Mittagsschlaf an Bord. Geweckt wird er durch den Duft eines leckeren Essens, dass ich zwischenzeitlich in der Kombüse zubereitet habe: Schweinefilet in Rotwein-Balsamico-Soße mit Salat-Kartoffelstampf. Alle sind begeistert und gestärkt für die Weiterfahrt. Am Nachmittag lernt Ben schnell die wichtigsten Dinge auf dem Wasser kennen. Die roten und grünen Ballons im Wasser heißen Bojen, die weißen und blauen Ballons am Boot sind die Fender. Am meisten begeistern ihn jedoch die Seile an Bord, mit denen er interessiert spielt, solange sie nicht zum Anlegen oder Schleusen gebraucht werden.

Vorbei am beschaulichen Sacrow fah­ren wir den Sacrow-Paretzer-Kanal entlang bis nach Ketzin. Von nun an windet sich die Havel in weiten Bögen und teilt sich zuweilen um kleine Inseln herum. Eine malerische Landschaft: Längs der Ufer baden und picknicken Familien, Angler werfen ihre Routen aus und Pferde weiden unter schattenspendenden Bäumen. Brandenburg an der Havel, wo wir im Hafen „Havel Marin“ nächtigen. Die Anlage ist sehr gepflegt und überall verbreiten Palmen ein Karibik-Feeling, dafür sind die Preise auch etwas gehoben. Der späte Nachmittag wird für einen Spaziergang rund um die schöne Brandenburger Altstadt genutzt.

52 Kilometer großer Strom

Am frühen Morgen werden wir vom Sonnenschein geweckt. Die nächste Einkaufsmöglichkeit ist fußläufig nur fünf Minuten vom Hafen entfernt. Es gibt einen Supermarkt, einen Bäcker und einen Fleischer. Wir decken uns für die nächsten Tage mit Lebensmitteln ein. Gestärkt­ von einem ordentlichen Frühstück sehen wir dem ersten Höhepunkt des Tages entgegen: Die Vorstadtschleuse kann kommen. Das Schleusen geht erfreulich schnell und schon sind wir wieder auf Kurs. Über den Plauer See und Wendsee erreichen wir die zweite Schleuse unseres Törns: An der Schleuse Wusterwitz warten bereits mehrere Sportboote und zwei Frachtkähne auf die nächste Schleusung. Eine zweite Schleusenkammer befindet sich hier im Bau. Wir nutzen die Wartezeit für eine kleine Brotzeit bei strahlendem Sonnenschein auf dem Oberdeck.

Ben erklärt sich das Bergaufschleusen wie die heimische Badewanne: Erst geht das eine Schleusentor zu, dann läuft die Badewanne für Boote voll. Dann öffnet sich das zweite Schleusentor und alle Boote können wieder hinausfahren. Beim Bergabschleusen wird entsprechend der Stöpsel aus der Badewanne gezogen und das Wasser läuft wieder heraus.

Über den Elbe-Havel-Kanal geht es weiter durch Genthin. Der Pareyer Verbindungskanal bringt uns zur Schleuse Parey. Dort möchte Ben unbedingt beim Schleusen mithelfen. Auf dem Oberdeck nimmt er sich ein Seil und macht das Boot damit fest, dass er es von der einen Seite der Reeling zur anderen spannt. Das hilft dem geübten Skipper zwar nicht, aber Ben findet es toll. Die Attraktion der Schleuse ist das sogenannte Hubschwenktor, unter dem wir aus der Schleuse herausfahren. Ein Höhepunkt jagt den nächsten und plötzlich erstreckt sich vor uns die Elbe. Wir machen sie für die nächsten Kilometer zu unserem Fluss, der erstaunlicherweise nicht so reißend ist, wie wir es zunächst erwartet hatten. Das Navigieren ist, anders als auf den Kanälen Brandenburgs, trickreich, da man an den entsprechenden Wechselzeichen stets von der einen Uferseite der Elbe zur anderen navigieren muss. Was wie ein Schlingerkurs aussieht, ist also zwingend erforderlich, um der Gefahr zu entgehen, auf eine Sandbank zu laufen. Als erfahrener Skipper bringt uns Christoph sicher an den naturbelassenen Ufern vorbei. Dort sehen wir Graureiher, Steinadler und viele Enten. Aber auch Schafe, Pferde und Büffel weiden an den Ufern.

