Entdeckung der Langsamkeit

By |19,1 min read|3729 words|Published On: 10. April 2020|
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Hausboottörn – von den Oberseen über die Müritz zur Kleinseenplatte

 

Bei jedem Schritt wankt der Boden unter meinen Füßen. Mein Bett scheint des Nachts zu schaukeln. Schon so großen Seefahrern wie Charles Darwin oder Odysseus machte der Seegang nach langen Schiffsreisen zu schaffen. Dass ich noch einen Tag nach dem Hausbooturlaub die Wogen der Wellen unter meinen Füßen spüre, liegt also keinesfalls daran, dass ich das erste Mal sieben Tage auf einem Boot verbrachte. Es ist normal und es erinnert mich an das bezaubernde Erlebnis einer Seefahrt durch die Gewässer der Mecklenburgischen Seenplatte.

Großstädter auf Seereise

Vier Städter stehen durchnässt – mit zu viel Gepäck und zu dünn angezogen – am Bahnhof Malchow. Es hat begonnen, wie aus Eimern zu regnen und ich stelle fest, dass ich keine anderen Schuhe als meine Stoffturnschuhe, die ich an meinen mittlerweile klatschnassen Füßen trage, dabei habe. Die anderen sind nicht besser ausgerüstet. Niemand von uns hat jemals eine längere Bootstour als eine Dampferfahrt über die Spree unternommen. Eine Spreefahrt dauert meist nur einige Stunden und man muss als Gast nur sitzen und gucken. Gut, paddeln waren wir alle schonmal. Eine Hausbootfahrt, bei der man ein motorbetriebenes Boot lenken, ankern, schleusen und manövrieren muss – das ist etwas Neues. Und ich kann nicht behaupten, nicht ein klein wenig Nervosität zu verspüren, als wir mit dem Taxi, das uns zum Glück bald am Bahnhof Malchow einsammelt, in Richtung der Bootsstation von Locaboat in Untergöhren fahren.

Als wir in Untergöhren am Fleesensee ankommen, empfängt uns Nancy, die treue Seele von Locaboat. Sie ist herzlich und ganz entspannt – scheinbar hat sie keine Angst, vier Bootsfrischlinge an Bord ihrer Seenplatte-Kreuzer zu lassen. Das beruhigt. Als wir uns kurz angemeldet haben, schickt uns Nancy zum Steg. Wir sollen uns schon mal auf unserem neuen Zuhause für die nächsten sieben Tage einrichten. Unser Hausboot ist die „Malge“. Das wohlige Gefühl, das uns Nancy beim Empfang gab, verschwindet sofort, als wir das riesige, erschreckende elf Meter lange Boot erblicken. Das soll einer von uns fahren? Ich lege mir schonmal eine Ausrede zurecht, warum ich nicht diese Eine sein werde.

Wir öffnen die Schiebetür, die in den Rumpf der Malge führt und sind erstaunt. Ein relativ geräumiger, gemütlicher Wohnbereich erwartet uns unter Deck. Die ersten begeisterten Rufe ertönen, als wir die drei Kabinen, die Bäder en suite und die kleine, voll ausgerüstete Küche inspizieren. Herd, Backofen, Kühlschrank, Sonnenterrasse: Alles, was wir brauchen, ist da – fehlt nur noch ein Käpt‘n und eine kompetente Crew. Aber das kriegen wir auch noch hin.

Wer ist der Käpt‘n?

Ich öffne die Tür, als ein Mitarbeiter von Locaboat anklopft. Der Hafenarbeiter Thomas wird uns in die Geheimnisse des Bootfahrens einweisen. „Wer ist der Käpt‘n?“ -– auf diese Frage habe ich mich tagelang vorbereitet. Schließlich bin ich zu dem Schluss gekommen, dass ich als Reporterin, die keine noch so großen Abenteuer scheut, das Steuer in die Hand nehmen muss. Ein leises, unsicheres „Ich“ schlüpft mir über die Lippen und Thomas sieht mich skeptisch an. „Na dann komm‘ mal mit, wir machen jetzt den praktischen Teil.“ Jetzt sofort? Raus auf den See fahren? Nervös frage ich, ob mich meine Mannschaft begleiten darf. Natürlich darf sie das, schließlich müssen alle lernen, mit diesem Boot umzugehen.

Als erstes drehe ich den Zündschlüssel um, dann zeigt uns Thomas, wie wir die Leinen vom Steg abmachen und dann geht es rauf auf den Außenstand. Bei diesem Wetter nicht der angenehmste Ort, aber von hier oben kann ich alles bestens überblicken. Und schließlich bin ich es, die jetzt das Boot aus dem Hafen lenken soll. Eigentlich sollte man bei Windstärke 4 nicht mehr hinausfahren, „aber irgendwas müssen wir ja üben, bevor ihr allein losfahrt“, meint Thomas. Das Ausparken klappt schon ganz gut. Auf dem See merke ich, warum es keine gute Idee ist, bei Wellen, die schon weiße Schaumkronen tragen, hinauszufahren. Zum Glück ist das nur eine Übung.

Bootstour, Oberseen, Müritz, Kleinseenplatte © Magazin Seenland
Ein Spätsommerabend an Deck der Malge,
umgeben vom stillen See und leuchtenden Bäumen.

Wir drehen ein paar Runden, probieren Lenkmanöver und lernen, wie man am besten bei Wind in den Hafen einfährt. Das Vor-zurück-vor-zurück-Prinzip beim Einparken habe ich schon ganz gut drauf. Lobende Worte von der Mannschaft. Durchgefroren geht es jetzt zu Nancy, die uns die Theorie des Bootfahrens näher bringen soll. Im kleinen Aufenthaltsraum ist es schon gemütlicher und bei Gummibärchen und Kaffee lässt es sich ganz gut Verkehrsregeln pauken. So viel zu lernen gibt es aber gar nicht und so entlässt Nancy uns nach einer Dreiviertelstunde mit unserem Charterschein. Jetzt bin ich also Bootskäpt‘n für sieben Tage.

Auf hoher See

Der Wind lässt an diesem Abend nicht mehr nach und so verbringen wir die erste Nacht noch am Steg von Locaboat. Nachts schlägt das Wasser kräftig gegen den Bootsrumpf und wir werden in unseren gemütlichen Kabinen in den Schlaf geschaukelt.
Ein Blick durch das Kojenfenster am nächsten Morgen verheißt Gutes: Nur wenige zerrupfte Wölkchen hängen zwischen dem blauen Himmel und dem stillen See. Es kann also losgehen. Gefrühstückt wird mit warmen Brötchen, Rührei und Kaffee – das Leben unter Deck findet seinen perfekten Start.