Wie aus dem Nichts tauchen vor uns die ersten Türme und Häuser von Tangermünde auf. Am Gäste-Anleger des Tangermünder Wassersportvereins machen wir fest für die Nacht. Nach einem gekonnten Anlegemanöver mit Bens Unterstützung gehen wir von Bord, um die Stadt zu erkunden. Im Tourismusbüro am alten Marktplatz erfahren wir, dass in wenigen Minuten ein Stadtrundgang startet. Spontan beschließen wir daran teilzunehmen und gesellen uns zu den etwa 15 anderen Teilnehmern. Für einen Montagabend außerhalb der Hauptsaison ist die Stadt gut besucht. Der Stadtrundgang ist kurzweilig und die Stadtführerin erklärt uns die Geschichte der Stadt anhand der Gebäude. „Ein Ritter kam aus Tangermünde.“ Ein einfacher Satz, mit dem die Geschichte der Stadt im Jahre 1009 erstmals dokumentiert wurde. Der Rundgang endet nach zwei Stunden in der Nähe des Schlosses, das einen fabelhaften Ausblick auf Stadt und Land bietet.

Unterwegs in der Altmark

Nach einer geruhsamen Nacht setzen wir am nächsten Tag unseren Törn fort. Ein kurzes Stück weiter die Elbe entlang liegt Arneburg. Erst fahren wir an dem beschaulichen Städtchen vorbei, entscheiden dann aber kurzerhand umzudrehen und eine kleine Rast einzulegen. Der Hafenmeister ist sehr freundlich und lädt uns zu einem Plausch ein. Der Hafen wurde 2004 fertiggestellt und ist nun im Besitz einer Einheimischen. Der Aufstieg hoch nach Arneburg und zur ältesten Kirche der Altmark ist mit Kinderwagen beschwerlich. Dafür wird man mit einem fantastischen Rundumblick belohnt. Auf dem Rückweg kaufen wir beim Bäcker Herre ein paar Stück Kuchen für den Nachmittagskaffee.

Als wir weiterfahren, zieht auf der Elbe ein Gewitter auf. Alle verziehen sich in den Salon und der dortige Steuerstand kommt zum ersten Mal zum Einsatz. Die Zeit drinnen wird genutzt, um herauszufinden, was eigentlich der Bootsname „Heruler“ bedeutet. Die Internetverbindung mit dem Smartphone ist für die zivilisationsbefreite Landschaft erstaunlich gut, sodass Wikipedia Auskunft geben kann: ostgermanischer Stamm im dritten Jahrhundert nach Christus. Was das allerdings mit Hausbootfahren zu tun hat, kann uns Wikipedia nicht verraten.

Als das Wetter wieder besser wird, biegen wir in den Schleusenkanal Richtung Havelberg ein und lassen uns zur Stadt schleusen. Die Aussicht vom Schiff ist herrlich und wir sehen schon vom Hafen aus den Dom von Havelberg. Mitten im Kanal ist eine Fontäne, die das Wasser zehn Meter hoch in die Luft wirft. Ben ist von dem großen Springbrunnen begeistert.
Eigentlich wären Havelberg und sein Dom einen Aufenthalt wert. Aber diesmal entscheiden wir uns gegen Kultur und Geschichte und für den Spielspaß unseres kleinsten Crewmitglieds.

Zwei Schleusen liegen noch vor uns, bis wir unser nächstes Ziel, die Stadt
Rathenow, erreichen: Schleuse Garz und Schleuse Grütz. Das klingt nicht nur verwandt, beide Schleusen ähneln sich auch insoweit, als dass sie aus Rathenow ferngesteuert werden. Der dortige Landschaftspark „Optikpark“ hat einen eigenen Anleger. Wir haben großes Glück und ergattern einen der zwei Anlegeplätze. Der Optikpark entstand 2006 im Rahmen der Landesgartenschau. Farben und optische Phänomene stehen im Mittelpunkt des Parks, der auch für Kinder eine Menge bietet: diverse Spielplätze und ein kleines Tiergehege. Die „Großen“ können in begehbaren Farbhäusern, auf dem Parkfloß und in den weitläufigen Parkanlagen Entspannung finden. Farbprächtige Blumen, Stauden und was die Natur noch so bietet bereiten einen angenehmen Aufenthalt. Nach dem Parkbesuch machen wir noch einen kleinen Rundgang durch die Stadt. Am alten Hafen gleich hinter der Stadtschleuse entdecken wir das wohl eigenwilligste Denkmal der Stadt: Der sogenannte Schleusenspucker spuckt im Sekundentakt Wasser aus dem Mund in die Schleuse.

Auf unserer Weiterfahrt nehmen wir die Hauptstadtschleuse, um die Stadt zu verlassen. Die Havel führt uns an Premnitz vorbei in die untere Havel-Wasserstraße. Am Plauener See sind wir wieder auf dem Kurs, den wir auch bereits auf dem Hinweg hatten. Wir fahren durch Brandenburg, auf dem Silokanal, dann wieder entlang der Unteren Havel-Wasserstraße bis nach Ketzin. Das beschauliche Städtchen ist es wert, mindestens eine Nacht zu bleiben. In der Nähe von Ketzin liegt auch das Schloss Paretz, dass sich gut für einen Ausflug abseits des Wassers anbietet. Ketzin bietet einige Restaurants. Im Redo XXL bestellen wir selbstsicher tellergroße Burger. Für alle am Tisch ein großer Spaß. Die kulinarische Bewertung jedoch fällt gemischt aus.

Über die Potsdamer Havel geht es nach Werder. Dort machen wir einen Abstecher auf den Glindower See, wo wir am Anleger des Frucht-Erlebnis-Garten Petzow einen letzten Halt einlegen. Wir kaufen frisches Obst und stärken uns mit einem leckeren Mittagessen in der Orangerie. Über Schwielowsee an Caputh vorbei geht es dann auf den Templiner See Richtung Potsdam. Über den Wannsee nähern wir uns wieder unserem Ausgangspunkt, der Marina Lanke. Als wir das Boot zurückgeben und sich damit auch Ben von der Rettungsweste trennen soll, lässt er dies nur sehr wiederwillig zu. Mit dem Satz „Der Kapitän trägt immer die Rettungsweste“ hatte er die Weste zu Beginn der Reise zwar nur fürs erste akzeptiert. Als er dann jedoch die Pfeife daran entdeckt hatte, war er so begeistert, dass er die Wes-te zum selbstverständlichen Accessoire für die ganze Fahrt machte. Am Schluss der Reise wäre er natürlich gern noch etwas länger Kapitän gewesen, sodass wir dem nächsten Bootstörn entspannt entgegensehen.

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Bootstörn – von Berlin über Brandenburg/Havel, Tangermünde, Havelberg und Rathenow

„Hoffentlich akzeptiert er die Rettungsweste.“ Das ist meine größte Sorge vor unserer ersten Bootstour als junge Familie. Unsere Familie, das sind ich und mein Mann Martin und „er“, unser Sohn Ben. Außerdem begleiten uns zwei gute Freunde und erfahrene Freizeitkapitäne – Christoph und Daniel. Von einem bereits länger zurückliegenden Bootstörn – damals noch ohne Kind – wissen wir: Hausbootfahren ist die pure Entschleunigung, Erholung satt und Natur erleben – ohne Stress und Hektik. Wie sich das allerdings mit einem Zweieinhalbjährigen an Bord vertragen soll, der eigentlich nie still sitzt und einen immerwährenden Entdeckungsdrang verspürt, ist zu Beginn der Reise noch unvorstellbar. Andererseits: Wo gibt es mehr zu entdecken als bei einer Bootsfahrt?