Als wir endlich aus dem Hafen fahren, werden uns vom Steg aus Anweisungen zugerufen, mit deren Hilfe wir mehr oder weniger elegant auf den Fleesensee hinausfahren. Wir halten Ausschau nach den roten und grünen Bojen und tuckern ganz entspannt, die Fahrrinne entlang, in Richtung Plauer See. Ein angenehmer Wind streicht uns über die Gesichter, die Haare aus der Stirn, und wir fühlen uns schon in die Zeiten von großen Seefahrern, wie Humboldt oder Kolumbus, versetzt. Volle Fahrt voraus! Aber nach etwa einer halben Stunde ist das große Seefahrerglück erst einmal vorbei. Es heißt Warten an der Drehbrücke Malchow. Die Brücke öffnet immer zur vollen Stunde und wir haben noch Zeit. Also werfen wir kurzerhand vor Malchow die Leinen aus und machen uns auf die Suche nach etwas Essbarem. Mit vollgepackten Einkaufstüten geht es zurück an Bord und die Mannschaft macht sich bereit zum Ablegen. Die Drehbrücke ist eine Touristenattraktion, die Durchfahrt wird zur Show und bei all der Aufmerksamkeit, die wir und unser Boot plötzlich bekommen, vergesse ich beinahe die Spende für das Klingelsäckchen des Schleusenwarts.

Besuch in Plau am See

In Plau am See legen wir an. Direkt hinter dem kleinen Aussichtsturm finden wir ein Plätzchen, bezahlen die Hafengebühr für vier Stunden und dann wird gekocht. Auf der Sonnenterrasse essen wir Mittag, zwar in unsere Jacken und Schals eingepackt, aber unter der strahlenden Herbstsonne. Auf unserem Deck sind wir die Touristenattraktion und fühlen uns etwas beobachtet, als dann auch noch Fotos gemacht werden.
Nach dem Essen machen wir uns auf, Plau zu erkunden. Von der blauen Hubbrücke aus beobachten wir den kleinen Fluss. Die Brücke wurde 1916 errichtet und ist mit einer maximalen Höhe von 1,86 Metern die höchste Hubbrücke Mecklenburgs. Im Burgturm, der von der einstigen großen Festungsanlage übrig geblieben ist, werfen wir Centstücke in das elf Meter tiefe Verlies. Hier wurden im 15. Jahrhundert Diebe und Gauner bis zu drei Monate im Dunkeln, ohne Toilette nur mit Wasser und Brot eingesperrt. Oben, in der Turmspitze, zieht die Turmwächterin uns extra die große Uhr ohne Ziffernblatt auf. Ein wirres Zahnradkonstrukt setzt sich in Gang. Früher hätte man die genaue Uhrzeit nicht gebraucht, es galt nur, dass die Arbeit für den Tag geschafft war, berichtet uns die Wächterin. Dann schallt die Glocke.

Blick von Plau auf den gleichnamigen See.

Anker lassen

Die Luft wird kühl und der Himmel färbt sich orange, als wir wieder zu unserer Malge zurückkehren. Wir machen die Leinen los. Das Abendlicht wollen wir noch nutzen, um eine kleine Bucht im Plauer See zu finden, wo wir über Nacht ankern können. Wir ankern vor einem von Schilf bewachsenen Ufer, die hohen Bäume werden im abendlichen Schummer schon undeutlich und werfen dunkle Schatten auf den See. Um das Boot herum gibt es bald nur noch ein diffuses Scheinen auf der Wasseroberfläche und hohe, dunkle Baumreihen, die im leichten Wind ein schönes Abendrauschen über die Bucht legen. Die Nacht ist klar und nachdem wir eine Weile über Deck gestanden und die Sterne bestaunt haben, gibt es Abendbrot: Spaghetti mit Tomatensauce. An diesem Abend notiere ich mir einen weiteren Punkt auf meine Wunschliste für die Zukunft: Ein Seegrundstück.

Mit Gepolter über den Kölpinsee

Um sieben Uhr springt der Motor an. Das Rasseln der Ankerkette ertönt. Ich liege noch in der Koje, schaue verschlafen aus dem Fenster. Das Ufer sieht gefährlich nah aus. Ich gehe an Deck und entdecke einen Teil der Mannschaft, der schon schwer am arbeiten ist. Nachts sind wir immer weiter an das Ufer getrieben, scheinbar lag der Anker nicht fest genug. Jetzt heißt es Vollgas geben, zum Glück habe ich eine so aufmerksame Crew.
Die nächste Katastrophe bahnt sich an: Es gibt nichts Essbares mehr auf dem Boot und wir müssen schleunigst irgendwo einen Bäcker finden. Um acht Uhr fahren wir zurück nach Malchow, die Drehbrücke öffnet erst um zehn. Es bleibt also genug Zeit, um anzulegen und Brötchen kaufen zu gehen.

Malchow, Luftkurort in der Seenplatte mit Altstadt in Insellage.

Draußen regnet es. Frühstück gibt es heute unter Deck. Wir haben eine lange Strecke vor uns: Heute Abend wollen wir im Hafen von Waren an der Müritz anlegen und dort die Nacht verbringen.
Schaumkronen liegen auf den Wellen, als wir über den Kölpiner See fahren. Heftig schlagen sie gegen den Bootsrumpf. Das bedeutet Windstärke vier, bei der man eigentlich nicht auf den See rausfahren soll. Da mit uns noch andere Boote die Überfahrt wagen, lassen wir uns nicht einschüchtern. Ich bin heute Kapitän und bringe das Boot souverän durch den Sturm. Nach einer holprigen Tour erreichen wir die Binnenmüritz, wo der Seegang nachlässt. Der Wind bläst trotzdem noch kräftig, als ich in den Hafen einfahre. So werde ich in den engen Durchfahrten beinahe gegen eine ziemlich teuer aussehende Yacht geweht, den großen Rums kann ich aber verhindern.
Wer in Waren über Nacht am Hafen anlegen will, muss etwas tiefer in die Schiffskasse greifen. 23 Euro bezahlen wir, sanitäre Anlagen nicht inbegriffen. Dafür haben wir einen schönen Blick auf den gemütlichen Hafen, den Glockenturm und kleine Cafés.
Ein Spaziergang durch das hübsche Städtchen fällt leider kurz aus, da es wieder anfängt zu regnen. Wir machen einen Abstecher über den mit Kopfstein bepflasterten Marktplatz, vorbei an Fachwerkhäusern. Als mein Regenschirm den Geist aufgibt, geht es wieder zurück unter Deck, wo wir einen gemütlichen Abend verbringen.