So beginnt unser Törn an der Marina Lanke in Berlin-Spandau. Zunächst gilt es das Boot zu „entdecken“. Die etwas ältere „Heruler“ ist gut in Schuss: Mit vier Doppel-Schlafplätzen, einem großen Essbereich mit Kochzeile, einem Bad und einer separaten Schrank-Toilette bietet das Gefährt ausreichend Platz für bis zu acht Personen. Die Panorama-Verglasung im Salon ermöglicht rundum eine sehr gute Aussicht und das Sonnendeck mit Steuerstand nebst Sonnensegel ist das Highlight des Schiffes. Es wird für den Rest des Urlaubs unser Lieblingsplatz.

Mit Kleinkind an Bord

Als wir nach der ersten Inspektion endlich ablegen, ist auf Havel und Wannsee reger Betrieb. Das tolle Wetter hat viele Segelbootsportler aufs Wasser gezogen. Wir lernen: Segelboote haben stets Vorfahrt. Das bedeutet, dass wir uns sehr aufmerksam einen Weg bahnen müssen. In Ufernähe sind tendenziell weniger Segler unterwegs und so kommen wir gut voran und erleben ein Drachenbootrennen aus der Nähe, passieren den Grunewaldturm, das Strandbad Wannsee aus der Ferne sowie die Pfaueninsel.

Unser Hausboot „Heruler“ vertäut im Elbhafen von Arneburg.

Nach dem aufregenden Vormittag genießt unser Sohn den ersten Mittagsschlaf an Bord. Geweckt wird er durch den Duft eines leckeren Essens, dass ich zwischenzeitlich in der Kombüse zubereitet habe: Schweinefilet in Rotwein-Balsamico-Soße mit Salat-Kartoffelstampf. Alle sind begeistert und gestärkt für die Weiterfahrt. Am Nachmittag lernt Ben schnell die wichtigsten Dinge auf dem Wasser kennen. Die roten und grünen Ballons im Wasser heißen Bojen, die weißen und blauen Ballons am Boot sind die Fender. Am meisten begeistern ihn jedoch die Seile an Bord, mit denen er interessiert spielt, solange sie nicht zum Anlegen oder Schleusen gebraucht werden.

Vorbei am beschaulichen Sacrow fah­ren wir den Sacrow-Paretzer-Kanal entlang bis nach Ketzin. Von nun an windet sich die Havel in weiten Bögen und teilt sich zuweilen um kleine Inseln herum. Eine malerische Landschaft: Längs der Ufer baden und picknicken Familien, Angler werfen ihre Routen aus und Pferde weiden unter schattenspendenden Bäumen. Brandenburg an der Havel, wo wir im Hafen „Havel Marin“ nächtigen. Die Anlage ist sehr gepflegt und überall verbreiten Palmen ein Karibik-Feeling, dafür sind die Preise auch etwas gehoben. Der späte Nachmittag wird für einen Spaziergang rund um die schöne Brandenburger Altstadt genutzt.

52 Kilometer großer Strom

Am frühen Morgen werden wir vom Sonnenschein geweckt. Die nächste Einkaufsmöglichkeit ist fußläufig nur fünf Minuten vom Hafen entfernt. Es gibt einen Supermarkt, einen Bäcker und einen Fleischer. Wir decken uns für die nächsten Tage mit Lebensmitteln ein. Gestärkt­ von einem ordentlichen Frühstück sehen wir dem ersten Höhepunkt des Tages entgegen: Die Vorstadtschleuse kann kommen. Das Schleusen geht erfreulich schnell und schon sind wir wieder auf Kurs. Über den Plauer See und Wendsee erreichen wir die zweite Schleuse unseres Törns: An der Schleuse Wusterwitz warten bereits mehrere Sportboote und zwei Frachtkähne auf die nächste Schleusung. Eine zweite Schleusenkammer befindet sich hier im Bau. Wir nutzen die Wartezeit für eine kleine Brotzeit bei strahlendem Sonnenschein auf dem Oberdeck.

Ben erklärt sich das Bergaufschleusen wie die heimische Badewanne: Erst geht das eine Schleusentor zu, dann läuft die Badewanne für Boote voll. Dann öffnet sich das zweite Schleusentor und alle Boote können wieder hinausfahren. Beim Bergabschleusen wird entsprechend der Stöpsel aus der Badewanne gezogen und das Wasser läuft wieder heraus.

Über den Elbe-Havel-Kanal geht es weiter durch Genthin. Der Pareyer Verbindungskanal bringt uns zur Schleuse Parey. Dort möchte Ben unbedingt beim Schleusen mithelfen. Auf dem Oberdeck nimmt er sich ein Seil und macht das Boot damit fest, dass er es von der einen Seite der Reeling zur anderen spannt. Das hilft dem geübten Skipper zwar nicht, aber Ben findet es toll. Die Attraktion der Schleuse ist das sogenannte Hubschwenktor, unter dem wir aus der Schleuse herausfahren. Ein Höhepunkt jagt den nächsten und plötzlich erstreckt sich vor uns die Elbe. Wir machen sie für die nächsten Kilometer zu unserem Fluss, der erstaunlicherweise nicht so reißend ist, wie wir es zunächst erwartet hatten. Das Navigieren ist, anders als auf den Kanälen Brandenburgs, trickreich, da man an den entsprechenden Wechselzeichen stets von der einen Uferseite der Elbe zur anderen navigieren muss. Was wie ein Schlingerkurs aussieht, ist also zwingend erforderlich, um der Gefahr zu entgehen, auf eine Sandbank zu laufen. Als erfahrener Skipper bringt uns Christoph sicher an den naturbelassenen Ufern vorbei. Dort sehen wir Graureiher, Steinadler und viele Enten. Aber auch Schafe, Pferde und Büffel weiden an den Ufern.

Wie aus dem Nichts tauchen vor uns die ersten Türme und Häuser von Tangermünde auf. Am Gäste-Anleger des Tangermünder Wassersportvereins machen wir fest für die Nacht. Nach einem gekonnten Anlegemanöver mit Bens Unterstützung gehen wir von Bord, um die Stadt zu erkunden. Im Tourismusbüro am alten Marktplatz erfahren wir, dass in wenigen Minuten ein Stadtrundgang startet. Spontan beschließen wir daran teilzunehmen und gesellen uns zu den etwa 15 anderen Teilnehmern. Für einen Montagabend außerhalb der Hauptsaison ist die Stadt gut besucht. Der Stadtrundgang ist kurzweilig und die Stadtführerin erklärt uns die Geschichte der Stadt anhand der Gebäude. „Ein Ritter kam aus Tangermünde.“ Ein einfacher Satz, mit dem die Geschichte der Stadt im Jahre 1009 erstmals dokumentiert wurde. Der Rundgang endet nach zwei Stunden in der Nähe des Schlosses, das einen fabelhaften Ausblick auf Stadt und Land bietet.

Unterwegs in der Altmark

Nach einer geruhsamen Nacht setzen wir am nächsten Tag unseren Törn fort. Ein kurzes Stück weiter die Elbe entlang liegt Arneburg. Erst fahren wir an dem beschaulichen Städtchen vorbei, entscheiden dann aber kurzerhand umzudrehen und eine kleine Rast einzulegen. Der Hafenmeister ist sehr freundlich und lädt uns zu einem Plausch ein. Der Hafen wurde 2004 fertiggestellt und ist nun im Besitz einer Einheimischen. Der Aufstieg hoch nach Arneburg und zur ältesten Kirche der Altmark ist mit Kinderwagen beschwerlich. Dafür wird man mit einem fantastischen Rundumblick belohnt. Auf dem Rückweg kaufen wir beim Bäcker Herre ein paar Stück Kuchen für den Nachmittagskaffee.

Als wir weiterfahren, zieht auf der Elbe ein Gewitter auf. Alle verziehen sich in den Salon und der dortige Steuerstand kommt zum ersten Mal zum Einsatz. Die Zeit drinnen wird genutzt, um herauszufinden, was eigentlich der Bootsname „Heruler“ bedeutet. Die Internetverbindung mit dem Smartphone ist für die zivilisationsbefreite Landschaft erstaunlich gut, sodass Wikipedia Auskunft geben kann: ostgermanischer Stamm im dritten Jahrhundert nach Christus. Was das allerdings mit Hausbootfahren zu tun hat, kann uns Wikipedia nicht verraten.