 

Geburtstag auf See

Einige Skipper machen schon ihre Boote bereit, Jogger laufen am Kai entlang, die Taue baumeln ruhig an den Pollern. Es ist windstill im Hafen von Waren, als ich an diesem Morgen aus dem Kajütenfenster schaue. Die Glocken des hübschen Backsteinkirchturms schlagen drei mal, die Turmspitze ragt in eine weiße Wolkendecke, die schon langsam ein wenig aufplatzt und hellblauen Himmel durchlässt.
Als ich vor einigen Jahren mit meiner Familie an den Hafenkais von Waren entlang lief, hätte ich nicht gedacht, dass ich eines Tages meinen Geburtstag auf einem Hausboot, angeleint an einen Poller im Warener Hafen, feiern würde. Heute wird groß aufgetischt: Geburtstagskuchen, Geburtstagsrührei und Geburtstagsbrötchen. Und natürlich Geburtstagsgeschenke. Aber lange können wir nicht feiern, denn wir wollen weiter über die große Müritz.
Nach dem Frühstück wird der Wassertank aufgefüllt. Dann lotst uns der Hafenmeister zwischen die engen Stege zur Abwasserleerung. Er gibt uns noch ein paar hilfreiche Tipps mit auf den Weg. Unser Kapitän Nummer zwei versteht sich prächtig mit dem Hafenmeister, als der ihm erklärt, wie er am besten ausparkt: „Der Hintern vom Boot muss zuerst raus.“ „Geht klar,“ und beide schieben zur bildlichen Veranschaulichung ihre Gesäße hin und her. So klappt das Ausparken auf Anhieb und wir sind wieder in voller Fahrt auf dem Wasser. Diesmal Richtung Müritz.

Geburtstagstisch auf dem Hausboot im Hafen von Waren (Müritz).

Über die Müritz

Auf dem größten See Deutschlands ist es heute ruhig. Nur schwach schlagen die Wellen gegen den Bootsrumpf. Für Seefahrtsanfänger ist der Herbst die perfekte Zeit, um einen ersten Bootsurlaub zu machen: Es ist selten großer Verkehr auf dem Wasser und das Fahren gestaltet sich sehr entspannt. Nur heute, auf der Müritz, kreuzen schon mehr Motorboote und Segler unsere Route. Wie war das gleich mit der Vorfahrt? Unter Deck wird die Karte studiert und der nächste Zwischenstopp auserkoren. In Röbel gibt es Mittag.
Durch die kleine Stadt führen Kopfsteinpflasterstraßen, auf denen wir entlang schlendern und uns die bunten Fachwerkhäuser und die schöne, gotische Marienkirche anschauen.
Es ist 18 Uhr als wir zurück auf das Hausboot kommen und wir planen auch diese Nacht wieder auf dem See zu ankern. Noch vor Sonnenuntergang wollen wir in Mirow ankommen. Wir machen uns auf den Weg durch die Müritz-Havel-Wasserstraße. Der Kanal hat etwas märchenhaft Verzaubertes, hohe Gräser wachsen an seinem Ufer und knorrige Apfelbäume und Weiden, die mit ihren dünnen Zweigen die ruhige Wasseroberfläche berühren. Langsam tuckern wir an weiten Feldern und Wiesen vorbei, die Blätter der Bäume wechseln schon ihre Farben und lassen den nahenden Herbst erahnen. An einer Flussbiegung liegen bunte Bootshäuschen am Ufer, die von der Abendsonne noch kräftigere Farben bekommen. Die Wasseroberfläche reflektiert golden, alles ist still und niemand kreuzt unseren Weg auf der Wasserstraße.

Kurz vor Mirow kommen wir an die erste Schleuse auf unserer Tour. Langsam fahre ich heran, nach einer kurzen Weile bewegt sich das schwere Stahltor nach oben und als die Ampel auf grün schaltet, fahre ich in den Schleusenkanal. Die Crew steht bereit, macht die Leinen fest und ich stelle den Motor aus. Gemächlich geht es abwärts. Außer einiger kleiner Missverständnisse hat die Crew alles im Griff und wir können unbeschadet weiterfahren.

Direkt hinter der Straßenbrücke bei der Einfahrt in den Mirower See hat der Fischer seinen Imbiss.

Als wir auf dem Mirower See ankommen, dämmert es schon. Wir überqueren den See, vorbei an den beleuchteten Gastanlegern. Ganz hinten macht der See noch mal eine Biege nach links, hier ankern wir in einer stillen Bucht. Im Dunkeln ankern ist gar nicht so einfach, aber die Crew schätzt die Entfernung zum Ufer mit gemeinsamer Sehkraft ab und die Kette rattert in die Tiefen des Wassers. Wir haben die Bucht ganz für uns allein, denken wir als wir zufrieden zum Essen zusammensitzen. Doch mitten aus der Dunkelheit kommt plötzlich ein kleines Licht auf uns zu. Immer näher und näher schwebt es über die Wasseroberfläche. Dann ertönt eine Stimme, die ein freundliches „Ahoi“ zu uns hereinruft. Eine Rudermannschaft sitzt in dem Kanadier, Taschenlampen auf den Köpfen. Es kommen an diesem Abend noch einige Paddler vorbei, wir erkennen sie an den schwebenden Lichtern und dem leisen Geräusch beim Eintauchen der Ruder.