Als das Wetter wieder besser wird, biegen wir in den Schleusenkanal Richtung Havelberg ein und lassen uns zur Stadt schleusen. Die Aussicht vom Schiff ist herrlich und wir sehen schon vom Hafen aus den Dom von Havelberg. Mitten im Kanal ist eine Fontäne, die das Wasser zehn Meter hoch in die Luft wirft. Ben ist von dem großen Springbrunnen begeistert.
Eigentlich wären Havelberg und sein Dom einen Aufenthalt wert. Aber diesmal entscheiden wir uns gegen Kultur und Geschichte und für den Spielspaß unseres kleinsten Crewmitglieds.

Zwei Schleusen liegen noch vor uns, bis wir unser nächstes Ziel, die Stadt
Rathenow, erreichen: Schleuse Garz und Schleuse Grütz. Das klingt nicht nur verwandt, beide Schleusen ähneln sich auch insoweit, als dass sie aus Rathenow ferngesteuert werden. Der dortige Landschaftspark „Optikpark“ hat einen eigenen Anleger. Wir haben großes Glück und ergattern einen der zwei Anlegeplätze. Der Optikpark entstand 2006 im Rahmen der Landesgartenschau. Farben und optische Phänomene stehen im Mittelpunkt des Parks, der auch für Kinder eine Menge bietet: diverse Spielplätze und ein kleines Tiergehege. Die „Großen“ können in begehbaren Farbhäusern, auf dem Parkfloß und in den weitläufigen Parkanlagen Entspannung finden. Farbprächtige Blumen, Stauden und was die Natur noch so bietet bereiten einen angenehmen Aufenthalt. Nach dem Parkbesuch machen wir noch einen kleinen Rundgang durch die Stadt. Am alten Hafen gleich hinter der Stadtschleuse entdecken wir das wohl eigenwilligste Denkmal der Stadt: Der sogenannte Schleusenspucker spuckt im Sekundentakt Wasser aus dem Mund in die Schleuse.

Auf unserer Weiterfahrt nehmen wir die Hauptstadtschleuse, um die Stadt zu verlassen. Die Havel führt uns an Premnitz vorbei in die untere Havel-Wasserstraße. Am Plauener See sind wir wieder auf dem Kurs, den wir auch bereits auf dem Hinweg hatten. Wir fahren durch Brandenburg, auf dem Silokanal, dann wieder entlang der Unteren Havel-Wasserstraße bis nach Ketzin. Das beschauliche Städtchen ist es wert, mindestens eine Nacht zu bleiben. In der Nähe von Ketzin liegt auch das Schloss Paretz, dass sich gut für einen Ausflug abseits des Wassers anbietet. Ketzin bietet einige Restaurants. Im Redo XXL bestellen wir selbstsicher tellergroße Burger. Für alle am Tisch ein großer Spaß. Die kulinarische Bewertung jedoch fällt gemischt aus.

Über die Potsdamer Havel geht es nach Werder. Dort machen wir einen Abstecher auf den Glindower See, wo wir am Anleger des Frucht-Erlebnis-Garten Petzow einen letzten Halt einlegen. Wir kaufen frisches Obst und stärken uns mit einem leckeren Mittagessen in der Orangerie. Über Schwielowsee an Caputh vorbei geht es dann auf den Templiner See Richtung Potsdam. Über den Wannsee nähern wir uns wieder unserem Ausgangspunkt, der Marina Lanke. Als wir das Boot zurückgeben und sich damit auch Ben von der Rettungsweste trennen soll, lässt er dies nur sehr wiederwillig zu. Mit dem Satz „Der Kapitän trägt immer die Rettungsweste“ hatte er die Weste zu Beginn der Reise zwar nur fürs erste akzeptiert. Als er dann jedoch die Pfeife daran entdeckt hatte, war er so begeistert, dass er die Wes-te zum selbstverständlichen Accessoire für die ganze Fahrt machte. Am Schluss der Reise wäre er natürlich gern noch etwas länger Kapitän gewesen, sodass wir dem nächsten Bootstörn entspannt entgegensehen.

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