Auf den Rheinsberger Gewässern

Am fünften Tag fällt mir ein, dass mir das Internet in den letzten Tagen kein bisschen fehlte. Auch auf Fernsehen, schnelles Vorankommen von A nach B oder den Trubel der Großstadt lässt sich leicht verzichten. Ich habe die Langsamkeit und Ruhe für mich entdeckt und kann mir schon nicht mehr vorstellen, wie es ist, ohne Wasser unter dem Bett zu schlafen.
Die Bucht liegt am Morgen noch unter einer dichten, grauweißen Wolkendecke, nur über den Baumwipfeln glänzt schon ein gelbweißlicher Strich Sonnenlicht. Kurz fallen ein paar Regentropfen, dann ziehen die Wolken weiter und hinterlassen einen blassblauen Himmel. Das Boot dreht sich langsam am Anker und gibt den Blick auf ein kleines Fischerboot frei, in dem zwei Angler sitzen. Plötzlich erscheinen mir Dinge wie Angeln eine großartige Idee. In Berlin wäre mir der Gedanke daran blödsinnig vorgekommen.
Die Mannschaft frühstückt über Deck. Die Luft ist mild. Ein Schwan leistet uns Gesellschaft und wir vermuten bald, dass er sich in unser großes, weißen Schiff verliebt hat. Er weicht uns nicht mehr von der Seite. Wir müssen ihn aber leider enttäuschen: Nach einer wunderschönen Nacht zieht das Schiff weiter und der Schwan sieht ihm wehleidig hinterher.
Für uns läuft dieser Tag perfekt. Die Sonne erscheint endlich ganz ohne Wolken am blauen Himmel, T-Shirt-Wetter! Wir legen an dem Steg vor der „Mirower Fischerstuw“ an, wo wir uns vier große Teller leckeren Räucherfisch und hausgemachten Kartoffelsalat gönnen.
Nach Rheinsberg durchqueren wir wildromantische Kanäle, an ihren Ufern gibt es wieder viel Malerisches zu sehen. In Rheinsberg angekommen, legen wir erstmal im Yachthafen an, füllen den Wassertank auf und kaufen, für die letzten zwei Abende auf dem Boot, ein. Diese Nacht wollen wir noch einmal die Liegegebühr sparen und legen schon im Dunkeln ab, um direkt gegenüber dem Hafen in einer Bucht zu ankern. Die kurze Überfahrt gestaltet sich abenteuerlich: Anders als am Auto gibt es am Boot nicht wirklich hilfreiche Scheinwerfer. Wir tasten uns zaghaft vorwärts und wieder müssen wir abschätzen, wie weit das Ufer entfernt ist. Eine Weile beobachten wir die Lichter am anderen Ufer, um auszumachen, ob das Boot festliegt oder abtreibt. Als die Lichter sich nicht wegbewegen, essen wir beruhigt Abendbrot: Spaghetti mit Tomatensauce, Salat und Rotwein.

 

Ein Kulturausflug

Nach einem ruhigen Vormittag auf der Sonnenterrasse, fahren wir wieder in den Yachthafen Rheinsberg ein, um uns das Rheinsberger Schloss anzuschauen. In nur wenigen Minuten zu Fuß erreichen wir das hübsche Bauwerk. Das Wetter ist herbstlich, die Trauerweide und der dicke Kastanienbaum vor dem Schloss schwanken im aufkommenden Wind. Im Schloss folgen wir dem Audioguide und erfahren interessante Geschichten über die berühmten Schlossherren Friedrich der Große und Heinrich der Preuße, die die Räumlichkeiten gestalteten und belebten. Beeindruckend sind der Muschelsaal, dessen Stuck aus echten Muscheln und Korallen gestaltet wurde, die mit Schnitzereien geschmückten Türen und stuckverzierten, zierlich bemalten Decken und Wände. Auch die Dichter Kurt Tucholsky und Theodor Fontane schrieben über das Schloss am Ufer des Rheinsberger Sees, das sie anzog und inspirierte.

Auf dem Rückweg zum Boot dämmert es und der Herbstwind greift kühl unter unsere Jacken. Aufgeplatzte Kastanien und braune, vertrocknete Blätter liegen auf allen Wegen. Die Tage an diesem Septemberende werfen uns hin und her zwischen sommerlichen Temperaturen und eisigen Abenden unter Deck. Noch Gestern, erzählen uns die Nachbarn am Steg, hätten sie auf ihrem Deck grillen können, heute macht uns der Herbstwind die Haare wirr und wir müssen Mützen tragen.

So geht Urlaub auf dem Boot; ganz nah an der Natur.

Den Abend und die Nacht verbringen wir in einer kleinen Bucht auf dem Bikowsee, wo schon ein anderes Boot ankert. Zwischen Schilfwiesen und dichten Herbstbäumen lassen wir die schwere Ankerkette herab und schalten unser Ankerlicht ein. Kurz vor dem Schlafengehen müssen wir feststellen, dass der Wassertank nur einen Tag gereicht hat und nun vollends leer ist. Weder die Toiletten, noch die Wasserhähne funktionieren und so müssen wir mit dem Pütz auf dem Außendeck und dem Mineralwasser, das wir noch an Bord haben, improvisieren. Auftanken können wir erst wieder am nächsten Tag.

In Gedanken auf dem See

Der letzte Tag auf dem Boot bricht an. Es geht nach Fürstenberg, unserer Endstation. Dort müssen wir das Boot um neun Uhr früh am nächsten Morgen abgeben. Vorher füllen wir den Wassertank in Kleinzerlang auf. Draußen ist es kühl und windig, also machen wir es uns unter Deck mit heißem Kakao gemütlich.
Am Anleger von Locaboat verbringen wir den Abend und die letzte Nacht. Wir bringen das Unterdeck des Boots auf Vordermann und räumen die Kabinen auf. Am milden Abend sitzen wir auf dem Deck, wo wir ein letztes Mal von unserem Hausboot über die blanke Wasseroberfläche, die die herbstbunten Bäume spiegelt, schauen.
Am letzten Morgen geht alles ganz schnell. Die Sachen werden gepackt, auf den Steg gebracht und der Schlüssel übergeben. Wir verabschieden uns beim Hafenarbeiter und laufen, bepackt mit dem Gepäck von sieben Tagen, durch Fürstenberg zum Bahnhof.
Angekommen in Berlin. Hauptbahnhof. Wir sind umgeben von Menschenmengen, Stimmengewirr und Eile. Draußen rasen die Autos an uns vorbei, Baustellen versperren die Wege. Wir brauchen lange, bis wir endlich im richtigen Bus nach Hause sitzen. Zurück in der Großstadt wird uns plötzlich bewusst, wie langsam und still doch die letzte Woche war. Nachts spüre ich noch das Schwanken des Bootsrumpfs.

Dieser Törnbericht stammt aus der Ausgabe Seenland 2013.

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Hausboottörn – von den Oberseen über die Müritz zur Kleinseenplatte

 

Bei jedem Schritt wankt der Boden unter meinen Füßen. Mein Bett scheint des Nachts zu schaukeln. Schon so großen Seefahrern wie Charles Darwin oder Odysseus machte der Seegang nach langen Schiffsreisen zu schaffen. Dass ich noch einen Tag nach dem Hausbooturlaub die Wogen der Wellen unter meinen Füßen spüre, liegt also keinesfalls daran, dass ich das erste Mal sieben Tage auf einem Boot verbrachte. Es ist normal und es erinnert mich an das bezaubernde Erlebnis einer Seefahrt durch die Gewässer der Mecklenburgischen Seenplatte.

Großstädter auf Seereise

Vier Städter stehen durchnässt – mit zu viel Gepäck und zu dünn angezogen – am Bahnhof Malchow. Es hat begonnen, wie aus Eimern zu regnen und ich stelle fest, dass ich keine anderen Schuhe als meine Stoffturnschuhe, die ich an meinen mittlerweile klatschnassen Füßen trage, dabei habe. Die anderen sind nicht besser ausgerüstet. Niemand von uns hat jemals eine längere Bootstour als eine Dampferfahrt über die Spree unternommen. Eine Spreefahrt dauert meist nur einige Stunden und man muss als Gast nur sitzen und gucken. Gut, paddeln waren wir alle schonmal. Eine Hausbootfahrt, bei der man ein motorbetriebenes Boot lenken, ankern, schleusen und manövrieren muss – das ist etwas Neues. Und ich kann nicht behaupten, nicht ein klein wenig Nervosität zu verspüren, als wir mit dem Taxi, das uns zum Glück bald am Bahnhof Malchow einsammelt, in Richtung der Bootsstation von Locaboat in Untergöhren fahren.

Als wir in Untergöhren am Fleesensee ankommen, empfängt uns Nancy, die treue Seele von Locaboat. Sie ist herzlich und ganz entspannt – scheinbar hat sie keine Angst, vier Bootsfrischlinge an Bord ihrer Seenplatte-Kreuzer zu lassen. Das beruhigt. Als wir uns kurz angemeldet haben, schickt uns Nancy zum Steg. Wir sollen uns schon mal auf unserem neuen Zuhause für die nächsten sieben Tage einrichten. Unser Hausboot ist die „Malge“. Das wohlige Gefühl, das uns Nancy beim Empfang gab, verschwindet sofort, als wir das riesige, erschreckende elf Meter lange Boot erblicken. Das soll einer von uns fahren? Ich lege mir schonmal eine Ausrede zurecht, warum ich nicht diese Eine sein werde.

Wir öffnen die Schiebetür, die in den Rumpf der Malge führt und sind erstaunt. Ein relativ geräumiger, gemütlicher Wohnbereich erwartet uns unter Deck. Die ersten begeisterten Rufe ertönen, als wir die drei Kabinen, die Bäder en suite und die kleine, voll ausgerüstete Küche inspizieren. Herd, Backofen, Kühlschrank, Sonnenterrasse: Alles, was wir brauchen, ist da – fehlt nur noch ein Käpt‘n und eine kompetente Crew. Aber das kriegen wir auch noch hin.

Wer ist der Käpt‘n?

Ich öffne die Tür, als ein Mitarbeiter von Locaboat anklopft. Der Hafenarbeiter Thomas wird uns in die Geheimnisse des Bootfahrens einweisen. „Wer ist der Käpt‘n?“ -– auf diese Frage habe ich mich tagelang vorbereitet. Schließlich bin ich zu dem Schluss gekommen, dass ich als Reporterin, die keine noch so großen Abenteuer scheut, das Steuer in die Hand nehmen muss. Ein leises, unsicheres „Ich“ schlüpft mir über die Lippen und Thomas sieht mich skeptisch an. „Na dann komm‘ mal mit, wir machen jetzt den praktischen Teil.“ Jetzt sofort? Raus auf den See fahren? Nervös frage ich, ob mich meine Mannschaft begleiten darf. Natürlich darf sie das, schließlich müssen alle lernen, mit diesem Boot umzugehen.

Als erstes drehe ich den Zündschlüssel um, dann zeigt uns Thomas, wie wir die Leinen vom Steg abmachen und dann geht es rauf auf den Außenstand. Bei diesem Wetter nicht der angenehmste Ort, aber von hier oben kann ich alles bestens überblicken. Und schließlich bin ich es, die jetzt das Boot aus dem Hafen lenken soll. Eigentlich sollte man bei Windstärke 4 nicht mehr hinausfahren, „aber irgendwas müssen wir ja üben, bevor ihr allein losfahrt“, meint Thomas. Das Ausparken klappt schon ganz gut. Auf dem See merke ich, warum es keine gute Idee ist, bei Wellen, die schon weiße Schaumkronen tragen, hinauszufahren. Zum Glück ist das nur eine Übung.

Bootstour, Oberseen, Müritz, Kleinseenplatte © Magazin Seenland
Ein Spätsommerabend an Deck der Malge,
umgeben vom stillen See und leuchtenden Bäumen.

Wir drehen ein paar Runden, probieren Lenkmanöver und lernen, wie man am besten bei Wind in den Hafen einfährt. Das Vor-zurück-vor-zurück-Prinzip beim Einparken habe ich schon ganz gut drauf. Lobende Worte von der Mannschaft. Durchgefroren geht es jetzt zu Nancy, die uns die Theorie des Bootfahrens näher bringen soll. Im kleinen Aufenthaltsraum ist es schon gemütlicher und bei Gummibärchen und Kaffee lässt es sich ganz gut Verkehrsregeln pauken. So viel zu lernen gibt es aber gar nicht und so entlässt Nancy uns nach einer Dreiviertelstunde mit unserem Charterschein. Jetzt bin ich also Bootskäpt‘n für sieben Tage.

Auf hoher See

Der Wind lässt an diesem Abend nicht mehr nach und so verbringen wir die erste Nacht noch am Steg von Locaboat. Nachts schlägt das Wasser kräftig gegen den Bootsrumpf und wir werden in unseren gemütlichen Kabinen in den Schlaf geschaukelt.
Ein Blick durch das Kojenfenster am nächsten Morgen verheißt Gutes: Nur wenige zerrupfte Wölkchen hängen zwischen dem blauen Himmel und dem stillen See. Es kann also losgehen. Gefrühstückt wird mit warmen Brötchen, Rührei und Kaffee – das Leben unter Deck findet seinen perfekten Start.

Als wir endlich aus dem Hafen fahren, werden uns vom Steg aus Anweisungen zugerufen, mit deren Hilfe wir mehr oder weniger elegant auf den Fleesensee hinausfahren. Wir halten Ausschau nach den roten und grünen Bojen und tuckern ganz entspannt, die Fahrrinne entlang, in Richtung Plauer See. Ein angenehmer Wind streicht uns über die Gesichter, die Haare aus der Stirn, und wir fühlen uns schon in die Zeiten von großen Seefahrern, wie Humboldt oder Kolumbus, versetzt. Volle Fahrt voraus! Aber nach etwa einer halben Stunde ist das große Seefahrerglück erst einmal vorbei. Es heißt Warten an der Drehbrücke Malchow. Die Brücke öffnet immer zur vollen Stunde und wir haben noch Zeit. Also werfen wir kurzerhand vor Malchow die Leinen aus und machen uns auf die Suche nach etwas Essbarem. Mit vollgepackten Einkaufstüten geht es zurück an Bord und die Mannschaft macht sich bereit zum Ablegen. Die Drehbrücke ist eine Touristenattraktion, die Durchfahrt wird zur Show und bei all der Aufmerksamkeit, die wir und unser Boot plötzlich bekommen, vergesse ich beinahe die Spende für das Klingelsäckchen des Schleusenwarts.

Besuch in Plau am See

In Plau am See legen wir an. Direkt hinter dem kleinen Aussichtsturm finden wir ein Plätzchen, bezahlen die Hafengebühr für vier Stunden und dann wird gekocht. Auf der Sonnenterrasse essen wir Mittag, zwar in unsere Jacken und Schals eingepackt, aber unter der strahlenden Herbstsonne. Auf unserem Deck sind wir die Touristenattraktion und fühlen uns etwas beobachtet, als dann auch noch Fotos gemacht werden.
Nach dem Essen machen wir uns auf, Plau zu erkunden. Von der blauen Hubbrücke aus beobachten wir den kleinen Fluss. Die Brücke wurde 1916 errichtet und ist mit einer maximalen Höhe von 1,86 Metern die höchste Hubbrücke Mecklenburgs. Im Burgturm, der von der einstigen großen Festungsanlage übrig geblieben ist, werfen wir Centstücke in das elf Meter tiefe Verlies. Hier wurden im 15. Jahrhundert Diebe und Gauner bis zu drei Monate im Dunkeln, ohne Toilette nur mit Wasser und Brot eingesperrt. Oben, in der Turmspitze, zieht die Turmwächterin uns extra die große Uhr ohne Ziffernblatt auf. Ein wirres Zahnradkonstrukt setzt sich in Gang. Früher hätte man die genaue Uhrzeit nicht gebraucht, es galt nur, dass die Arbeit für den Tag geschafft war, berichtet uns die Wächterin. Dann schallt die Glocke.

Blick von Plau auf den gleichnamigen See.

Anker lassen

Die Luft wird kühl und der Himmel färbt sich orange, als wir wieder zu unserer Malge zurückkehren. Wir machen die Leinen los. Das Abendlicht wollen wir noch nutzen, um eine kleine Bucht im Plauer See zu finden, wo wir über Nacht ankern können. Wir ankern vor einem von Schilf bewachsenen Ufer, die hohen Bäume werden im abendlichen Schummer schon undeutlich und werfen dunkle Schatten auf den See. Um das Boot herum gibt es bald nur noch ein diffuses Scheinen auf der Wasseroberfläche und hohe, dunkle Baumreihen, die im leichten Wind ein schönes Abendrauschen über die Bucht legen. Die Nacht ist klar und nachdem wir eine Weile über Deck gestanden und die Sterne bestaunt haben, gibt es Abendbrot: Spaghetti mit Tomatensauce. An diesem Abend notiere ich mir einen weiteren Punkt auf meine Wunschliste für die Zukunft: Ein Seegrundstück.

Mit Gepolter über den Kölpinsee

Um sieben Uhr springt der Motor an. Das Rasseln der Ankerkette ertönt. Ich liege noch in der Koje, schaue verschlafen aus dem Fenster. Das Ufer sieht gefährlich nah aus. Ich gehe an Deck und entdecke einen Teil der Mannschaft, der schon schwer am arbeiten ist. Nachts sind wir immer weiter an das Ufer getrieben, scheinbar lag der Anker nicht fest genug. Jetzt heißt es Vollgas geben, zum Glück habe ich eine so aufmerksame Crew.
Die nächste Katastrophe bahnt sich an: Es gibt nichts Essbares mehr auf dem Boot und wir müssen schleunigst irgendwo einen Bäcker finden. Um acht Uhr fahren wir zurück nach Malchow, die Drehbrücke öffnet erst um zehn. Es bleibt also genug Zeit, um anzulegen und Brötchen kaufen zu gehen.

Malchow, Luftkurort in der Seenplatte mit Altstadt in Insellage.

Draußen regnet es. Frühstück gibt es heute unter Deck. Wir haben eine lange Strecke vor uns: Heute Abend wollen wir im Hafen von Waren an der Müritz anlegen und dort die Nacht verbringen.
Schaumkronen liegen auf den Wellen, als wir über den Kölpiner See fahren. Heftig schlagen sie gegen den Bootsrumpf. Das bedeutet Windstärke vier, bei der man eigentlich nicht auf den See rausfahren soll. Da mit uns noch andere Boote die Überfahrt wagen, lassen wir uns nicht einschüchtern. Ich bin heute Kapitän und bringe das Boot souverän durch den Sturm. Nach einer holprigen Tour erreichen wir die Binnenmüritz, wo der Seegang nachlässt. Der Wind bläst trotzdem noch kräftig, als ich in den Hafen einfahre. So werde ich in den engen Durchfahrten beinahe gegen eine ziemlich teuer aussehende Yacht geweht, den großen Rums kann ich aber verhindern.
Wer in Waren über Nacht am Hafen anlegen will, muss etwas tiefer in die Schiffskasse greifen. 23 Euro bezahlen wir, sanitäre Anlagen nicht inbegriffen. Dafür haben wir einen schönen Blick auf den gemütlichen Hafen, den Glockenturm und kleine Cafés.
Ein Spaziergang durch das hübsche Städtchen fällt leider kurz aus, da es wieder anfängt zu regnen. Wir machen einen Abstecher über den mit Kopfstein bepflasterten Marktplatz, vorbei an Fachwerkhäusern. Als mein Regenschirm den Geist aufgibt, geht es wieder zurück unter Deck, wo wir einen gemütlichen Abend verbringen.

 

Geburtstag auf See

Einige Skipper machen schon ihre Boote bereit, Jogger laufen am Kai entlang, die Taue baumeln ruhig an den Pollern. Es ist windstill im Hafen von Waren, als ich an diesem Morgen aus dem Kajütenfenster schaue. Die Glocken des hübschen Backsteinkirchturms schlagen drei mal, die Turmspitze ragt in eine weiße Wolkendecke, die schon langsam ein wenig aufplatzt und hellblauen Himmel durchlässt.
Als ich vor einigen Jahren mit meiner Familie an den Hafenkais von Waren entlang lief, hätte ich nicht gedacht, dass ich eines Tages meinen Geburtstag auf einem Hausboot, angeleint an einen Poller im Warener Hafen, feiern würde. Heute wird groß aufgetischt: Geburtstagskuchen, Geburtstagsrührei und Geburtstagsbrötchen. Und natürlich Geburtstagsgeschenke. Aber lange können wir nicht feiern, denn wir wollen weiter über die große Müritz.
Nach dem Frühstück wird der Wassertank aufgefüllt. Dann lotst uns der Hafenmeister zwischen die engen Stege zur Abwasserleerung. Er gibt uns noch ein paar hilfreiche Tipps mit auf den Weg. Unser Kapitän Nummer zwei versteht sich prächtig mit dem Hafenmeister, als der ihm erklärt, wie er am besten ausparkt: „Der Hintern vom Boot muss zuerst raus.“ „Geht klar,“ und beide schieben zur bildlichen Veranschaulichung ihre Gesäße hin und her. So klappt das Ausparken auf Anhieb und wir sind wieder in voller Fahrt auf dem Wasser. Diesmal Richtung Müritz.

Geburtstagstisch auf dem Hausboot im Hafen von Waren (Müritz).

Über die Müritz

Auf dem größten See Deutschlands ist es heute ruhig. Nur schwach schlagen die Wellen gegen den Bootsrumpf. Für Seefahrtsanfänger ist der Herbst die perfekte Zeit, um einen ersten Bootsurlaub zu machen: Es ist selten großer Verkehr auf dem Wasser und das Fahren gestaltet sich sehr entspannt. Nur heute, auf der Müritz, kreuzen schon mehr Motorboote und Segler unsere Route. Wie war das gleich mit der Vorfahrt? Unter Deck wird die Karte studiert und der nächste Zwischenstopp auserkoren. In Röbel gibt es Mittag.
Durch die kleine Stadt führen Kopfsteinpflasterstraßen, auf denen wir entlang schlendern und uns die bunten Fachwerkhäuser und die schöne, gotische Marienkirche anschauen.
Es ist 18 Uhr als wir zurück auf das Hausboot kommen und wir planen auch diese Nacht wieder auf dem See zu ankern. Noch vor Sonnenuntergang wollen wir in Mirow ankommen. Wir machen uns auf den Weg durch die Müritz-Havel-Wasserstraße. Der Kanal hat etwas märchenhaft Verzaubertes, hohe Gräser wachsen an seinem Ufer und knorrige Apfelbäume und Weiden, die mit ihren dünnen Zweigen die ruhige Wasseroberfläche berühren. Langsam tuckern wir an weiten Feldern und Wiesen vorbei, die Blätter der Bäume wechseln schon ihre Farben und lassen den nahenden Herbst erahnen. An einer Flussbiegung liegen bunte Bootshäuschen am Ufer, die von der Abendsonne noch kräftigere Farben bekommen. Die Wasseroberfläche reflektiert golden, alles ist still und niemand kreuzt unseren Weg auf der Wasserstraße.

Kurz vor Mirow kommen wir an die erste Schleuse auf unserer Tour. Langsam fahre ich heran, nach einer kurzen Weile bewegt sich das schwere Stahltor nach oben und als die Ampel auf grün schaltet, fahre ich in den Schleusenkanal. Die Crew steht bereit, macht die Leinen fest und ich stelle den Motor aus. Gemächlich geht es abwärts. Außer einiger kleiner Missverständnisse hat die Crew alles im Griff und wir können unbeschadet weiterfahren.

Direkt hinter der Straßenbrücke bei der Einfahrt in den Mirower See hat der Fischer seinen Imbiss.

Als wir auf dem Mirower See ankommen, dämmert es schon. Wir überqueren den See, vorbei an den beleuchteten Gastanlegern. Ganz hinten macht der See noch mal eine Biege nach links, hier ankern wir in einer stillen Bucht. Im Dunkeln ankern ist gar nicht so einfach, aber die Crew schätzt die Entfernung zum Ufer mit gemeinsamer Sehkraft ab und die Kette rattert in die Tiefen des Wassers. Wir haben die Bucht ganz für uns allein, denken wir als wir zufrieden zum Essen zusammensitzen. Doch mitten aus der Dunkelheit kommt plötzlich ein kleines Licht auf uns zu. Immer näher und näher schwebt es über die Wasseroberfläche. Dann ertönt eine Stimme, die ein freundliches „Ahoi“ zu uns hereinruft. Eine Rudermannschaft sitzt in dem Kanadier, Taschenlampen auf den Köpfen. Es kommen an diesem Abend noch einige Paddler vorbei, wir erkennen sie an den schwebenden Lichtern und dem leisen Geräusch beim Eintauchen der Ruder.

Auf den Rheinsberger Gewässern

Am fünften Tag fällt mir ein, dass mir das Internet in den letzten Tagen kein bisschen fehlte. Auch auf Fernsehen, schnelles Vorankommen von A nach B oder den Trubel der Großstadt lässt sich leicht verzichten. Ich habe die Langsamkeit und Ruhe für mich entdeckt und kann mir schon nicht mehr vorstellen, wie es ist, ohne Wasser unter dem Bett zu schlafen.
Die Bucht liegt am Morgen noch unter einer dichten, grauweißen Wolkendecke, nur über den Baumwipfeln glänzt schon ein gelbweißlicher Strich Sonnenlicht. Kurz fallen ein paar Regentropfen, dann ziehen die Wolken weiter und hinterlassen einen blassblauen Himmel. Das Boot dreht sich langsam am Anker und gibt den Blick auf ein kleines Fischerboot frei, in dem zwei Angler sitzen. Plötzlich erscheinen mir Dinge wie Angeln eine großartige Idee. In Berlin wäre mir der Gedanke daran blödsinnig vorgekommen.
Die Mannschaft frühstückt über Deck. Die Luft ist mild. Ein Schwan leistet uns Gesellschaft und wir vermuten bald, dass er sich in unser großes, weißen Schiff verliebt hat. Er weicht uns nicht mehr von der Seite. Wir müssen ihn aber leider enttäuschen: Nach einer wunderschönen Nacht zieht das Schiff weiter und der Schwan sieht ihm wehleidig hinterher.
Für uns läuft dieser Tag perfekt. Die Sonne erscheint endlich ganz ohne Wolken am blauen Himmel, T-Shirt-Wetter! Wir legen an dem Steg vor der „Mirower Fischerstuw“ an, wo wir uns vier große Teller leckeren Räucherfisch und hausgemachten Kartoffelsalat gönnen.
Nach Rheinsberg durchqueren wir wildromantische Kanäle, an ihren Ufern gibt es wieder viel Malerisches zu sehen. In Rheinsberg angekommen, legen wir erstmal im Yachthafen an, füllen den Wassertank auf und kaufen, für die letzten zwei Abende auf dem Boot, ein. Diese Nacht wollen wir noch einmal die Liegegebühr sparen und legen schon im Dunkeln ab, um direkt gegenüber dem Hafen in einer Bucht zu ankern. Die kurze Überfahrt gestaltet sich abenteuerlich: Anders als am Auto gibt es am Boot nicht wirklich hilfreiche Scheinwerfer. Wir tasten uns zaghaft vorwärts und wieder müssen wir abschätzen, wie weit das Ufer entfernt ist. Eine Weile beobachten wir die Lichter am anderen Ufer, um auszumachen, ob das Boot festliegt oder abtreibt. Als die Lichter sich nicht wegbewegen, essen wir beruhigt Abendbrot: Spaghetti mit Tomatensauce, Salat und Rotwein.

 

Ein Kulturausflug

Nach einem ruhigen Vormittag auf der Sonnenterrasse, fahren wir wieder in den Yachthafen Rheinsberg ein, um uns das Rheinsberger Schloss anzuschauen. In nur wenigen Minuten zu Fuß erreichen wir das hübsche Bauwerk. Das Wetter ist herbstlich, die Trauerweide und der dicke Kastanienbaum vor dem Schloss schwanken im aufkommenden Wind. Im Schloss folgen wir dem Audioguide und erfahren interessante Geschichten über die berühmten Schlossherren Friedrich der Große und Heinrich der Preuße, die die Räumlichkeiten gestalteten und belebten. Beeindruckend sind der Muschelsaal, dessen Stuck aus echten Muscheln und Korallen gestaltet wurde, die mit Schnitzereien geschmückten Türen und stuckverzierten, zierlich bemalten Decken und Wände. Auch die Dichter Kurt Tucholsky und Theodor Fontane schrieben über das Schloss am Ufer des Rheinsberger Sees, das sie anzog und inspirierte.

Auf dem Rückweg zum Boot dämmert es und der Herbstwind greift kühl unter unsere Jacken. Aufgeplatzte Kastanien und braune, vertrocknete Blätter liegen auf allen Wegen. Die Tage an diesem Septemberende werfen uns hin und her zwischen sommerlichen Temperaturen und eisigen Abenden unter Deck. Noch Gestern, erzählen uns die Nachbarn am Steg, hätten sie auf ihrem Deck grillen können, heute macht uns der Herbstwind die Haare wirr und wir müssen Mützen tragen.

So geht Urlaub auf dem Boot; ganz nah an der Natur.

Den Abend und die Nacht verbringen wir in einer kleinen Bucht auf dem Bikowsee, wo schon ein anderes Boot ankert. Zwischen Schilfwiesen und dichten Herbstbäumen lassen wir die schwere Ankerkette herab und schalten unser Ankerlicht ein. Kurz vor dem Schlafengehen müssen wir feststellen, dass der Wassertank nur einen Tag gereicht hat und nun vollends leer ist. Weder die Toiletten, noch die Wasserhähne funktionieren und so müssen wir mit dem Pütz auf dem Außendeck und dem Mineralwasser, das wir noch an Bord haben, improvisieren. Auftanken können wir erst wieder am nächsten Tag.

In Gedanken auf dem See

Der letzte Tag auf dem Boot bricht an. Es geht nach Fürstenberg, unserer Endstation. Dort müssen wir das Boot um neun Uhr früh am nächsten Morgen abgeben. Vorher füllen wir den Wassertank in Kleinzerlang auf. Draußen ist es kühl und windig, also machen wir es uns unter Deck mit heißem Kakao gemütlich.
Am Anleger von Locaboat verbringen wir den Abend und die letzte Nacht. Wir bringen das Unterdeck des Boots auf Vordermann und räumen die Kabinen auf. Am milden Abend sitzen wir auf dem Deck, wo wir ein letztes Mal von unserem Hausboot über die blanke Wasseroberfläche, die die herbstbunten Bäume spiegelt, schauen.
Am letzten Morgen geht alles ganz schnell. Die Sachen werden gepackt, auf den Steg gebracht und der Schlüssel übergeben. Wir verabschieden uns beim Hafenarbeiter und laufen, bepackt mit dem Gepäck von sieben Tagen, durch Fürstenberg zum Bahnhof.
Angekommen in Berlin. Hauptbahnhof. Wir sind umgeben von Menschenmengen, Stimmengewirr und Eile. Draußen rasen die Autos an uns vorbei, Baustellen versperren die Wege. Wir brauchen lange, bis wir endlich im richtigen Bus nach Hause sitzen. Zurück in der Großstadt wird uns plötzlich bewusst, wie langsam und still doch die letzte Woche war. Nachts spüre ich noch das Schwanken des Bootsrumpfs.

Dieser Törnbericht stammt aus der Ausgabe Seenland 2013.

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